Wir müssen reden

Medien und ihre Quellen: Die Herausforderung des peniblen Handwerkers

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 03. Juli 2017

Wir müssen reden

Journalisten sind parteiisch. Dieser Vorwurf ist so alt wie der Journalismus – und wie die Forderung, Journalisten hätten objektiv zu sein, zumindest aber neutral. Die Erfahrung aus unzähligen Gesprächen mit Lesern zeigt, dass die Diskussion darüber oft schon bei der Definition der Begriffe scheitert. Ist der menschliche Blick nicht grundsätzlich subjektiv? Und heißt neutral, alles unbesehen zu veröffentlichen, was an Informationen an ein Medium herangetragen wird?

Auch unter Journalisten wird das Thema diskutiert, nicht erst, seit es vermehrt Kritik an ihrer Arbeit gibt. Der aktuelle Medien-Trendmonitor von Faktenkontor und der dpa-Tochterfirma News Aktuell kommt nach Befragung von 1700 Journalisten zu dem Ergebnis, dass 57 Prozent von ihnen Glaubwürdigkeit als die wichtigste Herausforderung ihres Berufs definieren. Fast jeder Dritte sorgt sich um seine Unabhängigkeit.

Das klingt alarmierend, zeigt aber nur die alltägliche Herausforderung dieses Berufs. Lange vor der Digitalisierung galt bereits der Stoßseufzer eines geplagten Kollegen: "Keiner mag Journalisten, aber jeder will sie benutzen". Und jeder meint nicht nur Menschen aus Politik und Wirtschaft, sondern reicht bis ins private Umfeld. Der vielfach zitierte, aber genauso umstrittene Satz des ehemaligen Moderators der Tagesthemen, Hanns-Joachim Friedrichs: "Mach dich nicht mit einer Sache gemein, auch nicht mit einer guten", ist deshalb leichter gesagt als gelebt.

Aufzulösen ist dieses Dilemma – wenn überhaupt – nur durch sauberes Handwerk. Dass dieses sich zuweilen mit der gerne gelesenen flotten Schreibe beißt, sei hier nicht verschwiegen. Sätze im Konjunktiv und akribische Quellenangaben können den Lesefluss hemmen.

Die Herausforderung beginnt aber schon früher: Gibt es überhaupt genügend Quellen und sind die seriös? Dazu muss man wissen: Die meisten Nachrichten sind heute PR-veranlasst und haben zudem nur eine Quelle. Seriös aber wird eine Nachricht erst, wenn es dafür mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen gibt. Davon abzuweichen kann dann unkritisch sein, wenn es sich nur um eine Stellungnahme handelt. Aber was, wenn darin falsche Behauptungen aufgestellt werden? Dass Redaktionen nicht jede Nachricht einer von ihr abonnierten Agentur überprüfen, liegt daran, dass diese sich denselben journalistischen Qualitätskriterien verpflichtet sieht. Besser aber ist es, mehrere Agenturen, eigene Korrespondenten und Reporter zu haben – aber auch teurer. Und noch besser ist es, wo immer möglich Originalquellen zu nutzen.

PR kann nützlich sein, wird aber zunehmend zu Plage. Sie kann informieren, wenn man sich bewusst macht, dass hier Menschen und Institutionen über sich das erzählen, was sie über sich hören, sehen oder lesen wollen. Journalismus aber muss eine andere Perspektive haben. Er muss fragen, was Leser wissen wollen oder wissen müssen. Das kann deckungsgleich sein, unterscheidet sich oft aber stark. Deshalb ist es kritisch, wenn Fußballverbände oder die Formel 1 selbst die Kameras führen, Kommunen ihre eigenen Mitteilungsblätter herausgeben oder Firmen mit teuren, scheinbar journalistischen Zeitschriften Image und Werbung verkaufen und Blogbetreiber für Schleichwerbung benutzen.

Gerade weil die Grenzen zwischen Public Relations und Journalismus vonseiten der PR immer stärker aufgeweicht werden, müssen Journalisten ihrerseits penibel trennen. Und ihre Leserinnen und Leser dafür sensibilisieren. Auch wenn diese die Medien dann immer wieder bei Fehlern ertappen. Oder sehen Sie das anders?