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26. Juni 2012

Leitartikel

Syrien und wir: Die Wahrheit im Bürgerkrieg

Wer die „Guten“, wer die „Bösen“ sind, ist im Krieg nicht immer leicht zu erkennen

Die Bilder von Hula, sie wollen nicht aus dem Kopf. Kinderleichen in weißes Tuch gehüllt, Reihen voller Toter. Die Bilder gingen im Mai um die Welt. Die Welt war entsetzt. Es hieß, das Massaker von Hula habe eine Wende im syrischen Bürgerkrieg eingeläutet; Assads Männer hätten mit den Morden an unschuldigen Kindern eine Grenze überschritten. Wochen später. Die Bilder sind immer noch im Kopf. Der Diktator Assad wurde weder gestürzt, noch hat die Weltgemeinschaft entschieden, militärisch einzugreifen.

Wer die Bilder von Hula gesehen hat, kann das eigentlich nicht verstehen. Gewiss, die Gründe für die Zurückhaltung der Staaten sind bekannt: Sie reichen von der Verweigerungshaltung Chinas und Russlands bis hin zu der Furcht, mit einer militärischen Intervention die ohnehin fragile politische Balance im Nahen Osten zu zerschlagen – mit unabsehbaren Folgen. Für sich genommen, sind all diese politischen und geostrategischen Argumente, nicht in Syrien zu intervenieren, nachvollziehbar. Gutheißen muss man sie nicht.

Doch können wir den Bildern von Hula überhaupt trauen? In Syrien sind ausländische Reporter derzeit nicht gerne gesehen. Und so betrachten wir seit Monaten verwackelte Youtube-Videos von Straßenkämpfen – obgleich wir nicht wissen, wer sie mit welcher Absicht ins Netz gestellt hat. Wir klicken im Computer auf Fotos, lesen die Bilanz des UN-Menschenrechtsausschusses über Folter und Misshandlungen an Gefangenen. Meistens sind die Quellen für solche Berichte Augenzeugen. Deren Glaubwürdigkeit anzuzweifeln, ist natürlich heikel. Dennoch ist die Frage erlaubt: Sehen wir tatsächlich die Wahrheit? Wem sollen wir glauben? Können wir mit Sicherheit sagen, wer Täter und wer Opfer ist? Und sind Kriegsteilnehmer nicht manchmal beides – Täter und Opfer?

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Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Ob Balkankriege, Sudan oder Kongo – in allen Konflikten gab es Kriegsverbrechen auf beiden Seiten. Auch in Syrien verwischt die Trennung zwischen "gut" und "böse", zwischen Milizen, Armee und Rebellen. So steckt hinter dem Zögern der Weltgemeinschaft, militärisch einzugreifen, auch zunehmend die Furcht, nicht genau zu wissen, wer diese syrische Opposition ist, die man unterstützen soll und die sich als die "Guten" gerieren. Ob sie es sind? Im Fall des Massakers von Hula gibt es jedenfalls den verheerenden Verdacht, auch syrische Rebellen könnten aktiv geworden sein.

Als die Nato im Frühjahr 2011 in Libyen eingriff, quälten sie ebenfalls Zweifel an der Verlässlichkeit der libyschen Freiheitskämpfer. Ein Verdacht, der sich Monate nach dem Sturz Gaddafis bewahrheiten sollte. Doch Kriege haben Wertigkeiten. Der Krieg in Libyen fand vor Europas Haustür statt, die Furcht vor einer Flüchtlingswelle nach Italien war groß. Und nicht zu vergessen: Libyen besitzt Öl. Über das verfügt zwar der Sudan ebenfalls. Doch die blutigen Kämpfe dort interessieren in Europa kaum. Sie sind weit weg und haben keine Auswirkungen auf die EU.

Der Krieg in Syrien liegt uns zwar näher, gleichwohl wird er inzwischen mehr und mehr zu einer Routine-Nachricht heruntergestuft (wenn Syrien nicht gerade einen türkischen Militärjet abschießt). Täglich veröffentlichen die Medien die Zahl der Toten; sind Kinder darunter, wird die Meldung etwas größer. Das ist zynisch – doch auch Kriegsberichterstattung hat ihre Regeln. Die Welt hat sich längst wieder anderen Katastrophen zugewandt, auch, weil der Fall Syrien so hoffnungslos ist, die Nachrichten so undurchsichtig sind. Die Bilder von Hula sind nicht vergessen. Doch das Entsetzen über die Gewalt ist in Lähmung umgeschlagen – mit einem erschreckenden Fazit: Offenbar muss man den Konflikt in Syrien vorerst hinnehmen. Das ist für uns die schlimmste Wahrheit dieses Bürgerkrieges.

Autor: Frauke Wolter