All you need is John Lennon

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Mo, 31. Oktober 2016

Müllheim

Mit Musik und Geschichten erzählt der Schauspieler Achim Amme bei seiner Lesung in Müllheim vom Leben des Musikers.

MÜLLHEIM. Achim Amme ist ein Multitalent. Schauspieler, Kabarettist, Sänger, Liedermacher, Dichter, Sprachkünstler und mehr. Schon mit neun Jahren veröffentlichte er seine erste Kurzgeschichte, mit 16 seine ersten Songs. Das Programm, mit dem er derzeit durch Süddeutschland tourt, ist jedoch einem ganz Anderen gewidmet: "All you need is love", heißt es, im Mittelpunkt steht John Lennon. Am Donnerstag machte Amme Station in der Müllheimer Buchhandlung Beidek.

Voll besetzt waren die Stuhlreihen, denn an das Lebensgefühl der Beatles-Zeit erinnern sich viele noch persönlich, und auch wer jünger ist, kennt und liebt die Songs der Gruppe, die mit über einer Milliarde verkaufter Tonträger weltweit die erfolgreichste Band aller Zeiten ist. Achim Amme ist angetreten, um der Gemeinde der Fans seine Interpretation vorzulegen vom Erfolg John Lennons, der eng mit der Genese seiner Lieder verknüpft ist, aber auch von der einzigartigen, polyvalenten Konstellation Lennon-McCartney.

Als Basis benutzt Amme eine 2008 erschienene Lennon-Biografie des britischen Autors Philip Norman, ein tausend Seiten starkes Werk, das als "Meilenstein der Musikgeschichte" gefeiert wird, in der Print-Version aber längst vergriffen und nur noch als E-Book erhältlich ist. Mitgebracht hat er außerdem einen CD-Player, denn Musik muss sein, wenn über Musik gesprochen wird.

Amme gibt seinen Tonbeispielen reichlich Raum, gönnt bei Schlüsselwerken wie "Sergeant Pepper’s Lonely Heart Club Band", "Come together" oder "Let it be" auch eine zweite Strophe. Dass die Tonbeispiele so abrupt abreißen und nicht sachte ausgeblendet werden, soll auf das ebenso abrupte Ende von Lennons Leben hinweisen, sagt Amme.

Der Erzählfluss kommt in Gang und widmet sich zunächst der Familie Lennons. Man begegnet einem Jack Lennon, der als Brite mit irischen Wurzeln den Amerikanern ihre eigene Musik nahe bringt in einer Band, die mit "grellen Anzügen, lustigen Frisuren und fröhlichem Grinsen" unterwegs war – Jack, Jahrgang 1855, war der Großvater von John. Dazwischen kommt Alf, der aufgrund von Mangelernährung gehbehinderte und nur einsfünfzig große Spaßmacher und Seefahrer, der mit der hübschen Platzanweiserin Julia Stanley irgendwann im Januar 1940 einen Sohn zeugt: John Winston. Das Paar trennt sich, als Julia von einem anderen Mann schwanger wird, der kleine John verbringt die ersten Jahre seiner Kindheit hauptsächlich bei Julias Schwester Mimi, Krankenschwester, mit dem sanften, freundlichen Bauernsohn George verheiratet, Hüterin von Moral und Anstand. Das Publikum taucht ein in die Welt der spießigen Reihenhaussiedlungen Liverpools in der Nachkriegszeit, wo die Träume vor allem in den Köpfen gedeihen und der kleine John, gefördert von Mutter, Tante und Onkel, seine ersten musikalischen Schritte unternimmt, später mit seinem besten Freund Pete Shotton "The Quarrymen" gründet, die im Badezimmer von Tante Mimi ihre Proben abhalten. Später tritt der drei Jahre jüngere Paul McCartney auf den Plan, ebenfalls mit irischen Vorfahren und jeder Menge Musik im Blut: "Ich dachte: Der ist so gut wie ich", durchfährt es John. Sonst fehlt Paul jedoch die rebellische Ader, er macht das mit Charme und Diplomatie wett, ordnet sich dem Bandleader unter und nimmt bei John Petes Platz als Alter Ego ein.

Prall gefüllt ist der Abend mit Episoden, Figuren, Geschichten, die sich zu einem stimmigen und anrührenden Bild formen, in dessen Mitte einer der ganz Großen der Popgeschichte steht. Dass da vorne ein versierter Schauspieler und kein zur Lesung verdonnerter Autor sitzt, erhöht den Genussfaktor beträchtlich. Das "wunderbare Kopf-Kino", das Inhaberin Antonia Schulze Hackenesch am Anfang angekündigt hatte, entfaltet sich in verschwenderischer Farbigkeit.

In den zwei dicht gedrängten, detailreichen und musikgesättigten Stunden über die frühen Jahre Lennons haben die Glanzzeit der Beatles und die letzten Jahre von John Lennon keinen Platz gefunden, verständlich. Dafür hat Amme ein eigenes Programm zusammengestellt. Erst an der Stelle, wo sonst die Zugabe kommt, lässt Amme aus dem CD-Player noch ein, zwei Lieder von sich selbst hören (aus der CD "Der Welt ist schlecht"). Den Raum füllt ein warmer Bariton, die Texte sind sensibel und nachdenklich mit süffigem Gitarrensound. Woher die Inspiration dazu kommt, ist nicht zu überhören. Am Ende der Lesung wird das antiquarische Exemplar von Normans Lennon-Biografie versteigert, das schließlich für 50 Euro den Besitzer wechselt. Das Geld soll der evangelischen Jugendhilfe Kirschbäumleboden zugutekommen und um den Betrag aus den seit 1. Oktober eingegangenen Gebühren für Plastiktüten ergänzt werden, sagt Inhaber Peter Kirsch.