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05. Februar 2005

LEITARTIKEL: Gedenken für die Zukunft

Ermahnung und Ermunterung sind kein Ersatz für den Weg nach vorne



Nun wird also gedacht. In den meisten anderen Ländern geht es dabei um den 60. Jahrestag: 60 Jahre seit der Befreiung von Auschwitz, und am 8. Mai dann 60 Jahre seit dem (offiziellen) Kriegsende. Warum eigentlich 60? Warum, wie es scheint, sogar mehr Gedenken am 60. Jahrestag als am 50.? Eine Antwort darauf ist, dass es noch Zeitzeugen gibt. Eine andere Antwort ist, dass dies eine Zeit der Bereitschaft zum Gedenken ist. Es gibt vielerorts den Blick zurück, von der ernsten Erinnerung an die Untaten und Taten des Krieges bis zu den Karikaturen der zahllosen Fernsehfilme über Deutsche in feldgrauen oder auch schwarzen Uniformen.

Dazu ist zweierlei zu sagen. Das Erste und Wichtigere ist, dass es richtig und gut ist, sich zu erinnern, also nicht zu vergessen. Eine der großen Stärken des jüdischen Volkes ist das Nicht-Vergessen. In gewisser Weise wird das Judentum durch die gemeinsame Erinnerung ebenso sehr zusammengehalten wie durch die Religion. Nach dem Holocaust ist diese Kultur der Erinnerung zum bewusst gepflegten Prozess geworden. Da ist Gedenken immer die Entschlossenheit, alles zu tun, damit es nicht noch einmal geschieht. Deutsches Gedenken hat dasselbe Ziel, nur eben aus der Perspektive der Täter.

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Der Holocaust ist der ganz und gar nicht banale Ausbruch des Bösen. Seine Einmaligkeit macht ihn zum Teil jedes deutschen Gedenkens. Der Teil ist dennoch nicht das Ganze. Der Krieg hatte viele Facetten, auch die des Leidens von Deutschen. Dass mein Vater durch die deutsche Niederlage aus dem Zuchthaus befreit wurde, in dem er als Widerstandskämpfer saß, hindert mich nicht daran, traurig zu sein über meine Großeltern, die alle vier Opfer der Bombenangriffe auf Hamburg wurden. Und dann ist da nicht nur der Holocaust und der Krieg. Sogar die Nachkriegszeit hat inzwischen eine Geschichte, an die zu erinnern sich lohnt. Überdies ist es an der Zeit, weiter zurückzugreifen in die Geschichte, die ja keineswegs nur das Vorspiel zu den Gräueln des 20. Jahrhunderts war.

Wenn all dies gesagt ist, muss aber auch hinzugefügt werden: Gedenken ist kein Selbstzweck. Es ist Ermahnung, wo es Not tut, und Ermunterung, wo diese möglich ist. Es ist vor allem aber kein Ersatz für den Weg nach vorne. Ein Volk ohne Gedächtnis hat keine Zukunft, aber ein Volk, das in der Erinnerung schwelgt, verpasst womöglich seine Zukunftschancen. In den Adenauer-Jahren gehörte ich zu denen, die sich über die "Restauration" des Vergangenen erregten. Das galt insbesondere, wenn dem Naziregime Verbundene Minister oder hohe Beamte wurden. Im Nachhinein muss man indes sagen, dass diese (relativ Wenigen) nicht versucht haben, das westliche Deutschland an neuen Wegen zu hindern. Erst in den 60er-Jahren wurde klar, wie tiefgehend das Land sich verändert hatte. Dann fand auch jener Wechsel der Führungspersonen statt, den viele 1950 und 1955 vermisst hatten.

Vielleicht ist es für ein Land mit traumatischen Erinnerungen besser, zuerst nach vorne zu blicken und voranzuschreiten und dann an die Bewältigung des Vergangenen zu gehen. Hier lag und liegt eine der Stärken von Polen, wenn man an die Jahre nach 1989 denkt. Auch dort sind viele im Amt geblieben, von denen die vom kommunistischen Regime Verfolgten gehofft hatten, sie nie wieder sehen zu müssen. Auch dort aber hat der rasche Weg zu neuen Ufern Voraussetzungen geschaffen, unter denen es leichter wird, das Vergangene zu bewältigen.

Es ist also gut und richtig, dass in Deutschland das Gedenken an Vergangenes gepflegt worden ist. Es mag auch sein, dass 60. Jahrestage noch einmal Gelegenheit geben, Gewesenes im Hinblick auf Zukünftiges zu bedenken. Aber eben: im Hinblick auf Zukünftiges. Wenn das Gedenken das öffentliche Bewusstsein zu ständig und zu stark bestimmt, kann es zum Hindernis des Versuchs werden, dem Land eine neue Dynamik zu verleihen. Zu wünschen wäre, dass nach den Pendelschlägen der Dynamik ohne Erinnerung und des Gedenkens ohne Zukunftsoptimismus eine ausgewogenere Zeit folgt, in der Gewolltes und Gewesenes sich verbinden.

Autor: Lord Ralf Dahrendorf