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10. Dezember 2013 21:20 Uhr

Forschung

Freiburger Musikmedizin: Was passiert im Körper beim Musizieren?

Das Zwerchfell bebt, die Zunge tanzt: Was passiert jenseits der Lippen, wenn Musiker Trompete oder Horn spielen? Dieser Frage ging die Freiburger Musikmedizin nach – und zeigt Antworten im Video.

Träumerisch, sanft gleitet das einleitende Hornmotiv zu Johannes Brahms’ zweitem Klavierkonzert empor. Mehr pastorales Flair ist nicht. Die Umgebung hat Laborcharakter, TV-Kameras sind auf den Interpreten gerichtet. Und der – Johannes Pöppe – spielt unter leicht erschwerten Bedingungen. In seine Nase ist ein langer Schlauch eingeführt, an dessen Ende eine winzige Kamera sitzt – ein Endoskop. Das medizinische Instrument macht sichtbar, was jenseits der Lippen des Bläsers vor sich geht. In dem Fall ist die Endoskop-Kamera auf den Kehlkopf gerichtet, man sieht wie sie Stimmlippen sich bewegen, wie sich ihre Spannung bei den einzelnen Tönen verändert: Medizinnachhilfeunterricht für Musiker?

Eben nicht. Was hier am Freiburger Institut für Musikermedizin (FIM) demonstriert wird, ist eine von vielen Handreichungen für die Spieler von Blasinstrumenten, eine Art didaktische Materialsammlung für Profis ebenso wie für interessierte Laien. Die Ergebnisse der mehrjährigen Forschungsarbeit der leitenden FIM-Professoren Claudia Spahn und Bernhard Richter liegen nun auf einer Lehrprogramm-DVD-ROM mit dem Titel "Das Blasinstrumentenspiel" in deutscher und englischer Sprache vor.

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"Es war ein großer Wunsch der Medizin, sichtbar zu machen, was man nur hören kann", sagt Claudia Spahn. Ähnliches gilt auch für die Musikerseite. Denn als Mediziner mit abgeschlossenem Musikstudium wissen Spahn und Richter natürlich, wie schwer oftmals Spiel- oder Stimmtechniken bei Bläsern und Sängern zu vermitteln sind. Weil sie eben im Körper vor sich gehen. "Die Welt des Gesangs- und Instrumentalunterrichts", sagt Richter, "ist ja voller Bilder". Und nicht immer seien die richtig. Die auf der DVD verewigten Erkenntnisse können ein Mittel sein, um Antworten zu finden.
Wie ging man bei der Realisation der Materialsammlung vor? Wichtigste Grundlage waren Aufnahmen mit zahlreichen Blech- und Holzbläsern – allesamt Meister ihres Fachs. Gefilmt wurde entweder mittels der beschriebenen endoskopischen Methode. Oder auf dem Wege der Kernspintomographie an der Neuroradiologie des Freiburger Universitätsklinikums. Da waren auch Hürden zu nehmen: Aufgrund des großen Magnetfeldes, das Kernspintomographen aufbauen, konnten keine Metallinstrumente verwendet werden. So wurden eigens "blechfreie" Instrumente gebaut – ein Horn etwa auf der Basis eines Gartenschlauchs, mit Papiertrichter und Kunststoffmundstück. Doch der Aufwand lohnte. Denn so kann man zum Beispiel das Zusammenspiel der einzelnen Organe in Mundhöhle, Rachen, Kehlkopf und Brustraum bewundern, wenn der Freiburger Hornprofessor Bruno Schneider die Staccato-Töne des Finalsatzes von Mozarts berühmtem Hornkonzert Nr. 4 Es-Dur spielt. Was für den Laien eine eindrucksvolle Demonstration physiologischer Abläufe im Körper eines Musikers ist, bietet den Betroffenen durch die gewonnenen Einsichten Chancen zur Lösung spieltechnischer Problemstellungen. Wobei die generellen Übereinstimmungen im menschlichen Körperbau nicht darüber hinwegtäuschen dürfen, dass Musiker für sich immer wieder zu ganz individuellen Lösungen gelangen müssen. Aber auch hier kann die DVD wichtige Entscheidungshilfen bieten.
Ihr Aufbau ist ganz stringent. Da gibt es ein Grundlagenkapitel, das "Aufbau und Funktionsweise der an der Tonentstehung beteiligten Organsysteme" – Lippen, Vokaltrakt, Kehlkopf, Atemsystem – erklärt. Mit dem Hauptkapitel sind die wichtigsten Blasinstrumente abgedeckt: Trompete, Horn, Oboe, Klarinette, Blockflöte, Querflöte. Die Ergebnisse sind auf die jeweils verwandten Instrumente übertragbar. Neben den Literaturbeispielen zeigen die einzelnen Filme die jeweiligen Vorgänge bei bestimmten Spiel- und Atemtechniken. Wer zum Beispiel wissen will, wie die für Holzblasinstrumente so wichtige Zirkular- oder Permanentatmung funktioniert, bei der gleichzeitig ein- und ausgeatmet wird, kann dies in entsprechenden Filmbeispielen studieren. Dazu gibt es einen Kommentar, der auch stumm gestellt werden kann, so dass man nur die Entstehung der Töne verfolgen kann. Herausgefiltert wurde überdies bei den Kernspint-Aufnahmen das dabei entstehende laute Geräusch.

Gut möglich, dass die neue DVD den Blasinstrumenten-Unterricht in manchen Teilen revolutionieren könnte. Claudia Spahn spricht jedenfalls von einem "Weihnachtsgeschenk an die Bläserwelt". Und die Sängerwelt? Der könnte in absehbarer Zeit ähnlicher Segen widerfahren, vorausgesetzt eine weitere DVD ist zu finanzieren. Ein Desiderat sei sie, sagt Bernhard Richter. Denn vergleichbare Aufnahmen hat das FIM auch schon erstellt.
Claudia Spahn, Bernhard Richter, Johannes Pöppe, Matthias Echternach: Das Blasinstrumentenspiel: Physiologische Vorgänge und Einblicke ins Körperinnere. DVD-ROM. Helbling Verlag, Esslingen 2013. 160 Minuten, 39,80 Euro.

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Autor: Alexander Dick, Videos: Helbling Verlag GmbH