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16. Juni 2010
Leitartikel
Behinderte Kinder in der Regelschule: Inklusion, Illusion?
Die Betroffenen müssen entscheiden, wo sie lernen wollen, nicht der Staat.
Inklusion, was für ein sperriges Wort. Haben wir Deutsche uns in den vergangenen Jahren nicht genug bemüht, all unsere "Sorgenkinder" nach bestem Wissen und Gewissen zu integrieren? Haben wir nicht die besten Förderschulen? Aber Inklusion bedeutet mehr als Integration: Schwache und starke, behinderte und nichtbehinderte Kinder sollen den gleichen Kindergarten, die gleiche Schule besuchen und dort die Unterstützung erhalten, die sie brauchen.
Die Schulen stehen dabei unter besonderem Rechtfertigungsdruck: Seit März 2009 gilt in Deutschland die Konvention der Vereinten Nationen für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Dort ist verbrieft, dass alle Kinder das Recht auf einen gemeinsamen und wohnortnahen Unterricht haben – unabhängig von Geschlecht, Muttersprache, Religion oder Behinderungen. Inklusion heißt, dass sie von Anfang an dazu gehören. Dass sie nicht anfragen müssen wie Bittsteller, ob ihnen jemand die Tür aufmacht. Nicht sie müssen sich anpassen, sondern sie haben einen Rechtsanspruch, im allgemeinen Schulsystem aufgenommen zu werden. Darauf wird auch der heute in Berlin beginnende Weltkongress Inklusion hinweisen.
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Soweit die Theorie. Die Realität: Acht von zehn Kindern mit Behinderung finden in Deutschland keinen Platz im allgemeinen Schulsystem. Es gibt kein Landesgesetz, dass die Inklusion verankert. Weder die Schulhäuser noch die Lehrer oder die Schüler sind auf die Inklusion vorbereitet. Doch immer mehr Eltern kämpfen darum, dass ihre Kinder trotz Behinderung am regulären Bildungsbetrieb teilhaben dürfen.
Mit der Forderung nach Abschaffung der Sonderschulen, wie sie auch in Baden-Württemberg von Grünen erhoben wird, ist keinem geholfen. Damit wird nur eine alte Ideologie durch eine neue ersetzt. Erstens sind die Sonderschulen keine Verwahranstalten, sondern leisten sehr gute Arbeit. Sie ermöglichen vielen Kindern eine Bildung, die sie in anderen Schulen – noch – nicht erhalten würden. Zweitens kann keiner Menschen zwingen, ihr Recht auf eine Regelschule auch wahrzunehmen. Es wird nicht wenige geben, die aus guten Gründen für den Schutzraum Sonderschule votieren. Die Betroffenen müssen entscheiden können, wo sie lernen wollen, nicht der Staat. Drittens werden über Nacht nicht überall inklusive Schulen entstehen. Es braucht ausreichend Fachkräfte, die Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten, Sprachstörungen oder körperlichen Handicaps weder über- noch unterfordern, sondern optimal fördern. Die Regelschulen wären damit komplett überfordert.
Wer das Schlagwort von der inklusiven Bildung ernst meint, sollte das komplette gegliederte Schulsystem durch eine Schule für alle setzen. Eine Schule für Hochbegabte und Spätzünder, für Hyperaktive und Rollstuhlfahrer, für Eigenbrödler und Aufgeweckte. Das aber heißt: Es gibt keine einheitlichen Lernziele mehr, sondern nur noch individuelle Entwicklungs- und Lernziele – und das nicht nur für Schüler mit Behinderung. Dies käme einem Systemwechsel gleich. Aber für den gibt in Baden-Württemberg keine politische Mehrheit. Es gibt nicht einmal Geld, damit mehr behinderte Kinder in der Regelschule unterrichtet werden können. Die Umstellung müsse, so heißt es ganz klar, kostenneutral erfolgen.
Inklusion, eine Illusion? Eine schöne Idee, aber leider nicht zu verwirklichen? Hoffentlich eher eine Vision. Immer mehr Behinderte haben keine Lust mehr, auf die beste aller Welten zu warten. Sie wollen konkrete Schritte sehen. Das heißt: so viel gemeinsamer Unterricht wie möglich. Und so viel individuelle Förderung wie nötig. Ob eine Gesellschaft die inklusive Schule will, ist keine pädagogische Frage, sondern eine sozialpolitische: Was ist mehr wert, die Solidargemeinschaft oder das Leistungsprinzip? Die Antwort sollte uns leicht fallen.
Autor: Petra Kistler
