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16. Januar 2010

Haiti – ein Puzzlestein im regionalen Machtpoker

Das Land ist völlig heruntergekommen / Nun balgen sich die großen Regionalmächte USA, Venezuela und Brasilien um Einfluss

Einst war Haiti die "Perle der Antillen". Heute ist es ein Land, mit dem es wirtschaftlich seit der Unabhängigkeit 1804 bergab geht, und das seit dem Sturz der Duvalier-Diktatur 1986 nicht mehr zu Stabilität gefunden hat. Es handelt sich um eine "Gesellschaft entwurzelter ehemaliger Sklaven, die auch 200 Jahre nach der Unabhängigkeit noch völlig fragmentiert ist und kein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein für ihre Nation gefunden hat", wie der Soziologe Gerard Pierre Charles erklärte.

Die jeweils Mächtigen konzentrierten sich stets darauf, den politischen Gegner auszuschalten und sich selbst zu bereichern. Das bedeutet: Die Hälfte der acht Millionen Einwohner kann bis heute weder lesen noch schreiben, acht von hundert Kindern sterben bei der Geburt, 90 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten im informellen Sektor, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 53 Jahren. Jeder 20. Haitianer hat Aids, 200 000 Kinder sind Aidswaisen. Haitis Überlandstraßen sind mit Schlaglöchern übersäte Pisten, nur ein Bruchteil der Häuser ist an die Kanalisation oder die Wasserversorgung angeschlossen. Nachts liegt die Stadt mangels öffentlicher Beleuchtung im Dunkeln. Gräber werden geplündert auf der Suche nach Wertsachen – und dem Wohlwollen der Voodoo-Götter.

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Die Insel ist völlig entwaldet, weil die Armen mit Holzkohle kochen. Darum kamen jetzt beim Beben ganze, auf den kahlen Bergen errichtete Stadtviertel ins Rutschen. 80 Prozent der Haitianer kämpften schon vor der Katastrophe ums nackte Überleben.

Das korrupteste Land Lateinamerikas
Väter verschwanden entweder nach der Zeugung oder zogen morgens los, um auf der Straße eine Gelegenheitsarbeit zu ergattern. Mütter setzten ihre Babys aus oder verkauften ihre Kinder als Sklaven an reichere Familien. Halbnackte Kinder kratzten am Straßenrand Lehm zusammen und buken daraus Kekse, nur um etwas zwischen die Zähne zu bekommen.

Haiti ist laut Transparency International seit Jahren das korrupteste Land Lateinamerikas. Seit 1993 befinden sich fast ununterbrochen UN-Blauhelme vor Ort, um dem Land auf die Beine zu helfen. Interne Machtkämpfe und internationale Ränkespiele machten diese Versuche aber immer wieder zunichte. Haiti ist ein Beutestaat, in dem sich rivalisierende Clans um Macht und Pfründen reißen. Die Entwicklungshilfe ist einer davon.

Das Beben hat dem maroden Staatsapparat den Todesstoß versetzt und ihn vollständig abhängig gemacht von ausländischer Hilfe. Das wissen auch die Nachbarländer. Die Katastrophenhilfe genieße absolute Priorität für seine Regierung, verkündete US-Präsident Obama und mobilisierte Flugzeugträger, ein schwimmendes Hospital und mehrere tausend Soldaten für die Rettungsarbeiten. Die USA haben ein geostrategisches Interesse an Haiti. Das Land befindet sich knapp tausend Kilometer von Miami entfernt, eine Million Haitianer leben in den USA. Sein Kollaps könnte eine immense Flüchtlingswelle auslösen, sorgt sich die US-Regierung.

Außerdem ist Haiti Teil des regionalen Machtpokers. Das erste Flugzeug, das nach dem Beben in Port-au-Prince landete, kam aus Venezuela. Obamas linker Rivale in Lateinamerika, Hugo Chávez, will die Nase vorn haben im Wettlauf um die Solidarität. Chávez lieferte Haiti seit Jahren Erdöl zu Vorzugspreisen, und auch das kommunistische Kuba ist mit 400 Ärzten präsent, die einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des Gesundheitssystem leisten. Das Beben bietet die Gelegenheit, Einflusssphären auszuweiten.

Ein drittes Land mischt mittlerweile mit: Brasilien führt seit 2004 die UN-Stabilisierungstruppe Minustah an und hat dabei Erfolge vorzuweisen. So gelang es den Blauhelmsoldaten, die kriminellen Banden in den Armenvierteln in ihre Schranken zu weisen. Das Ansehen der Brasilianer bei der Bevölkerung ist hoch. Brasiliens Präsident Lula da Silva hat sein Land bereits als führenden Koordinator der Wiederaufbauhilfe ins Spiel gebracht. Für Brasilien ist Haiti vor allem ein Trampolin auf dem Weg zur Weltmacht und, wenn möglich, in den UN-Sicherheitsrat als ständiges Mitglied.

Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich hingegen spielt nur noch kulturell und symbolisch eine Rolle. Die Fäden ziehen inzwischen andere. Zuletzt kam es 2003 zu französisch-haitianischen Verwicklungen, als der damalige haitianische Präsident Jean-Bertrand Aristide die Rückzahlung einer historischen Schuld von 21 Milliarden Dollar forderte.

Haiti forderte von Frankreich hohe Entschädigungszahlungen zurück
Frankreich hatte im 19. Jahrhundert eine entsprechende Summe nach den Unabhängigkeitskriegen von Haiti als "Entschädigung" gefordert und erhalten. Es war der Preis dafür, dass Frankreich, die USA, Großbritannien und Spanien die Unabhängigkeit anerkannten. Einige Historiker machen die hohe Summe mit verantwortlich für den Niedergang der einst reichsten französischen Kolonie.

Autor: Sandra Weis