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23. Mai 2009

60 Jahre Bundesrepublik

Tagesspiegel: Kein Staat zum Verlieben

Herzlichen Glückwunsch Deutschland. 60 Jahre nach Gründung der zweiten deutschen Demokratie gibt es Anlass zu feiern. Nicht selbstgefällig, aber durchaus selbstbewusst. Auch wenn das Erreichte nicht perfekt ist und die Herausforderungen gewaltig sind. Aber 60 Jahre in Frieden, Freiheit und Wohlstand – in der oft leidvollen Geschichte ist dies eine bemerkenswerte Ära. Und sie muss noch lange nicht zu Ende sein.

Gewiss, die Entwicklung der Deutschen von Untertanen zu weltweit geachteten Demokraten ist nicht nur einem Grundgesetz geschuldet, das als Provisorium gedacht, zum Glücksfall wurde. Ganz wesentlich dazu beigetragen haben D-Mark und Wirtschaftswunder. Es ist eben einfacher, sich mit einem Gemeinwesen zu solidarisieren, das sich im Aufschwung befindet, das an sich und seine Zukunft glaubt. Wichtig waren aber auch die Kämpfe und Verirrungen in den 60er und 70er Jahren, die diesen Staat zwar an den Rand des Scheiterns führten, letztlich aber gestärkt haben. Mit dem Fall der Mauer wartete eine neue Herausforderung, die diese Republik zwar ökonomisch bravourös meisterte, an deren gesellschaftlichen und sozialen Folgen sie sich aber bis heute mit mäßigem Erfolg abarbeitet.

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Das mag auch daran liegen, dass der Akt der Vereinigung mit einem Beitritt des Ostens zum Grundgesetz begann und nicht mit einer gemeinsamen neuen Verfassung. Für die einen war dies die falsche Botschaft des "weiter so", für die anderen ein Akt der Selbstaufgabe. Wobei der oft noch nicht einmal in das erträumte Schlaraffenland führte, sondern in Mühsal, Arbeitslosigkeit und einer Entwertung vieler Biografien. Wenn richtig ist, dass Gesellschaften ganz wesentlich durch gemeinsame Gefühle und Erinnerungen zusammengehalten werden, dann kann man erahnen, was noch alles geschehen muss, um die Mauer auch in den Köpfen und Herzen endgültig zu schleifen.

Zumal die Zeiten für solche Prozesse alles andere als günstig sind. Statt mehr Wohlstand sind Verluste zu verteilen und weiten Teilen der Mittelschicht ist die Zuversicht verloren gegangen, sich nach oben arbeiten können. Im Gegenteil: Plötzlich ist auch der wirtschaftliche und soziale Absturz eine reale Option. Deutschland ist damit in der Normalität angelangt. Aber diese Erkenntnis wirkt eher lähmend.

Vielleicht beflügelt ja der Blick in die Anfangsjahre. Die gleiche Skepsis gegenüber einem allmächtigen Staat wie einem entfesselten Markt, welche die meisten Gründerväter und -mütter aus leidvoller Erfahrung hatten, könnte auch heute Richtschnur für die Bewältigung der Wirtschafts- und Finanzkrise sein. Und die Rückbesinnung auf den Satz "Eigentum verpflichtet", erzwänge jenes menschliche Maß, das im Rausch des Kasino-Kapitalismus hinweggefegt wurde. Überwunden sein sollte die Angst vor dem Volk, die dem Grundgesetz etwas Mut nahm. Mehr Plebiszite könnten nämlich mithelfen, diesen Staat noch stärker zusammenzuschweißen. Durch Wiedervereinigung und Globalisierung ist er inhomogener geworden, wenn auch nicht instabiler. Er wird weiter gebraucht, auch dann, wenn Europa hoffentlich weiter zusammenwächst. Kein Staat zum Verlieben, aber einer, der Respekt verdient. Alles Gute, Deutschland.

Autor: Thomas Hauser