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21. April 2017

Globale Gleichmacherei

Mit ihrer Bildungspolitik und ihren Pisa-Tests setzt sich die OECD über kulturelle Unterschiede hinweg.

In der globalisierten Welt muss alles messbar und vergleichbar sein: Mit dieser Vorgabe hat die für wirtschaftliche Zusammenarbeit zuständige internationale Organisation OECD die Bildungswelt erobert. Ihre Pisa-Studien bestimmen den Takt nationaler Bildungspolitiken. Jetzt beansprucht sie auch noch, weltweit die Stimmungslage an den Schulen deuten zu können.

Andreas Schleicher, der für die OECD die Pisa-Studien koordiniert, ist begeistert von der jüngsten Auswertung der Tests aus dem Jahr 2015. Jetzt wisse man, in welchem Land die Schüler am zufriedensten sind, wo sie ihre Schule mögen und wo sie unter Prüfungsstress leiden. Selbst die Frage des Mobbings, über dessen Definition sich sogar Gerichte streiten, scheint in den OECD-Tabellen geklärt.

Aber gibt es diese schon scheinbar weltweit gleiche Bildungswelt überhaupt? Entsprechen die Erwartungen von Jugendlichen in Frankreich, Südkorea oder den USA an ihre Schule und daraus folgend ihre Zufriedenheit sich inhaltlich so sehr, dass man die Pisa-Umfrageergebnisse problemlos in eine Tabelle einreihen kann? Dagegen stehen kulturell erhebliche Unterschiede in der Beurteilung von Werten, von Familienleben, vom Umgang, die eine solche Vergleichbarkeit schlicht verbieten. Denn die gemessenen Werte stehen national für je anderes.

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Viele Fachleute haben ihre Zweifel am Bildungsbegriff angemeldet, mit dem die OECD in ihren Pisa-Untersuchungen hantiert. Die pädagogischen Ziele der japanischen, der deutschen und der neuseeländischen Schulen werden über den groben Leisten stark anwendungsbezogener Aufgaben geschlagen. Die Testergebnisse dienen zum Urteil über ganze Bildungssysteme, statt sie bescheiden auf genau die in den Tests abgefragten Kompetenzen zu beschränken. Denen allein kann man allenfalls noch eine internationale Vergleichbarkeit zuerkennen, wenn man auf diese Weise Bildung vermessen will. Gerade deshalb steht die OECD zu Recht im Verdacht, Bildung auf global verwertbare Kompetenzen zu reduzieren, an denen die Wirtschaft interessiert ist.

Zum internationalen Credo der OECD gehört auch der Ganztagsunterricht, wie er in jenen Ländern besteht, die wohl nicht zufällig in den Pisa-Vergleichen erfolgreich abschneiden. Die Auswertung der jüngsten Studie zeigt freilich, dass gerade deutsche Schülerinnen und Schüler, die mit ihren Eltern länger regelmäßig zusammensitzen und reden, nicht nur zufriedener mit ihrer Schule sind, sondern auch bessere Noten nach Hause bringen. Die Familie hat offenbar je nach Kultur einen anderen Stellenwert, die Erwartungen der Kinder variieren entsprechend. Ganztagsunterricht widerspricht deshalb vielfach dem deutschen Konzept von Familie. So wird die OECD durch die eigene Umfrage überführt, dass sich ihre Bildungspolitik über diese kulturellen Unterschiede rücksichtlos hinwegsetzt.

Autor: Wulf Rüskamp