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21. Januar 2012
Nur ein Tropfen auf den heißen Stein
BZ-GASTBEITRAG: Wolfgang Kessler glaubt, dass vom fairen Handel letztlich nur eine kleine Minderheit der Armen profitiert.
Die Bilanz ist glänzend: Jahr für Jahr werden in Eine-Welt-Läden, Supermärkten und Discountshops mehr fair gehandelte Waren verkauft, die die Lebensbedingungen der Kleinbauern in der Dritten Welt verbessern helfen. Allein 2010 erwirtschaftete der faire Handel in Deutschland einen Umsatz von 413 Millionen Euro. "In diesem Jahr wollen wir die halbe Milliarde knacken", sagt Dieter Overath, der Geschäftsführer von Trans Fair, jener Organisation, die das Siegel "Fair Trade" vergibt. Doch bei aller berechtigten Freude über gerechte Preise und humanere Arbeitsbedingungen für Millionen Produzenten, darf man nicht ignorieren, dass der faire Handel ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Von dem Boom profitiert eine kleine Minderheit der Kleinbauern.
Dabei kann das Bündnis aus Kirchen und Entwicklungsorganisationen, das den fairen Handel seit 20 Jahren betreibt, Erfolge nachweisen: In Tausenden von Dörfern in der Dritten Welt gibt es stabile Häuser, Schulen und Gesundheitszentren nur, weil ihnen der faire Handel gerechtere Abnahmepreise, Prämien für eine ökologische Produktion und Unterstützung für soziale Gemeinschaftsprojekte bezahlt. "Die Fair-Trade-Bewegung zeigt, dass ein anderes Wirtschaften möglich ist und Globalisierung nicht auf dem Rücken der Armen ausgetragen werden muss", sagt der frühere Umweltminister Klaus Töpfer. Er freue sich über "die Verbraucher, die durch den Kauf von fairen Produkten Verantwortung übernehmen".
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Sicherlich beweist der faire Handel, dass ein anderes Wirtschaften möglich ist. Allerdings stößt er an enge Grenzen. Selbst beim Vorzeigeprodukt Kaffee liegt der Marktanteil in Deutschland gerade mal bei zwei Prozent. Tee, Biobananen, Zucker oder Kakao kommen kaum auf ein Prozent.
Und dies, obwohl die Fair-Trade-Bewegung auf dem Weg zu Rekordumsätzen immer mehr Kompromisse mit dem konventionellen Handel macht. Rund die Hälfte der fair gehandelten Waren gehen in Supermärkten, vor allem aber bei den Discountern, über die Ladentheke. Für Brigitte Binder vom Evangelischen Entwicklungsdienst bieten die Discounter eine große Chance: "Der Großteil der deutschen Bevölkerung kauft in Discountern ein. Deshalb sollten auch dort Eine-Welt-Produkte erhältlich sein. Nur so können möglichst viele Menschen vom Kauf überzeugt werden." Gleichzeitig erhält das Wort vom fairen Handel in Discountern einen faden Beigeschmack. Während die Kleinbauern im Süden von zusätzlichem Absatz bei Lidl und Co. profitieren, werden ihre Waren von Menschen angeboten, die oft selbst höchst unfair behandelt werden.
Hinzu kommt: Viele traditionelle Eine-Welt-Laden mögen altmodisch erscheinen. Doch sie können mit ihren ehrenamtlichen Aktivisten garantieren, dass der Mehrpreis im fairen Handel zu einem großen Teil an die Produzenten im Süden weitergegeben wird. Konventionelle Handelshäuser, die unter vielen Produkten auch fair gehandelte Waren führen, geben oft nur einen kleinen Teil des Aufpreises im Laden an die Produzenten weiter. So verkaufte eine britische Kaffeehauskette Fair-Trade-Kaffee für einen Aufpreis von zehn Pence pro Tasse, während die Mehrkosten lediglich 0,5 Pence betrugen. Die Differenz behielt die Kaffeehauskette ein und machte sich selbst zur Mitgewinnerin des fairen Handels.
Doch selbst diese umstrittenen Kompromisse mit dem konventionellen Handel trieben die Marktanteile fair gehandelter Waren nicht über zwei Prozent. Das Bemühen um möglichst viel Umsatz kostete die Fair-Trade-Bewegung jedoch so viel Kraft, dass sie auf der politischen Bühne kaum mehr ein Rolle spielt. Ursprünglich war der faire Handel ein Vehikel, um das Ziel des gerechten Welthandels in die Politik zu tragen. Von diesem Ziel sind die Fair-Händler weit entfernt. Und dies hat Folgen. Sie bilden keine Gegenlobby, wenn hoch subventionierte Billigexporte aus der EU im Süden mehr kaputt machen wie der faire Handel gut machen kann. Und es gibt keine starke politische Kraft, die die Politik der Welthandels-Organisation für einen möglichst freien Welthandel herausfordert.
Doch nur wenn die Grundsätze des fairen Handels – gerechte Preise, soziale Auflagen für die Produzenten, ökologische Auflagen für die Produktion – zu Zielen der Welthandelspolitik werden, können sie global wirksam werden. Zwar ist es wichtig, dass die Verbraucher so viele fair gehandelte Waren wie möglich kaufen. Doch solange die Ziele eines fairen Welthandels nicht die Politik bestimmen, werden 99 Prozent der Kleinbauern unter ungerechten Strukturen leiden.
– Der Autor ist Wirtschaftspublizist und Chefredakteur der christlichen Zeitschrift Publik-Forum
Autor: bz
