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05. Juli 2003

Leitartikel

Wozu noch Gewerkschaften?

Die einst vorwärts blickenden Organisationen sind heute Bewahrer des Status quo. Kommentar von Lord Ralf Dahrendorf (5. Juli 2003)

Die einst vorwärts blickenden Organisationen sind heute Bewahrer des Status quo



Gewerkschaften sind entstanden, um dem prinzipiellen Ungleichgewicht des Arbeitsvertrages abzuhelfen: Die auf Arbeit angewiesenen Beschäftigten sind als Einzelne machtlos gegenüber dem Arbeitgeber. Erst durch den Zusammenschluss mit anderen können sie hoffen, in Verhandlungen über Arbeitsbedingungen das nötige Gewicht in die Waagschale zu legen. Eine Zeit lang konnte es scheinen als hätten die Gewichte sich geradezu ins Gegenteil verschoben. In England gab es jedenfalls eine Periode, vor allem in den 1970er-Jahren, in denen die Gewerkschaften nicht nur durch Streiks die Wirtschaft und die öffentlichen Dienste lahm legen konnten, sondern zugleich bei "Bier und Butterbroten in No. 10", also am Sitz des Premierministers, politische Weichen stellten. Deutschland ist da andere Wege gegangen. In den Mitbestimmungs-Aufsichtsräten sind Bier und Butterbrote längst durch Champagner und Canapés ersetzt worden.

Doch hat es überall zwei Veränderungen gegeben, die für die heutige Lage wichtig sind. Die eine liegt in einem dichten Netz von gesetzlichen Regelungen, die die Stellung der Arbeitnehmer gestärkt haben. Es gibt eine Betriebs-, ja Unternehmensverfassung, es gibt Arbeitsgerichte und anderes mehr. In den meisten europäischen Ländern zumindest können Arbeitnehmer nicht mehr ins Bodenlose fallen.

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Die andere Veränderung hängt mit der ersten zusammen, hat aber auch allgemeine kulturelle Gründe. Organisationen sind bei den Bürgern nicht mehr sonderlich beliebt. Arbeitnehmer sind vor allem Konsumenten, und als solche handeln sie individuell, nicht solidarisch. Das trifft nicht nur Gewerkschaften, es trifft auch Parteien, ja alle Formen der Organisation. Es trifft aber Gewerkschaften besonders hart, weil diese sich vielfach nicht mehr darauf berufen können, eine Mehrheit, ja auch nur eine bedeutende Minderheit von Arbeitnehmern zu vertreten.

Das lässt das spezifische Gewicht der Organisationen schrumpfen. Gewerkschaften haben es nicht mehr ganz leicht, ihren Platz in der post-modernen Wissensgesellschaft und Informationswirtschaft zu bestimmen. So erklären sich Fusionen von Gewerkschaften, ein neues Erscheinungsbild der Organisationen und zuweilen geradezu unternehmerische Einstellungen bei Vertretern der Arbeitnehmer. Aber es bleibt ein Rest nicht nur an Tradition, sondern auch an traditionellen Fragestellungen. Das gilt insbesondere in einer Zeit, in der öffentliche Haushalte überall im Zuge der Globalisierung und anderer Entwicklung gekappt werden. Hier entdecken Gewerkschaften ein neues Aktionsfeld, nämlich die Interessenvertretung der an Sicherheit gewöhnten, von einem Klima der Flexibilität bedrohten Arbeitnehmer. Auf einmal werden die einst vorwärts blickenden Organisationen zu Verteidigern des Status quo, vor allem des Interesses der Bedrohten, jede Veränderung zu verhindern.

Diese Reformfeindschaft der Verunsicherten kann politische Konsequenzen haben. In Deutschland wie in Großbritannien - und bei andersartigen Traditionen auch in Frankreich und Italien - ist ein "Linksruck" bei den neuen Spitzenfunktionären beobachtet worden. Das "Links" besteht vornehmlich aus der Verteidigung der alten Wohlfahrtsregimes. Dabei können Gewerkschaften nicht nur konservativen Regierungen (wie in Frankreich und Italien), sondern gerade auch (wie in Deutschland und Großbritannien) sozialdemokratischen Regierungen das Leben sehr schwer machen. Gewinnen können sie allerdings nicht. Die Kräfte, die auf flexible und damit dynamische Arbeitsmärkte in einem Kontext globaler Konkurrenz drängen, sind am Ende zu stark. Als retardierendes Moment der nötigen Reformen haben solche Gewerkschaften allerdings vorübergehend Wirkungen. Nahezu unweigerlich setzen sich am Ende Herr Raffarin und Herr Schüssel ebenso wie Herr Schröder und Herr Blair durch. Für ihre Rolle in der zukünftigen Welt müssen die Gewerkschaften also andere Wege suchen. Sozial abgefederte Innovation ist da ein besseres Rezept als vergebliche Versuche der Verhinderung des Fortschritts es sind.

Autor: Lord Ralf Dahrendorf