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26. Juni 2015

Für Benjamin Rudiger ist jeder Start in den Tag ein Marathon

Der Kirchzartener Benjamin Rudiger, seit einem Trainingssturz gelähmt, zieht Kraft aus einer Welle der Hilfsbereitschaft.

  1. Freunde fürs Leben: Benjamin Rudiger und Matthias Bettinger aus Breitnau, Zweiter auf der Ultra-Strecke in Kirchzarten. Foto: patrick seeger

  2. Zwei, die sich blind verstehen: Sabine Beck, treibende Kraft des Unterstützerkreises „KameRADschaft“ und Benjamin Rudiger beim Start des Ultra-Bike-Marathons in Kirchzarten. Foto: Patrick Seeger

MOUNTAINBIKE. Plötzlich ist es da, dieses Gefühl, dass es vorangeht. Dass sich etwas bewegt im Alltag von Benjamin Rudiger (31), dessen Lebensplanung vor fünf Monaten bei einem Trainingssturz auf dem Mountainbike zerbrach. Von den Brustwarzen abwärts gelähmt ist der ehemalige deutsche U-23-Meister aus Kirchzarten, der vor acht Jahren an Lymphdrüsenkrebs erkrankte und nach vermutlich gewonnenem Kampf mit den Metastasen einen Verein gründete, um Krebspatienten beizustehen: "Ride2Live". Es sind nur ein, zwei Schritte, die er schafft, bei seinem ersten Versuch, wieder auf eigenen Beinen zu stehen.

Die Augen geben den Weg vor, der Kopf lenkt, sein Körper steckt in einem Hilfsgestell – dem Exoskelett. Es ist ein Tag, der für Benjamin Rudiger wie die Befreiung aus einem Gefängnis ist. Eingesperrt fühlt er sich in einem Körper, der so manövrierunfähig ist wie ein Schiff auf dem Trockenen. Unbedingt erleben wollte er dieses Gefühl, selbstbestimmt ein bisschen gehen zu können, auch wenn es nur die Simulation einer Beinarbeit ist: Aufstehen. Gehen. Sich drehen.

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"Du spürst die Beine nicht,

aber du siehst, wie sie

sich bewegen."

Rudiger über Gehen mit Exoskelett
Der Weg in die Senkrechte, hinein in das elektromechanische Gestell des Exoskeletts ist ein Aha-Erlebnis. "Uiiii, ist das hoch", entfährt es Rudiger, nach Monaten in der Sitzenbleiberperspektive. Die Beine, er spürt sie nicht, die Füße setzen ruckelnd auf, ohne dass er einen Impuls wahrnimmt. Doch das Herz spricht. Ganz tief im Innersten macht sich ein Grinsen breit, das die abgrundtiefe Traurigkeit zurückdrängt, die ihn immer wieder zuzudecken droht wie ein nasser, schwarzer Mantel.

Die ein, zwei Schritte, er wollte sie eigentlich auf einem Nordseedeich tun, in diesem Sommer. Jetzt gelingen sie ihm, mechanisch unterstützt, im schweizerischen Nottwil. In der vielleicht besten Klinik für Querschnittsgelähmte, die es in Europa gibt. Und in der teuersten. Der Klinikaufenthalt kostet ein Vermögen. Zu bezahlen vorab. Ohne Stützli-Rabatt. Geld, das Benjamin Rudiger nicht hat. Einen Kredit hat er aufgenommen und sich hoch verschuldet. Geld, das jetzt fließt, dank vieler Spender, denen Rudigers Lebensgeschichte nahe geht und die einfach und meist anonym, nur eines wollen: Einem Mutigen helfen. Gerne. Aus Überzeugung.

Nottwil ist für ihn eine Befreiung. "Als Mensch wahrgenommen, nicht als Patient" fühlt er sich in der Schweiz. Der ganzheitliche Therapieansatz tut ihm gut. Sommerwind und der Blick auf schneebedeckte Bergketten vertreiben trübe Gedanken. Dem ersten Gehversuch mit dem Exoskelett folgt ein zweiter, ein dritter. Viermal steigt Rudiger in den Bewegungsapparat, der auf den ersten Blick aussieht wie ein von Kinderhand geformter Märklin-Bausatz. Die Chance, wieder ein bisschen auf eigenen Beinen zu stehen, hat Suchtpotenzial. "Das ist so vertraut, ganz anders, als das Gefühl im Rollstuhl zu sitzen", sagt Rudiger.

Der Schnitt quer durch sein Leben wird bleiben. Auch wenn die Medizin sprunghafte Fortschritte macht und vielleicht Stammzellen in mittlerer Zukunft eine Chance sein könnten, bleibt er Realist. "Das kommt mir alles arg experimentell vor". Einen Querschnittsgelähmten heilen? "Ach", sagt Rudiger nüchtern, "das ist so komplex und im Moment ausgeschlossen". Arrangiert hat er sich mit seiner Behinderung, "aber akzeptieren kann ich es noch immer nicht, dass ich im Rollstuhl sitze". Aufstehen, losstürmen, in die Pedale treten, auf dem Mountainbike wüten wie ein Berserker und bei aller Besessenheit für seinen Sport mit einer nach seiner Krebserkrankung gewonnenen Gelassenheit überzeugen: so kennen und so schätzen viele Menschen den Sportler Benjamin Rudiger, der an Fasnet närrischer sein kann als jeder Kölner Jeck und Kindern als Skilehrer und Pfadfinder auf dem Mountainbike den Weg in ein bewegtes Leben gezeigt hat. So einen wünscht man sich zum Freund.

Das erklärt vielleicht, warum sie so groß ist, die Welle der Hilfsbereitschaft, die Benjamin Rudiger "einfach überwältigt". Fassungslos sei er und "unglaublich dankbar für so viel Solidarität". Am liebsten jedem einzelnen Spender persönlich danken würde er. Weil das nicht geht, will er "einfach Danke" sagen: "Kann man dieses Danke vielleicht einen Quadratmeter groß in der BZ bringen?"

Der Unterstützerkreis "KameRADschaft ist sinnvoll" hat in den vergangenen Wochen fleißig um finanzielle Hilfen für Rudiger geworben: auf Internetplattformen, in sozialen Netzwerken, bei Kuchenverkäufen und Mountainbike-Ausfahrten. Freigiebig zeigten sich die Menschen bei einer BZ-Sammelaktion in Titisee-Neustadt und beim Nordic-Walking-Gipfel in Breitnau sowie jüngst beim Ultra-Bike-Marathon in Kirchzarten. Olympiasieger Georg Thoma ("ischt doch Ehrensache") bat dort um Spenden, der viermalige Skisprungweltmeister Martin Schmitt kam spontan nach Kirchzarten, um zu helfen – als Sportkamerad und aufmerksamer Zuhörer.

Unheimlich viel gelernt hat Benjamin Rudiger in Nottwil – die "Königsdisziplin", wie er sie nennt, beherrscht er jetzt: raus aus dem Rollstuhl, runter auf den Boden und allein wieder zurück auf die Sitzfläche. Was klingt wie eine Anleitung für den Kindergeburtstag, ist für Rudiger so hart und anstrengend wie eine Klettertour in senkrechter Wand. Den Körper mit schierer Armkraft dorthin zu wuchten, wo der nicht hinwill und dann Beine und Rumpf zurückzubugsieren, ist Schwerstarbeit. Wie sich das anfühlt? "Unbeschreiblich", sagt Rudiger knapp. Wie soll er auch erklären, was keiner kennt in der Welt der Fußgänger, die allein schon mit ihrer Sprache zeigen, dass sie keine Ahnung haben von Menschen, die im Rollstuhl sitzen, mit Floskeln wie: "Das wird schon wieder, da geht bestimmt noch was, wenn es einer schafft, dann du." Sätze, so gut gemeint wie leichtfertig dahingesagt, die Rudiger auch in Kirchzarten hören musste. Sätze, die ihn wütend machen. Weil nichts geht. Nichts wird. Weil er trotz aller Solidarität auf sich selbst zurückgeworfen wird mit seiner Behinderung. Dass viele Menschen in ihm einen Mutigen sehen, kontert er mit einem "Ach was."

"Ich will ein stinknormales

Leben führen. Ist das

zu viel verlangt?"

Rudiger über seine Behinderung
Einfach nur "ein stinknormales Leben führen" wolle er, "ist das zu viel verlangt?" Ist das zu viel verlangt von einem Schicksal, das ihm in 31 Lebensjahren Brocken in den Weg warf, an denen andere zerschellt wären? Benjamin Rudiger hat einfach immer weitergemacht. Die Krebsdiagnose vor acht Jahren kontert er er als Sporter: bereit, alles zu geben, zu siegen, im Dauer-Wettkampfmodus. Die Chemotherapie, sie ist eine Tortur. Mitten im fünften Zyklus ereilt ihn eine erschütternde Botschaft: Sandra Weber, 19-jährige Mannschaftskollegin des Teams Rothaus-Cube aus St. Märgen, ist bei einem Autounfall auf dem Weg zur Arbeit in einen Bach gestürzt und ertrunken. Rudiger macht weiter, bezwingt den Krebs – gründet zusammen mit Doris Weiss den Verein Ride2Live, um Menschen Mut zu machen, die an Krebs erkrankt sind. Zigtausend Euro sammeln die zwei. Dann stirbt Doris Weiss: an Krebs. Rudiger macht weiter, beendet nach Rang zehn bei der Marathon-Europameisterschaft und dem geplatzten Traum von Olympia seine Karriere, wird Kundenberater bei der Sparkasse Hochschwarzwald in Titisee-Neustadt und ist als Hobbyradler Mitbegründer der Rothaus-Bergradsportgruppe. "Durchstarten" will er 2015. Doch dann passiert das Unfassbare: am 10. Januar fällt er bei einer MTB-Trainingstour kopfüber vom Rad. Seither ist nichts mehr wie es war. Rudiger will weitermachen. Wieder einmal.

Seit Sonntag ist die Schweiz Geschichte. In Bad Wildbad warten jetzt vier Wochen Abschluss-Reha. Den Behindertenführerschein will er dort machen, die in Nottwil erlernten Techniken festigen. Es ist der Countdown auf dem Weg zurück in einen Alltag, den er mühsam erlernen muss, nach Hause in seine Wohnung in Oberried. Die wird im Moment behindertengerecht umgebaut – dafür gibt es wohl nicht einmal einen kleinen Zuschuss. Ein behindertengerecht umgebautes Auto, am besten einen Van, braucht er, der bis zu 100 000 Euro teuer sein könnte.

Das Weitermachen ist kein Spaß. Jeder Start in den Tag ist für ihn ein Marathon. Zwei Stunden dauert es, bis Rudiger morgens selbstbestimmt im Rollstuhl sitzt, nach um vier Uhr nachts unterbrochenen Alpträumen. Umdrehen muss er sich dann, die Seitenlage wechseln, um Druckstellen und schwärende Wunden am Rücken zu vermeiden. Die Thrombosestrümpfe, die er morgens bis hoch zur Leiste über die Beine ziehen muss, sind so störrisch wie Blechdosen. Hose und Schuhe anzuziehen, das T-Shirt in den Bund stopfen – ein Kraftakt. Wütend auf sich selbst kann er werden, weil das alles so lange dauert. Weil er noch immer der fixe Benny ist. Ungestüm, auch im Rollstuhl. Jüngst ist er in Nottwil in seiner Übungswohnung mit Karacho gegen das Waschbecken gedonnert. Was dabei passierte, sah er erst am Morgen danach – dick wie ein Fußball war das gefühllose Knie, das punktiert werden musste. Schwer fällt es ihm, über erniedrigende Momente zu reden, die jetzt zu seinem Alltag gehören: Blase und Darm machen was sie wollen. Was nun? Herrgottnochmal, Himmel hilf!

Spendenkonto Benjamin Rudiger: Stichwort: "Unterstützerkreis KameRadschaft". IBAN: DE05 6805 1004 0004 6080 22. BIC: SOLADES1HSW. Bank: Sparkasse Hochschwarzwald

EXOSKELETT

Das Exoskelett umgibt den querschnittsgelähmten Patienten mit einer festen mechanischen Außenhülle und wird elektronisch gesteuert. Die Idee stammt aus dem Tierreich: Im Gegensatz zu den Wirbeltieren besitzen alle Gliederfüßer statt eines Innenskeletts ein gepanzertes Außenskelett.  

Autor: BZ

Autor: Johannes Bachmann