Zwischen Büro und Baustelle

Mario Schöneberg

Von Mario Schöneberg

Sa, 23. September 2017

Merdingen

Bauingenieur Thibault Schüler absolvierte nach seinem Studium eine Zimmererlehre – und schließt diese als Innungsbester ab.

MERDINGEN/IHRINGEN. Mächtig stolz sind die Kollegen der Merdinger Firma Holzhaus Hänsler auf ihren Kollegen Thibault Schüler, der mit seinen 25 Jahren nach einem abgeschlossenen Studium noch eine Lehre zum Zimmermann absolvierte und diese nun sogar als Innungssieger abschließen konnte.

"Nur im Büro zu sitzen ist mir deutlich zu langweilig", sagt Thibault Schüler, der sowohl französische als auch deutsche Wurzeln hat. Als französischer Bauingenieur und deutscher Zimmermann ist er nun in Merdingen für die Planung und den Bau von Holzhäusern verantwortlich, aber auch gelegentlich auf Baustellen der Ihringer Zimmerei Hänsler anzutreffen. Zudem bereitet er sich auf die Ausbildereignungsprüfung vor. "Gerade die Dualität von Büroarbeit und Baustelle ist mir wichtig und es ist schön, immer neue Herausforderungen zu bekommen."

Geboren wurde Schüler in Colmar, der Vater stammt aus Freiburg, die Mutter aus Bordeaux. Dorthin verschlug es die Familie kurz nach seiner Geburt, der Vater bekam eine Stelle als Bühnenbildner. Im Umland kaufte die Familie ein altes Bauernhaus, das mit viel Eigenleistung nach und nach saniert wurde. Hier war auch der junge Thibault immer mit von der Partie und hatte seine Freude am Basteln und Bauen. Nach dem Abitur studierte er Bauingenieurwesen in Chambéry, sein Master wird auch in Deutschland anerkannt. Als Kind und Jugendlicher kam Thibault Schüler dabei immer wieder nach Deutschland, seine Großmutter lebt in Waltershofen. Und bei einem Praktikum bei einem Fertighaushersteller in der Ortenau kam er erstmals mit dem Bau von Holzhäusern in Berührung. Doch in der Industrie sei man zu weit weg vom Kunden, da habe ihm ein weiteres Praktikum in Merdingen bei der Firma Hänsler deutlich mehr Spaß gemacht, erklärt Schüler.

Der Holzbau selber sei im Studium wenig vorgekommen, interessiere ihn aber sehr. Und da die Chemie mit den Kollegen um Firmenchef Willi Hänsler gleich stimmte, hat er dort nach dem Studium im Oktober 2014 die angebotene Stelle angenommen. "Arbeitsvorbereitung, CAD-Werkpläne, Statik, Materiallisten und die deutschen Vorschriften – da bin ich anfangs ins kalte Wasser geworfen worden", erinnert sich der Bauingenieur. Die Fachbegriffe der Zimmermänner stellten ihn immer wieder vor sprachliche Herausforderungen. Doch als Planer bei einer kleineren Firma sei es wichtig, zu wissen, was auf der Baustelle passiert. Nur so könne er ein Projekt von Anfang an bis zum Ende begleiten. Um da also mit seinen Kollegen mitreden zu können, aber auch um das Handwerk von der Pike auf zu lernen, hat er sich deshalb dazu entschlossen, noch eine Ausbildung zum Zimmermann zu machen. Diese kann bei entsprechenden Vorkenntnissen auf zwei Jahre verkürzt werden.

Wegen der großen Nachfrage für den Zimmermanns-Beruf in der Freiburger Friedrich-Weinbrenner-Gewerbeschule wurden im Herbst 2015 gleich drei Klassen eingerichtet. In einer davon wurden alle älteren Auszubildenden zusammengefasst. Vom Abiturienten über den Schreiner bis hin zum Juristen war hier eine breite Palette an Quereinsteigern dabei. Am Ende schloss er die Ausbildung als Jahrgangsbester mit der Note 1,1 ab. Auch sein Gesellenstück, ein vielschichtig aufgebauter Dachstuhl mit vielen historischen Bezügen, Schrägen und Zwiebeltürmen, konnte überzeugen. Nun ist er eingeladen, auf Kammerebene seine Innung beim Leitungswettbewerb zu vertreten.

Der frisch gebackene Zimmermann freut sich darauf, Holzhäuser sowie Gewerbehallen zu planen und zu bauen. Auch der Bau von sogenannten Tiny-Häusern würde ihn reizen. Der Trend, Minihäuser zu bauen, stammt aus den USA. Und Schüler kann sich gut vorstellen, für sich und seine Familie später mal ein altes Bauernhaus zu sanieren und auszubauen, wie es schon sein Vater getan hat.