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13. März 2012

Nach wie vor ist die soziale Herkunft entscheidend

Zehn Jahre nach Pisa vergleicht eine Studie Bildungsgerechtigkeit und Leistungsfähigkeit der Schulsysteme in den Bundesländern.

Als vor etwas mehr als zehn Jahren die erste Pisa-Studie veröffentlicht wurde, war hierzulande das Entsetzen groß – und das deutsche Schulsystem geriet schwer in die Kritik. Denn die Jugendlichen, die es ausbildete, beherrschten Lesen oder Rechnen deutlich schlechter als gleichaltrige Schüler vergleichbarer Länder. Und zum anderen boten die Schulen in kaum einem anderen Industrieland Kinder aus ärmeren Schichten so wenig Aufstiegschancen wie in Deutschland. Seither wurde viel debattiert und manches geändert.

Doch nach wie vor ermöglicht das deutsche Schulsystem zu wenig Chancengerechtigkeit: Wer aus einer Akademikerfamilie kommt, wird es weit eher aufs Gymnasium schaffen als sein Altersgenosse aus dem Arbeitermilieu. Unterhalb dieser pauschalen Feststellung macht der am Montag veröffentlichte "Chancenspiegel", eine von der Bertelsmann-Stiftung zusammen mit dem Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung erarbeitete Studie, aber beträchtliche Unterschiede zwischen den Bundesländern aus. Baden-Württemberg schneidet dabei gar nicht so gut ab: Ein Kind aus der sozialen Oberschicht hat hier 6,6 mal bessere Aussichten, ein Gymnasium zu besuchen, als ein Kind der Unterschicht. Im ländlichen Raum, wo das nächste Gymnasium oft weit entfernt ist, sind die Chancenunterschiede noch größer. Damit liegt der Südwesten deutlich über dem Bundesdurchschnitt (Faktor 4,5), erst recht aber über dem Faktor 2,5, den Berlin oder Sachsen erreichen.

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Das allein will nicht viel heißen. Denn in Berlin und in Sachsen mögen zwar die Tore zu den Gymnasien weiter offenstehen als in Baden-Württemberg oder Bayern, aber dafür müssen laut "Chancenspiegel" dort auch besonders viele wieder in die Real- oder Hauptschule absteigen: Die Quote der Wechsler in eine niedrigere Schulform ist in Berlin oder Sachsen fast vier Mal höher als in Baden-Württemberg. Und im Südwesten müssen zudem prozentual die wenigsten Schüler der Sekundarstufe eine Klasse wiederholen: 1,6 Prozent gegenüber durchschnittlich 4,5 in Bayern oder Berlin.

All dies deutet darauf hin, dass das baden-württembergische Schulsystem, wenn die Kinder es erst einmal aufs Gymnasium oder eine andere weiterführende Schule geschafft haben, sich als recht leistungsfähig erweist. In der Tat: Gruppiert der "Chancenspiegel" das Land bei den Kriterien Integrationskraft und Durchlässigkeit nur im Mittelfeld der 16 Bundesländer ein, so gehört es in der Kompetenzförderung und in der Zertifikatsvergabe, also der Zahl der Abschlüsse, zur Spitze – anders als beispielsweise das angeblich sozial gerechtere Berlin. Daraus nun aber den Schluss zu ziehen, Leistungsstärke und Chancengerechtigkeit schlössen einander aus, geht fehl: Das Saarland oder Sachsen führen zumindest in guten Ansätzen vor, dass sich beides gut miteinander vereinen lässt.

Gerechtigkeit und Leistung

bilden keinen Widerspruch

Die Autoren der Studie verweisen zudem auf das Beispiel Kanada: Der Spitzenreiter im Pisa-Ranking erfülle beide Ansprüche gleichermaßen. Deshalb müsse auch in Deutschland dieser nur scheinbare Widerspruch endlich überwunden werden: "Nur ein Bildungssystem, das leistungsfähig ist, ist chancengerecht, und nur ein chancengerechtes Bildungssystem ist leistungsfähig", heißt es im Vorwort des "Chancenspiegels".

Das Maß für die Leistungsfähigkeit eines Schulsystems liefert vor allem die Lesekompetenz: Mit den Lesefertigkeiten sowohl der stärksten wie der schwächsten Neuntklässler ist Baden-Württemberg in der Spitzengruppe platziert, während es bei den Fünftklässlern nur für einen Mittelplatz unter den Bundesländern reicht. Da können insbesondere die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg nicht mithalten: Dort sind Kinder aus bildungsfernen Familien oft um bis zu zwei Schuljahre hinter den Fähigkeiten gleichaltriger Schüler in anderen Bundesländern zurück, vor allem wenn in deren Elternhäusern mehr als 100 Bücher stehen.

Ausweis der Leistungsfähigkeit des Schulsystems ist auch die hohe Zahl an Abiturienten in Baden-Württemberg (die Hälfte eines Jahrgangs) und die niedrige Zahl der Schüler ohne Abschluss (5,7 Prozent), deren Anteil in den ostdeutschen Ländern sogar fast 14 Prozent erreicht.

Der "Chancenspiegel" greift auf statistische Zahlen bis September 2011 zurück, um die Bundesländer zu vergleichen. Die grün-rote Schulpolitik in Stuttgart hat damit also noch nichts zu tun. In der Koalitionsvereinbarung steht Bildungsgerechtigkeit ganz oben – und in den Ministerien wird man sicher interessiert lesen, dass – neben der Inklusion behinderter Schüler – der Ganztagsschule eine große soziale Integrationskraft bescheinigt wird. Doch bislang kann nur ein Viertel aller Schüler im Südwesten eine derartige Schule besuchen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil sich nach wie vor viele Eltern dagegen sträuben.

Autor: Wulf Rüskamp