Geschlechterneutrale Sprache

WIR MÜSSEN REDEN: Wenn das Genus den Sexus reizt

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 05. November 2018

Wir müssen reden

Es gibt Themen, da kann man nur Prügel beziehen. Vielleicht hat die Kollegin aus der Forum-Redaktion mir deshalb gerne diesen Brief zur Beantwortung überlassen. "Liebe Badische Zeitung, am 13. Oktober haben Sie sich und den Umgang der Medien mit dem Thema Gleichstellung selbst entlarvt – im Teil Beruf & Karriere im Ingenieure-Spezial. Darin interviewt ausgerechnet eine Frau den Vorsitzenden des VDI-Bezirks Schwarzwald und benutzt immer wieder den Begriff Ingenieur, ohne einmal die weibliche Form zu benutzen. Gleich daneben der Bericht über die Kanzlerin, die bei jungen Frauen für technische Berufe wirbt. Auf der nächsten Seite folgt der Artikel über die Aktion des Bauverbands "Werde Bauingenieur", in dem es nur um Studenten, Absolventen und Berufsanfänger geht. Wieder direkt daneben der Bericht über Barbie als Ingenieurin. Schauen Sie mal nach bei Professor Henning Lobin, Uni Mannheim: Er sagt, dass in der Sprache die alte Geschlechterordnung fortlebt und das Genus soziale Erwartungen wecke. Vielleicht können Sie, liebe Badische Zeitung, Ihren Umgang mit der deutschen Sprache nochmal überdenken und endlich zu einer Form finden, die Frauen in der Gesellschaft sichtbar macht."

Was soll ich darauf antworten? Aber Kneifen gilt nicht. Also, die Wahrheit ist eine Mischung aus Sprachgefühl, Zwang zur Kürze, Konvention und Bequemlichkeit. Auch wenn die Leserbriefschreiberin mir ein zentrales Argument bereits vorausschauend aus der Hand geschlagen hat – die Unterscheidung zwischen Genus und Sexus, also zwischen dem grammatikalischen und biologischen Geschlecht. Das Genus bezeichnet grammatikalische Gattungen. Monde sind demnach männlich, Sonnen weiblich. Und die Zahl derer, die sich darüber beschweren, dass Mörder, Täter oder Rüpel grammatikalisch ebenfalls männlich sind, dürfte überschaubar sind. Was nicht ausschließt, dass im Einzelfall auch eine Mörderin als Täterin in Betracht kommt. Für Rüpel gilt das sowieso. So oder so spricht das in der allgemeinen Form für den Gebrauch des Genus, in der individuellen Form für den des Sexus. Auch wenn das Genus soziale Erwartungen wecken mag. Die Alternative dazu wären geschlechtsneutrale Begriffe, Aufzählungen wie Bürgerinnen und Bürger, Konstruktionen wie das große Binnen-I oder Binnen-*. Letzteres vor allem, wenn man die weiteren Geschlechter hinzunimmt, die lange schlicht übersehen wurden.

Gegen ständige Aufzählungen sprechen Lesefluss, Zwang zur Kürze und Sprachgefühl, gegen Binnenkonstruktionen die Ästhetik, und um das Genus ganz abzuschaffen, bedürfte es gesellschaftlicher Prozesse, gegen die die letztlich gescheiterte Rechtschreibreform ein Spaziergang gewesen wäre. Gendersensible Menschen wird der Verweis auf das Sprachgefühl kaum überzeugen, steht der doch gegen das berechtigte Interesse von Frauen, sprachlich und damit auch gesellschaftlich sichtbarer zu werden. Dass Medien sich der gendergerechten Sprache in ihrer großen Mehrzahl verweigern, ist gleichwohl weniger Konvention und Bequemlichkeit geschuldet als diesem Sprachgefühl und dem Zwang zur Kürze. Es ist also eine Abwägung zwischen möglichst viel Lesefluss und Information gegen politische Korrektheit.
Mich persönlich graut es, wenn ich die oft verkrampfte gendergerechte Sprache lese. Auch wenn ich gerne und aus Überzeugung dabei bin, wenn es gilt, Diskriminierungen zu bekämpfen. Aber sprachlich sollte es einen eleganteren Weg geben. Doch ich weiß ihn nicht. Ich bin ein Mann.