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14. Oktober 2009

Leitartikel

Die leisen Intellektuellen

Es fehlt an Foren, in denen sich der kritische Geist konzentrieren kann

Als Günter Grass vor ein paar Wochen ankündigte, er werde wieder für die SPD trommeln, rührte sich in der Öffentlichkeit kaum eine Augenbraue. Soll er doch, der Alte, mag manch einer gedacht haben. Nützen wird es den Sozis eh nicht. So ist es auch gekommen: SPD-Lob aus Schriftsteller-Mund hin oder her: Die Partei ist mit dem Kandidaten Frank-Walter Steinmeier in ihr seither mit wohligem Grausen betrachtetes historisches Tief gestürzt – und niemand weiß, wann sie dort wieder herauskrabbeln wird. Die Intellektuellen haben sich in der Angelegenheit noch nicht zu Wort gemeldet.

Moment mal. Intellektuelle? Gibt es die überhaupt noch? Oder sind sie, heimlich still und leise, mit der Bonner Republik und ihrem sentimentalen Nachzittern zu Grabe getragen worden? Das wäre nun zwar schon ziemlich lange her – aber Hand aufs Herz: Erinnern Sie sich daran, wann in der Öffentlichkeit zuletzt eine richtig knackige Debatte zwischen – sagen wir – Jürgen Habermas als dem letzten Universalvertreter der kritischen Aufklärung und, zum Beispiel, dem Hirnforscher Wolf Singer über die Freiheit des Christenmenschen entbrannt wäre? Oder Oskar Negt und Alexander Kluge sich lautstark Gedanken über das Ende der Arbeitsgesellschaft gemacht hätten?

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Die Frage, in welcher Gesellschaft und unter welchen Bedingungen wir auch morgen noch leben möchten, scheinen sich heutzutage nur noch die Theater zu stellen, die sich wieder oder immer noch als Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung empfehlen. Vielleicht gehört angesichts der neuen Unübersichtlichkeit heutzutage auch eine gewisse Chuzpe dazu, sich mit global gültigen Statements zu Wort zu melden. Die Zeiten, in denen eine kritische Haltung der Gesellschaft gegenüber Pflicht für jeden geistig wachen Geistesmenschen war, scheinen ein- für allemal vorbei zu sein. Wo war das kollektive Aufheulen, wo machte sich die große Empörung Luft, als die durch leichtsinnige Kreditvergabe der US-Banken angeschwollene Finanzblase platzte – und die Welt am Kapitalismus beinahe schon zugrunde gegangen wäre?

Wo waren die Analysen der Gesellschaftskritiker, die es doch immer schon gewusst haben müssen, dass das "System" an sich selbst zugrunde gehen muss? Statt dessen sind die Liberalen als strahlende Sieger aus den Bundestagswahlen hervorgegangen – also die Vertreter jener marktradikalen Denkrichtung, die den Staat am liebsten aus allem ökonomischen Handel und Wandel heraushalten wollen und damit doch die geistigen Väter der Krise sind. Die Unterschiede zwischen den Armen und den Reichen im Land werden in den nächsten Jahren wohl weiter aufklaffen – doch kein Mahner und Warner, kein Aufklärer und Aufrüttler weit und breit, der diesen beklagenswerten Zustand zum Thema einer grundlegenden Auseinandersetzung mit dem Gesellschaftssystem machte, in dem wir leben. Liegt es daran, dass es vielleicht auch die Öffentlichkeit nicht mehr gibt? Dass die Gesellschaft im Innern längst nichts mehr zusammenhält, sie vielmehr in Partialinteressen auseinanderfällt – und ein Konsens über moralisch verbindliche Werte (und damit eine klare Parteinahme für oder gegen eine Haltung) nicht mehr herzustellen ist?

Es scheint so, dass immer weniger "Intellektuelle" sich eines Standpunktes gewiss sind, von dem aus und für den verbal zu fechten wäre, dass einer als zunehmend komplex empfundenen Welt mit klaren Pro- und Kontrameinungen nicht mehr begegnet werden kann. Vielleicht fehlt bei der Vielfalt der heute zur Verfügung stehenden Medien auch ein Forum, in dem sich der kritische Geist konzentrieren könnte. Bei den iranischen oder chinesischen Intellektuellen ist das noch anders. Haben die Iraner während des kurzen Sommers der Revolution Öffentlichkeit über das Twittern hergestellt, sind es in China die Raubkopien von mit der Zensur belegten Büchern. In diesen Ländern weiß man aber auch noch ganz genau, wo der Gegner zu orten ist: Die Buchmesse hat ihn unliebsamer Weise auch schon kennengelernt. So darf man sich auf nach Frankfurt importierte Debatten über Menschenrechte und Meinungsfreiheit im Land der Mitte freuen – und noch für einmal klare Position beziehen. Mal sehen, wie es im Land der Abwrackprämie weitergeht. Könnte sein, dass die Zeiten härter werden. Dann könnte es mit dem unverbindlichen Talkshow-Pluralismus auch vorbei sein.

Autor: Bettina Schulte