Musik

Mike Shinoda arbeitet mit Musik den Tod Chester Benningtons auf

Nadine Wenzlick

Von Nadine Wenzlick

Fr, 22. Juni 2018 um 20:08 Uhr

Rock & Pop

Er habe sich in schwierigen Situationen schon immer der Musik zugewandt, sagt Mike Shinoda. Der Suizid seines Kollegen bei Linkin Park, Chester Bennington, war so eine Situation.

Am 20. Juli 2017 erhängte sich Chester Bennington, Sänger der seit 15 Jahren äußerst erfolgreichen amerikanischen Rockband Linkin Park in seinem Haus in Kalifornien. Dass der nur 41 Jahre alt gewordene Amerikaner unter Depressionen litt, war kein Geheimnis. Trotzdem traf sein Tod Familie, Freunde und Fans völlig überraschend. Auch Bandkollege Mike Shinoda riss es den Boden unter den Füßen weg. "Manche Tage waren einfach nur furchtbar", erinnert er sich. "Ich habe so etwas noch nie zuvor erlebt, es gab für mich also keine Vorlage, keinen offensichtlichen Weg, wie ich damit umgehen sollte", sagt er beim Interview. "Ich habe ein Buch darüber gelesen, habe viel im Internet gelesen, mit Freunden gesprochen und Mentoren um Rat gefragt. Parallel schrieb ich aber auch Songs. Ich habe mich schon immer der Musik zugewandt, wenn ich schwierige Situationen zu bewältigen hatte."

Eine Art Orientierungshilfe

Während Shinoda das alltägliche Leben als schiere Qual empfand, fiel ihm das Musikmachen wahnsinnig leicht. Er verkroch sich in seinem Haus in Los Angeles, ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen, und ließ seinen Emotionen freien Lauf. "Die ersten Songs waren noch sehr düster und autobiografisch, aber irgendwann wurden sie heller und ich öffnete mich auch anderen Themen", sagt der 41-Jährige. Was mit den Songs einmal geschehen würde, war ihm damals nicht klar, doch im Januar veröffentlichte Shinoda die EP "Post Traumatic". Eben jenen Titel trägt nun auch sein Soloalbum, mit dem Shinoda versucht, die Tragödie künstlerisch aufzuarbeiten.

Musikalisch ruft das Album Erinnerungen an Shinodas Nebenprojekt Fort Minor wach: Die Songs bewegen sich zwischen Rap, Rock, Pop und elektronischen Sounds. Shinoda, der schon bei Linkin Park stets der zentrale Songschreiber war, nahm sie fast im Alleingang auf und kümmerte sich auch um die Produktion. "Die Platte ist so persönlich, das musste sein", erklärt er. "Bei einer Handvoll Songs sind weitere Musiker zu hören – Leute, die ich gut kenne, die Chester kannten, mit denen wir zuvor schon gearbeitet haben. Ich wollte sicherstellen, dass die Leute, die ich ins Boot hole, zu dem Thema des Albums einen persönlichen Bezug haben."

Allmählich sieht er Licht am Ende des Tunnels

Es sind aber vor allem die Texte des Albums, die es in sich haben. Shinoda rappt und singt sich Trauer, Resignation und Wut von der Seele – so offen, dass man manchmal gar nicht richtig hinhören mag. Am Ende des Eröffnungsstücks "Place To Start" zum Beispiel sind Mitleidsbekundungen zu hören, die Freunde nach dem Tod von Bennington auf Shinodas Mailbox gesprochen haben. In "About You" verarbeitet er das Gefühl, dass sich plötzlich jedes Gespräch, das er führte, jeder Song, den er schrieb, um Chester Bennington zu drehen schien. "Even when it’s not about you / all a sudden it’s about you", heißt es in dem Stück. "Die erste Hälfte des Albums ist sehr dunkel und kompliziert geworden, aber nach dem achten Song ,Crossing The Line’ spürt man, wie ich allmählich Licht am Ende des Tunnels sehe", so Shinoda.

Über die Frage, warum Shinoda all diese Gefühle mit dem Album öffentlich macht, muss er nicht lange nachdenken. "Es fühlte sich an, als sei das nötig", erklärt er. "Nach Chesters Tod schrieben mir immer wieder Leute: ‚Mike, du musst etwas sagen, wir müssen wissen, wie es dir geht‘. Das war nicht nur reine Neugierde. Diese Leute haben wirklich getrauert. Wir fühlten uns alle etwas verloren, wir brauchten eine Art Orientierungshilfe. Und ich dachte, indem ich offen kommuniziere, schaffe ich vielleicht etwas, dass uns allen Halt gibt."

Einen Weg aus der Trauer aufzeigen

Mit "Post Traumatic" wolle er also keinesfalls Trauer verbreiten, sondern vielmehr einen Weg aus der Trauer aufzeigen. "Ich merke schon jetzt, dass das sogar über die Linkin-Park-Fanbasis hinaus funktioniert. Dass Leute, die vielleicht gar nicht das Gleiche durchgemacht haben wie ich, die aber andere Sorgen haben, darin irgendwie Trost finden und einen Bezug zu den Songs haben", sagt er. "Die Tatsache, dass ich diese Dinge in meinen Songs thematisiere, bringt andere vielleicht dazu, selbst über ihre Gedanken und Gefühle zu sprechen."

Mike Shinoda: Post Traumatic (Warner).