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05. November 2015

Infoveranstaltung

Landratsamt und Bürgermeister informierten über die Flüchtlingsunterbringung in Merzhausen

Nur wenige Tage nach den Gemeinderatssitzungen in Merzhausen und Au, die sich mit der Errichtung einer Großunterkunft des Landkreises für Flüchtlinge beschäftigten, fand im Merzhauser Forum eine Veranstaltung für Bürger statt. Rund 250 Menschen waren gekommen, um sich von den Bürgermeistern sowie von Vertretern des Landratsamts und der Polizei informieren zu lassen.

  1. Auf dem Podium (von links): Friederike Großmann, Martin Barth, Christian Ante, Jörg Kindel, Ralf Baumgarten und Jens Zeckel Foto: Julius Steckmeister

  2. Rund 250 Leute kamen zur Bürgerinformationsveranstaltung ins Forum. Foto: Julius Wilhelm Steckmeister

Rede und Antwort standen den Interessierten Merzhausens Bürgermeister Christian Ante, sein Auer Kollege Jörg Kindel, der Merzhauser Ordnungsamtsleiter Ralf Baumgarten, der Leiter des Polizeipostens Ehrenkirchen, Polizeioberkommissar Jens Zeckel, sowie der Erste Landesbeamte Martin Barth und die stellvertretende Sozialdezernentin des Landkreises, Friederike Großmann. "Der heutige Termin ist außergewöhnlich, kurzfristig und ungünstig", sagte Christian Ante. "Aber wir agieren am Rande des polizeilichen Notstandes."

Auf die angespannte Situation im Landkreis ging Martin Barth ein. Bis August habe man die Strategie der "dezentralen Unterbringung in kleinen Einheiten" verfolgt. Dies sei aufgrund der aktuellen Flüchtlingszahlen – allein dem Landkreis würden derzeit wöchentlich 131 Asylbewerber zugewiesen – nicht mehr aufrechtzuerhalten. "Uns war klar, wir müssen schnell handeln und größere Einheiten schaffen", erläuterte Barth den Kurswechsel. Dieses sollten, wenn möglich, aber weder Turnhallen noch Zelte sein, so dass "massiv Container gekauft" wurden, für die es nun Standorte zu finden gelte.

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Aktuelle Flüchtlingszahlen nannte Friederike Großmann. Rund eine Million Menschen kämen 2015 nach Deutschland, 103 200 nach Baden-Württemberg kommen. 2,8 Prozent dieser Asylbewerber landen letztlich im Landkreis. "Der Bus kommt immer donnerstags", erklärte Großmann. Dann gelte es, 100 und mehr Menschen unterzubringen. Bisher habe man Unterkünfte mit maximal 100 bis 120 Flüchtlingen betrieben, aufgrund der starken Zuströme würden nun in vielen Gemeinden Sammelunterkünfte für 200 bis 750 Menschen errichtet.

Anhand des Grundrisses der Behelfsunterkunft in Staufen, die Ende des Monats bezugsfertig sein soll, erläuterte Großmann die Struktur der Wohnmodule und auch das Betreuungskonzept in diesen Einrichtungen. Es beinhaltet neben Sozialarbeitern und Hausmeistern einen Sicherheitsdienst sowie ein enges Netzwerk aus Polizei und Helferkreisen.

"Wir sind nicht

glücklich damit"

Bürgermeister Jörg Kindel
Auf die Standortdiskussion ging Christian Ante ein. Sechs Flächen seien vorgeschlagen worden. Als Favoriten des Gemeinderats hätten sich ein Areal oberhalb des Hundevereinsgeländes und die schräg gegenüberliegende Wiese oberhalb des VfR-Vereinsheims, die an der Grenze zu Au liegt, herausgestellt. "Keines der Grundstücke ist vollständig im Gemeindeeigentum, aber die Verhandlungen laufen, und es verdichtet sich auf den Standort Fünf", sagte Ante zu der nahe Au gelegenen Fläche. Als "Chance für Au" habe man dem Nachbarn ein Kooperationsangebot gemacht, der Gemeinde zugewiesene Flüchtlinge ebenfalls in der Sammelunterkunft unterzubringen.

"Wir sind nicht glücklich damit", gestand Amtskollege Jörg Kindel. Ihm sei zwar bewusst, dass Merzhausen in seiner Entscheidung frei sei, jedoch wünschte er sich eine Überprüfung der Alternativstandorte sowie eine Belegung mit maximal 200 Personen. "Es gibt Sorgen und Ängste in der Bevölkerung, die trotz der Not der Flüchtlinge ausgeräumt werden sollten", wünschte sich Kindel.

Ob der Hundesportplatz nicht verlegt werden könne, fragte eine Bürgerin. Er gehöre dem Verein, sagte Christian Ante. Welchen "Charakter" die Flüchtlinge hätten, fuhr die Fragestellerin fort. Sie hätten zumeist einen Asylantrag gestellt, seien aber durchweg registriert und medizinisch untersucht, erwiderte Großmann. Wie lange die Unterkunft stehen bleibe, fragte ein Mann. "Drei bis fünf Jahre, so der Stand heute", antwortete Barth.

Der Markt für Sozialpädagogen sei leer, aber die Helferkreise bräuchten Unterstützung, sagte eine Bürgerin. Friederike Großmann kündigte an, dass zeitnah Ehrenamtskoordinatoren angestellt würden, um den Helfern zur Seite zu stehen. Ob es einen Betreuerschlüssel gäbe, wollte Brunhilde Hummel, Gemeinderätin aus Au, wissen. "Ein Sozialarbeiter für 100 Flüchtlinge", so Barth. Wann eine Standortentscheidung gefällt werden solle, urde gefragt. "In längstens fünf Wochen", sagte Barth. "Hilfreich" fand eine Dame aus Au die Veranstaltung, sie verspürte aber "ein Grimmen im Bauch", dass diese nach den Ratssitzungen stattfand. "Alle Standorte sind noch im Rennen", machte Ante deutlich. Als "nicht glücklich" über den Standort beim Vereinsheim outete sich VfR-Vorsitzender Klaus Zimmer. Man müsse nun die Auswirkungen abwarten, Sport könne jedoch bei der Integration eine wichtige Rolle spielen. Auf die Frage nach Polizeieinsätzen in und um die Sammelunterkünfte erwiderte Jens Zeckel, dass es in Norsingen noch keine Vorkommnisse gegeben habe. Die Polizei habe zwar zwei kleinere Einsätze in der Unterkunft gehabt, hierbei habe es sich aber um Überprüfungen gehandelt.

Mehrere kleine statt einer großen Unterkunft mit "Camp-Charakter" wünschte sich ein Anwohner des Wohngebiets Alte Straße. Dies sei logistisch zu aufwendig, erklärte Friederike Großmann. Die Logistik zur Annahme von Sachspenden bereitete der SPD-Kreisvorsitzenden Birte Könnecke Kopfzerbrechen: "Die Hilfsbereitschaft versickert ein bisschen im Sande, wenn die Menschen nicht wissen, wo sie Dinge abgeben können." Eine entsprechende Stelle werde in der Anschlussunterkunft Sauermatten geplant, sagte Bürgermeister Ante.

Autor: Julius Steckmeister