Fünf flotte Schwarzwaldbotschafter

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Mi, 30. Juli 2014

Mountainbike

"Mondebaik" war gestern: In der Rothaus-Bergradsportgruppe von Patrik Faller geht es um Wir-Gefühl und Spaß im Tretlager.

MOUNTAINBIKE. Sie haben fast alles erreicht, was es national auf einem mit groben Stollenreifen bewehrten Rad zu gewinnen gibt. Jahrelang hetzten sie als wilde Mittzwanziger von Rennen zu Rennen. Tretarbeit war ihr Tagesgeschäft. Kerle mit Schwarzwälder Wurzeln, die, bis auf einen, ein bisschen fremdeln mit Hochdeutsch und Denglisch. "Mondebaiker" durch und durch, das war gestern. Heute verstehen sie sich als Schwarzwaldbotschafter. Angeführt von Patrik Faller gibt sie’s nicht im Sixpack, sondern als flotten Fünfer in der jetzt gegründeten Rothaus-Bergradsportgruppe.

Es ist ein Projekt, das den Leistungsgedanken nicht über alles stellt. Rennen fahren, Spaß haben, Lebensfreude erleben und den Mit- und Nebenherfahrern bei Etappenrennen oder MTB-Marathons vermitteln, dass es sich auf dem Bergrad auch an steilsten Anstiegen leichter fährt, wenn man die harte Kurbelarbeit nicht mit Bierernst versieht: Das ist ein Ansatz, den der Sponsor ausdrücklich unterstützt. Christian Rasch, früher Leistungsschwimmer und heute Chef der Badischen Staatsbrauerei Rothaus, ist überzeugt von der Idee, die ihm der ehemalige Konditor, Selfmade-Rennstallchef, Quereinstiegslehrer, Um-die-Ecke-Denker und MTB-Meistermacher Patrik Faller vorgetragen hat: Bergradfahren als Ausdruck der Verbundenheit mit einer Landschaft und ihren Menschen. Das Lastenheft der Gruppe ist klar umrissen. "Es geht nicht um den letzten Blutstropfen am Berg", so Rasch. Ziel sei es nicht, unbedingt Rennen zu gewinnen, "sondern für den Schwarzwald Flagge zu zeigen".

Wer könnte das besser als diese fünf Trittfesten, die sich auf der Baldenweger Hütte, den Feldberggipfel im Rücken, erstmals im neuen Radhemd mit der badischen Banderole vor der Brust und in knielangen Radknickerbockern präsentierten: Benjamin Rudiger aus Kirchzarten (der sich müht, für immer 27 zu bleiben), früher zweimaliger deutscher U23-Meister, der Wahl-Waldauer Benjamin Hirt (30), als Jugendlicher einer der besten alpinen Skirennfahrer Deutschlands, Langstreckenjäger Fabian Strecker (24), Marathonspezialist André Rudiger (32) aus Neustadt und Frank Lehmann (30), im Zittauer Gebirge aufgewachsen, längst heimisch in Freiburg und vor einem Jahrzehnt einer der talentiertesten Grobstollenpiloten der Republik. Junge Männer mit reichlich MTB-Erfahrung, die es noch immer in sich tragen, das Sieger-Gen.

"In jedem von uns schlägt

ein Rennfahrerherz, aber

wir müssen nicht mehr

um jeden Preis gewinnen."

Benjamin Rudiger über Motivation
"In jedem von uns schlägt ein Rennfahrerherz", sagt Benjamin Rudiger, "aber heute müssen wir nicht mehr um jeden Preis gewinnen". Weil sie das auch gar nicht mehr können (wollen). Weil Familie und Beruf Tribut fordern und zugleich Erfüllung sind. Mountainbiken, das war früher ihr Lebensinhalt. Tagein, tagaus. Und in nächtlichen Träumen. Heute ist die Bergfahrradkurbelei ein Teil ihres Lebens, aber nicht mehr die Nabe, um die sich alles dreht. Die Prioritäten haben sich verschoben.

"Und das ist gut so", sagt Frank Lehmann, Vater von zwei Kindern und der doppelte Papa André Rudiger nickt zustimmend. Die Zeit, um sich aufs Rad zu schwingen, ist knapp bemessen. Doch wenn sie in die Pedale treten können, dann ist da eine wiederbelebte alte Lust an der Bewegung ohne den absoluten Leistungsdruck. Zig Teamtrikots, übersät mit Sponsoren-Logos, hat Frank Lehmann noch zu Hause im Kleiderschrank liegen, doch er streift sie nicht mehr über, "weil sie vorbei ist, die Zeit, in der ich mit jeder Faser Rennfahrer war". Der Schwarzwälder Dialekt kommt ihm nur im Scherz von den Lippen und doch ist der gelassene Schlaks, der höchstens davor Angst hat, dass ihm der Himmel auf den Kopf fällt, ein Kerl, der unbedingt in diesen exklusiven Fünferklub der Rothaus-Bergradsportgruppe gehört. "Ich bin der einzige, der nicht von hier kommt", sagt Lehmann, "aber ich bin auch der einzige, der freiwillig hier ist". Zusammen Rennen fahren und dabei Spaß haben, das ist das Ziel des Quintetts. Doch alle fünf gemeinsam an den Start zu bekommen, wird nicht einfach sein. Weil die Familie Vorrang hat. Und der Beruf. Die Idee, als Gruppe im August bei der Etappenfahrt Trans-Schwarzwald mitzukurbeln, hat sich zerschlagen. Übrig geblieben ist ein Etappenjäger: Benjamin Rudiger. Der hat den Schalk im Nacken und das Motto der Rothaus-Bergradsportgruppe im Herzen. Spaß will er haben. Und ein bisschen angreifen. Die fünf Tage bei der Etappenfahrt Trans-Schwarzwald will er mit folgender Taktik bestreiten: "An einem Tag draufhalten, am zweiten Vollgas, am dritten spurten bis zur ersten Verpflegungsstation. Und danach vielleicht ein bisschen rumbummeln."

Nach der Trans-Schwarzwald ist vor der nächsten gemeinsamen Ausfahrt. Herausforderungen auf groben Stollen gibt es viele für die fünf, die sich zuerst und zuletzt als dicke Kumpel verstehen. Typen, die das Leben und ihr Hobby lieben. Ohne Verbissenheit, mit Rainer Maria Rilke im Kopf: Keine Straße ist lang mit einem Freund an der Seite.