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07. Dezember 2002

Leitartikel

Die Wende von innen

Die gemütliche Welt der Gründer in Deutschland hat keine Zukunft mehr. Ein Kommentar von Lord Ralf Dahrendorf.



Es ist schon so, dass ein Ruck durch das Land gehen muss. Das gilt nicht nur für die Regierung, der man allerdings eine neue Frische wünscht. Vielleicht sollte sie mehr auf die Post-1968-er vor allem bei den Grünen hören. Es gilt aber für die ganze Gesellschaft, für jeden Einzelnen. Manchmal möchte man den deutschen Landsleuten zurufen: Nun lasst doch das ewige Jammern, schaut euch die Probleme genau an, dann packt sie an. Ihr werdet bald merken, dass es Lösungen gibt und dass das Neue nicht schlechter sein muss als das Alte. Dann hebt sich auch eure Stimmung wieder, und das Land - seine Wirtschaft vor allem - wird der Stimmung bald folgen.

Was sind "die Probleme"? Sie lassen sich auf zweierlei Art beschreiben, sehr allgemein und ganz konkret. Allgemein findet vor allem Deutschland sich in einem Generationendilemma. Die Gründergeneration der Nachkriegszeit ist jetzt abgetreten. Sie hat, wie ihre Überlebenden nicht müde werden zu betonen, mit Blut, Schweiß und Tränen das Land aufgebaut und Ruinen in blühende Landschaften verwandelt. Dabei leitete sie nicht zuletzt die Idee, dass zukünftige Generationen es besser haben sollten.

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Das Projekt ist gelungen, mehr als irgendjemand 1950 oder auch noch 1960 zu hoffen wagte. In Deutschland sind Lebensbedingungen entstanden, die den Neid der Welt erregen konnten. Das waren allerdings eher statische, beamtenhafte Bedingungen. Wer eine Ausbildung hatte, konnte auf eine bestimmte Stellung hoffen. Wer sie einmal innehatte, konnte damit rechnen, eines Tages für 25-jährige treue Dienste eine silberne Nadel zu bekommen. Wer krank wurde, brauchte nichts zu fürchten. Wer in Rente oder Pension ging, hatte ein ebenso gutes Leben wie die Arbeitenden. Überhaupt wurde die Arbeit immer weniger lebensbestimmend. Am Ende entstand die Spaßgesellschaft. Da war der Spaß allerdings schon fast vorbei. Denn der statische Wohlstand blieb nicht derselbe; die gemütliche Welt, die die Gründer für ihre Kinder und Enkel geschaffen hatten, hielt nicht.

So etwas hält übrigens nie. Wer sich darauf verlässt, dass morgen so wird wie heute, muss meist einen hohen Preis zahlen. Die Veränderungen sind nicht nur solche der Umstände, also zum Beispiel der Weltwirtschaft. Diese sind wichtig; auch die Entdeckung, dass Deutschland keine selige Insel ist, die sich aus allen Krisen und Kriegen heraushalten kann, ist eine Lehre dieser Jahre. Doch gibt es andere Entdeckungen des Wandels, nämlich die konkreten Probleme der Zukunft. Wenn Menschen weniger Kinder haben, weniger arbeiten und länger leben, dann kann die beste Rentenversicherung nicht mehr mithalten. Wenn Gesundheit zur allgemeinen Obsession wird und jeder Schnupfen zum Krankschreiben führt, während pharmazeutische Industrie und medizinische Technik ständig teurer werden, dann kann keine allgemeine Versicherung, geschweige denn der Steuerzahler, sich das leisten. Wenn 30, 40 oder 50 Prozent auf die Hochschule streben und viele Jahre lang dort verweilen, dann kann der Staat weder Universitäten noch Studenten angemessen finanzieren.

Man muss den neuen Sozialstaat klar definieren und dann aktiv suchen. Das ist ein bisschen unbequem und verlangt die Abkehr von der Passivität des Komforts der Vergangenheit. Am Ende aber wäre es weit unbequemer, die neuen Wege nicht zu gehen. Die Welt, die die Gründer geschaffen haben, kann nämlich so nicht bleiben und wird dies auch nicht tun. Aktive Innovation ist da immer besser als das Warten auf den großen crash.

Das gilt für alle Bürger. Viele werden dann sogar feststellen, dass die innovative Gesellschaft belebender ist als die beamtenhaft erstarrte, blockierte Gesellschaft. Eines allerdings müssen die Bürger zu diesem Zweck verlangen: dass die Regierung ihnen Spielräume lässt. Es ist nicht die Aufgabe des Staates, jedes "Schlupfloch" zu verstopfen, sondern auf die Wünsche und Absichten der Bürger zu horchen und diese zu ermuntern. Es gibt so etwas wie eine Wende von innen, ganz ohne äußere Bedrohung oder innere Gewalt. Deutschland braucht diese Wende.

Autor: Lord Ralf Dahrendorf