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14. November 2009

Leitartikel: Los emol, es pfluderet

Die deutschsprachige Schweiz pflegt ihr Schwiizerdütsch mehr denn je. Man kann dies unter dem folkloristischen Aspekt betrachten, als Brauchtumspflege, die dazu dient, die Eigenarten zu bewahren. Guten Tag heißt dann eben Grüezi und die Aufforderung zuzuhören klingt dann so: Los emol. Man kann das niedlich, lustig oder affig finden oder es als Ausdruck des nationalen Stolzes und der Selbsterhaltung würdigen, aber niemandem steht es zu, darüber zu urteilen. Denn zur Vielfalt der Kulturen in Europa, also zu dem, was diesen Kontinent aus- und stark macht, gehört nun mal auch die Vielfalt der Sprachen.

Im Radio war Schwiizerdütsch erstmals zu hören, als in Deutschland die Medien gleichgeschaltet waren: Jeder erkannte Radio Beromünster aus der neutralen Schweiz sofort an der Sprache der Menschen. Nur die Nachrichten wurden in Hochdeutsch gesprochen. Es war ein trotziges Signal und eine Art von Widerstand. Über Beromünster drangen auch solche Nachrichten nach Deutschland, die dort niemand empfangen sollte. Als Signal der Selbstbehauptung ist die Sprache für die Schweizer nach wie vor von großer Bedeutung. Es waren übrigens die neuen Privatsender, die über die Betonung des regionalen Dialekts ihre Nähe zu den Bürgern demonstrieren wollten. Die Schwiizerdütsch-Welle ist also auch ein Resultat dieser neuen Radiowelt.

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Diese Welle fällt nun in eine Zeit, in der sich viele Menschen in dem kleinen Land bedroht sehen: von den Folgen der Globalisierung, von der wachsenden Abhängigkeit von den Nachbarn und nicht zuletzt vom Zuzug in das Land. Die Schweiz hat mit mehr als 21 Prozent den höchsten Ausländeranteil, und da sind jene nicht mitgerechnet, die in den vergangenen Jahrzehnten eingebürgert wurden. Wo aber eine Gemeinschaft sich bedroht sieht, sucht sie nach einem Kitt. Der kann die Sprache sein sein. Doch jede Gemeinschaft erzeugt immer zugleich Abgrenzung. In diesem Zusammenhang muss man die heftigen Reaktionen sehen, die eine deutsche Radiomoderatorin in diesen Wochen erntete, weil sie Hochdeutsch redete. Vor wenigen Jahren hat in einem ähnlichen Fall eine Journalistin das Land entnervt verlassen. Beide wurden Zielscheiben der Überfremdungsangst, denn sie standen an exponierter Stelle. Solche Anfeindungen dürfen nicht kleingeredet werden. Sie sind inakzeptabel für eine zivilisierte Gesellschaft. Zugleich aber sind es für die Schweiz wenige Einzelfälle.

Für das Land selbst weit gravierender ist ein anderer Aspekt. Im Bestreben, sich von den Nachbarn im Norden abzuheben, entfernen sich die Deutschschweizer auch von ihren Landsleuten in der Romandie und im Tessin. Ein Romand versteht nicht, was eine Umleidig ist und noch weniger die Warnung, dass es pfluderet – selbst wenn er in der Schule Deutsch gelernt hat. Es gibt inzwischen Parlamentarier, die die Reden ihrer Kollegen im Nationalrat nicht mehr verfolgen können. Der ehemalige Bundespräsident Moritz Leuenberger hat schon vor Jahren auf dieses Dilemma hingewiesen: Wer echte Volksvertreter wolle, der müsse ihnen auch die Möglichkeit geben, ihr Anliegen in ihrer Sprache vorzubringen. Zugleich aber ist das Verstehen Voraussetzung für einen politischen Diskurs. Die Gründergeneration der Schweiz hatte das Dilemma gelöst, indem sie Latein zur Amtssprache machte.

Die Schweiz ist ein Land der vier Kulturen und Sprachen. Aber wenn Schweizer miteinander ins Gespräch kommen, dann sprechen sie heute oft Englisch. Englisch ist in allen Landesteilen zur wichtigsten Fremdsprache aufgestiegen, die in der Schule gelernt wird. Wozu sollen sie, fragen sich die Romands, Deutsch lernen, wenn man im Alltag damit nicht weiterkommt?

Das Unverständnis reicht weit über die sprachliche Ebene hinaus. In Genf und Lausanne verfolgt man mit einer gewissen Schadenfreude, dass die hochmütigen Banker aus Zürich in der Finanzkrise ordentlich Federn lassen mussten und dass die Betreiber des Flughafens Druck aus Deutschland bekommen. Die Regierung in Bern muss darauf achten, dass die Entwicklung nicht aus dem Ruder läuft. Vor wenigen Tagen wurde die Wirtschaftsministerin aus der Deutschschweiz bei ihrem Besuch im Kanton Jura mit Gummistiefeln beworfen. Sie brauchte Polizeischutz. Für die Schweiz ist das ein sehr ungewöhnlicher Vorgang.

Autor: Franz Schmider