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23. Juli 2012 10:36 Uhr
Wetter
Meteorologen: Der Sommer ist normal – und keiner merkt’s
Zu nass, zu dunkel, zu kalt: Die Klagen über den Sommer 2012 sind laut. Doch so schlecht fällt er bisher nicht aus – auch wenn sich eine ganze Generation bereits an ein neues Klima gewöhnt hat.
Die Empörung ist groß, der Ton ist rau, und wenn dieser Sommer 2012 ein Wesen aus Fleisch und Blut wäre, müsste er wahrhaft um sein Leben fürchten. So bleibt es bei Klagen, die landauf, landab im selben abschätzigen Modus gefasst sind: zu nass, zu dunkel, zu kalt.
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"Viele haben vergessen, wie die Sommer früher waren", sagt der Meteorologe Kai Zorn vom Wetterportal wetter.com. Der jetzige Sommer sei ein West-Sommer wie aus dem Lehrbuch, wie er in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren häufiger vorgekommen ist. Es ginge auch anders: Was wäre im Internet und in den hiesigen Boulevard-Medien wohl los, wenn dieser Sommer einen ähnlich grausigen Verlauf wie im Jahre 1987 nähme? Damals regnete es im Süden Deutschlands teilweise wochenlang, in den Bergen fiel Schnee. Und Bild titelte hastig: Kommt jetzt die neue Eiszeit?
Natürlich kam es anders. Seither hat das Klima einen Sprung gemacht. Es ist wärmer geworden, zu allen Jahreszeiten. Und tatsächlich, vergleicht man den aktuellen Sommer mit der Referenzperiode von 1980 bis 2010, fällt er in diesem Jahr zu kühl aus. Er rangiert am untersten Ende des neuen Klimas, das eine ganze Generation gewohnt ist. Nichts Besonderes eigentlich, Variation gehört zum Wetter dazu. Es fällt nur stärker auf – auch weil die Deutschen mehr Freizeit haben als früher.
Besonders ist in diesem Jahr einzig die extrem südliche Bahn des Jetstreams, eines Höhenwindes, der maßgeblich unser Wetter beeinflusst. Der Jetstream teilt Europa derzeit in zwei Hälften. Die eine Hälfte – der Süden, Südosten und Osten – stöhnt unter extremer Hitze, Dürre und Waldbränden. Die andere Hälfte – die Mitte, der Westen und Norden – klagt über nicht enden wollenden Regen. Gemein ist beiden, dass sie zumindest vorübergehend gerne das Wetter des anderen hätten. Großbritannien etwa erlebte den nassesten Juni seit Aufzeichnungsbeginn (siehe Text unten), in Algerien wurden fast 50 Grad gemessen. Als Folge dieser Zweiteilung herrscht auch in Deutschland ein deutliches Südost-Nordwest-Gefälle vor. Und die Hitze ist ganz in der Nähe: Die Österreicher haben jetzt schon mehr heiße Tage gezählt als im Hitzesommer 2003.
An der Grenze dieser grundverschiedenen Luftmassen bilden sich seit Wochen starke Gewitter und sogar Tornados (siehe Hintergrund). Einer der stärksten der vergangenen Jahre hat in der vorigen Woche südlich von Danzig in Pommern gewütet. Ein kleinerer Windrüssel wurde Mitte Juli in Remscheid gesichtet. In Südbaden tobten Ende Juni blitzintensive Gewitter, die zwar heftig, aber nicht ungewöhnlich waren.
Es sieht jetzt danach aus, dass der Jetstream eine etwas nördlichere Bahn einschlägt. Es wird ein paar Tage Sonne und sogar Badewetter geben. Doch schon zum Wochenende beenden neue Gewitter das kurze Sommerglück.
Das vorherrschende Südost-Nordwest-Gefälle wird sich vermutlich den restlichen Sommer fortsetzen. "Wenn der Jetstream einmal eine solche Bahn eingeschlagen hat, bleibt er ihr meist lange treu", sagt der Freiburger Meteorologe Andreas Matzarakis. Deshalb ist eine längere Hitzeperiode selbst zu den Hundstagen eher unwahrscheinlich. Sollte sich das Azorenhoch in den kommenden Wochen über Mitteleuropa ausbreiten, bügelt es die vorherrschende Westdrift bald wieder platt. Das Grundmuster einer solchen Wetterlage wiederholt sich ständig.
Und wenn es länger anhält, dürften Herbst und Winter eher ungemütlich ausfallen, sagt Kai Zorn von wetter.com. Das sei jedoch nur als erster grober Trend zu verstehen, mehr nicht. Außerdem soll es momentan auch Menschen geben, die diesem Sommer viel Gutes abgewinnen können. Es muss ja nicht immer Hitze sein.
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Autor: Andreas Frey



