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20. Februar 2016 11:57 Uhr

Zähringen

Mission Moschee: Die Ahmadiyya-Gemeinde stellt sich vor

Ob die Ahmadiyya-Gemeinde in Zähringen eine Moschee bauen darf, ist noch nicht entschieden. Was für eine muslimische Gemeinde ist das? Eine Annäherung.

  1. Noch beten die Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde in einem Raum im Stühlinger. Der ist viel zu klein, finden sie. Foto: Thomas Kunz

  2. Die Gemeinde will in Zähringen eine Moschee mit Minarett und Kuppel bauen. Foto: bz

  3. Imtiaz Ahmad Shaheen Foto: Thomas Kunz

Die Ahmadiyya-Gemeinde will in Zähringen eine Moschee bauen. Ob die Stadt das Grundstück im Gewerbegebiet Längenloh an die Muslime verkauft oder nicht, ist noch nicht entschieden. Die Ahmadis versuchen unterdessen, die Bevölkerung von ihrem Vorhaben zu überzeugen, und präsentieren sich als friedvolle Gemeinschaft.

"Liebe für alle, Hass für keinen" – das ist der Leitspruch der Ahmadis, der Ende Januar auch im Zähringer Bürgerhaus zu lesen war. Um sich den Freiburgern vorzustellen, hat die Gemeinde keine Mühen gescheut: Infotafeln im ganzen Raum, unzählige Broschüren und Bücher zum Mitnehmen und ein Imagefilm, der zu Beginn gezeigt wird. Es ist zu sehen, wie Jugendliche der Gemeinde am Neujahrstag Städte vom Silvestermüll befreien – so wie sie das auch auf dem Freiburger Kanonenplatz tun –, wie Gemeindemitglieder Blut spenden oder Bäume pflanzen und wie ihr Oberhaupt die IS-Attentate in Paris verurteilt.

Bürger reagierten mit Unmut auf die Baupläne der Gemeinde

In Zähringen, im Gewerbegebiet Längenloh, möchte die Gemeinde eine Moschee bauen. Dies hatte Mitte November zu Unmut bei einer Infoveranstaltung des Bürgervereins Zähringen geführt und zu Verwirrung vonseiten der Stadtverwaltung (die BZ berichtete). Nach einer zweifachen Kehrtwende, ob die Stadt das Grundstück verkauft oder nicht, scheint nun wieder alles offen zu sein. Bis März wird sich die gemeinderätliche Grundstückskommission laut Stadtsprecherin Martina Schickle ein Urteil bilden, im Mai soll das Thema voraussichtlich auf die Tagesordnung im Gemeinderat kommen, der dann entscheidet. Derzeit sei die Stadt in Gesprächen mit der muslimischen Gemeinde, aber auch mit anderen Interessenten für das Grundstück. Gewerbetreibende und Bürgerverein hatten sich im vergangenen Jahr gegen einen Bau im Gewann Längenloh ausgesprochen.

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Die Bedenken der Bürger sind auch bei der Infoveranstaltung der Ahmadis zu spüren. "Wir wissen ja nicht, was in so einer Moschee passiert", sagt eine Frau. Sie habe Sorge, dass Parallelgesellschaften entstünden. Um die Zuhörer von sich und dem Projekt zu überzeugen, ist sogar der Bundesvorsitzende der Gemeinde, Abdullah Uwe Wagishauser, nach Freiburg gekommen. "Es gibt nichts Schwierigeres, als in Deutschland einen Platz für eine Moschee zu finden", sagt der Alt-68er, der bei einer Reise nach Indien zum Islam konvertierte und der die Ängste der Bevölkerung gewohnt ist. "Wir wollen in einer adäquaten Unterkunft leben." Das derzeitige Gebetszentrum an der Klarastraße im Stühlinger sei eine Katastrophe.

Die Toilette befindet sich in einem Wandschrank

Besuch vor Ort: Von draußen deutet bis auf einen Schriftzug an der Tür nichts darauf hin, dass es sich um ein Gemeindezentrum handelt. In zwei Reihen knien knapp 20 Männer und Jungen auf Teppichen. Der kleine Raum ist gut gefüllt. Um einen Tisch stehen ein paar Plastikstühle, die Toilette befindet sich in einem Wandschrank. Beten Männer und Frauen gemeinsam, trennt ein Vorhang das Zimmer. "Eine Moschee soll ein Ort sein, wo ein Zusammentreffen möglich ist, und das ist hier nicht der Fall", sagt Imtiaz Ahmad Shaheen. Der Imam aus Mannheim ist für die Gemeinden in Baden zuständig. Sollten die Ahmadis grünes Licht für ihre Moschee bekommen, hofft Shaheen darauf, dass die Freiburger Gemeinde, die nach seinen Angaben 160 Mitglieder zählt, auch einen eigenen Imam bekommt. Die Gebete sollen dann teilweise auch auf Deutsch gesprochen werden.

Wie die Moschee aussehen soll, erklärt Bundesvorsitzender Wagishauser. Sie soll ein "funktionales Gotteshaus" werden mit Gebets- und Gemeinschaftsräumen, Büros und einem zwölf Meter hohen Zierminarett sowie einer Kuppel und für rund 120 Menschen Platz bieten. Doch um die Pläne geht es beim Infoabend kaum; vielmehr versuchen sich die Bürger ein Bild von der Gemeinde zu machen.

Die Stellung der Frau passt nicht ins liberale Bild des Westens

Schnell kommt das Gespräch auf den Darmstädter Ehrenmord-Prozess. 2015 tötete ein Vater seine Tochter, weil sie einen Freund hatte. Die Familie war Mitglied der Ahmadiyya, die von den Schwierigkeiten der Familie wusste. "Wir haben intensiv versucht zu vermitteln", sagt Wagishauser. Solche "Verkrustungen des Islam" wie Ehrenmorde wolle die Ahmadiyya verhindern.

Das Thema Ehrenmord sei in mehreren muslimischen Gemeinden ein Problem, sagt die Freiburger Islamwissenschaftlerin Johanna Pink. Es sei allerdings kein Bestandteil der Lehren der Ahmadis. Sie wertet die Gemeinde als friedliche Reformbewegung ohne Dschihad-Ideologien. "Pierre Vogel macht einen großen Bogen um uns", sagt auch Wagishauser. Verbindungen zum Salafismus bestünden nicht.

Es gibt aber auch kritischere Stimmen. Die bereits verstorbene Kölner Erziehungswissenschaftlerin Hiltrud Schröter stufte die Ahmadiyya als Sekte ein, deren Ziel "die Einrichtung einer islamischen Ordnung auf der ganzen Welt, auch in Deutschland" sei, wie es auf ihrem Blog heißt. Dies bedeute die Abschaffung der freiheitlich demokratischen Grundordnung und Errichtung des Kalifats mit Scharia-Recht. Die Ahmadiyya sei religiös fundamentalistisch, aber nicht demokratiefeindlich, schreibt Johannes Kandel, ehemaliger Leiter des Referats "Interkultureller Dialog" bei der Berliner Friedrich-Ebert-Stiftung, in einem Aufsatz.

Missionierung gehört für die Gemeinde dazu

In einem scheinen sich die Experten aber einig: Die Ahmadiyya-Gemeinde verfolgt einen sehr missionarischen Ansatz – sei es bei in Form von Ständen in Fußgängerzonen, Öffentlichkeitsarbeit oder Veranstaltungen. "Sie wollen sich und ihren Glauben vorstellen", sagt Islamwissenschaftlerin Pink, "und wissen genau, welche Dinge sie hervorheben, wenn sie sich gegenüber Nicht-Muslimen präsentieren."

"Das Schleiergebot beginnt im Herzen. Erst einmal müssen Mann und Frau verstehen, warum es gut ist, das Gebot einzuhalten." Shaheen
Wohl auch deshalb sind zum Infoabend viele muslimische Frauen gekommen, die bei anderen Terminen meist eher im Hintergrund stehen. Sie sitzen auf der linken Seite des Raums und begrüßen ausschließlich die Besucherinnen. Die Stellung der Frau passt nicht ins liberale Bild des Westen. In der Öffentlichkeit sind Männer und Frauen getrennt, um laut Wagishauser eine "Übersexualisierung" zu vermeiden. Dennoch seien sie gleichberechtigt. Deshalb und aus Respekt würden sich Mann und Frau nicht die Hand geben, wie eine junge Muslimin erklärt. Keine Frau würde gezwungen, einen Schleier zu tragen, sagt auch Shaheen. "Das Schleiergebot beginnt im Herzen. Erst einmal müssen Mann und Frau verstehen, warum es gut ist, das Gebot einzuhalten." Vorehelicher Sex ist verpönt.

Als Beweis für ihre Friedfertigkeit führen die Muslime gerne den Körperschaftsstatus an, den sie in Hessen und Hamburg als erste muslimische Gemeinschaft genießen. Auch in Baden-Württemberg haben sie den Status beantragt. Sollten sie ihn bekommen, könnten sie wie die großen christlichen Kirchen Steuern verlangen. Die Ahmadiyya-Gemeinde finanziert sich nach eigenen Angaben aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen.

Ihre Finanzen wurden ihr 2014 zum Verhängnis, als Report Mainz und der Spiegel den Muslimen vorwarfen, Flüchtlinge auszubeuten. Die Gemeinde soll Asylbewerbern Bescheinigungen über das religiöse Engagement ihrer Mitglieder ausgestellt haben, die diese beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) als Beweis der Integration vorlegen konnten. Damit verbunden sollen hohe Spendenzahlungen gewesen sein. "Die Verifizierung von derlei Vorwürfen gestaltet sich schwierig", wie das Bamf auf BZ-Anfrage mitteilt. Die Behörde nimmt laut einem Pressesprecher seitdem keine solchen Bescheinigungen mehr entgegen.

In diesem Jahr will die Gemeinschaft ihre 50. Moschee in Deutschland bauen, wie Wagishauser bei seinem Besuch in Freiburg verkündet. Damit hätte sie ihren 100-Moscheen-Plan zur Hälfte verwirklicht, den sie bereits Ende der 80er-Jahre ausgerufen hatte. Ob Nummer 51 bald in Freiburg steht, scheint offener denn je.
Hintergrund

Gegründet wurde die Ahmadiyya-Gemeinde, die sich als Reformbewegung versteht, in den 1880er-Jahren von Mirza Ghulam Ahmad. Ihre Mitglieder stammen vor allem aus Pakistan und wurden in einigen islamischen Ländern verfolgt. Auch heute noch werden sie dort als Abtrünnige bezeichnet und abgelehnt. Die Ahmadiyya ist die einzige Gemeinde, die einen Kalifen als Oberhaupt hat. Ihr erster Kalif hatte den Anspruch erhoben, ein Prophet zu sein. Das stellt für andere Muslime einen Affront dar, weil für sie Mohammed der letzte Prophet war. Als Anfang des 20. Jahrhunderts Kritik am Kalifatsystem aufkam, spaltete sich auch die Ahmadiyya-Gemeinde. Der Großteil, die Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) wie die Gemeinde in Freiburg, hält weiter am Kalifat fest. Derzeit steht mit Mirza Masroor Ahmad der fünfte Kalif an der Spitze. Hauptsitz der Gemeinschaft ist in London.

Mit mehreren zehn Millionen Mitgliedern ist die Ahmadiyya-Gemeinde nach eigenen Angaben in 200 Ländern vertreten. In Deutschland hat sie 35 000 Mitglieder, ihre Zentrale ist in Frankfurt. In diesem Jahr ist die Grundsteinlegung für die 50. Moschee hierzulande geplant. Der Bau ist oft mit Protesten aus der Bevölkerung verbunden. In Leipzig haben Unbekannte 2013 fünf Schweineköpfe auf Holzpflöcke gespießt und auf das Gelände der geplanten Moschee gesteckt. Im hessischen Schlüchtern bekamen die Muslime 2006 eine Absage, wohl auch wegen eines Bürgerprotests.

In Freiburg hat die Gemeinde, die 1989 gegründet wurde, 160 Mitglieder. "Andere muslimische Gemeinden sehen uns nicht als Muslime an", sagt der für Freiburg zuständige Imam Imtiaz Ahmad Shaheen. Das zeigt sich auch in der Zusammenarbeit mit anderen Gemeinschaften islamischen Glaubens in Freiburg. Der Großteil der Ahmadis macht laut Idris Yapca vom Islamischen Zentrum an der Hugstetter Straße einen "besonders großen und entschiedenen Fehler in den Glaubensgrundlagen". Eine Zusammenarbeit existiere nicht, auch aus Zeitgründen. Vor einigen Jahren haben Yapca zufolge Ahmadiyya-Mitglieder versucht, Muslime aus ihren Reihen abzuwerben. Auch Serdar Özer von der Ditib-Mevlana-Moschee berichtet, dass keine Verbindung zur Ahmadiyya-Gemeinde besteht. Deren Lehre stehe in einiger Hinsicht zum Widerspruch zu den Grundprinzipien des Islam. Cemil Ünver, Vorsitzender des muslimischen Kulturzentrums für Bildung und Integration, sagt dagegen, er kenne die Ahmadiyya gar nicht. Diese nimmt nach eigenen Angaben aber am Runden Tisch der Christen und Muslime teil und erkenne Muslime anderen Glaubens ebenso als Muslime an. Laut einem Flyer ist die Lehre der Ahmadiyya dennoch "die islamische göttliche Wahrheit" und "einzig wahre Erlösung".


Veranstaltung

Die Ahmadiyya-Jugendorganisation lädt ein zu "Stoppt den Terror – was lehrte der Heilige Prophet wirklich?" am Mittwoch, 24. Februar, 18 Uhr, im Bürgerhaus Zähringen. Weitere Infos gibt es auf http://www.ahmadiyya.de

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Autor: Sina Gesell