Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

08. Juni 2017

Gefahr für das Kleinklima?

Landwirte befürchten Schäden durch den Bau von Schallschutzwänden entlang der Rheintalbahn.

  1. Über die möglichen Auswirkungen von hohen Lärmschutzwänden auf das Kleinklima informierte sich Bundestagsabgeordnete Kordula Kovac (links im Bild). Foto: Volker Münch

MÜLLHEIM-HÜGELHEIM. Mit hohen Schallschutzwänden will die Bahn dem Begehren der Raumschaft zwischen Hügelheim und Auggen auf Lärmschutz entlang der Rheintalbahn nachkommen. Die Folgen besonders für die Landwirtschaft bleiben allerdings bisher unberücksichtigt. Das haben nun die Mitglieder des Bürgerbündnisses Bahn Markgräflerland der Bundestagsabgeordneten Kordula Kovac vermittelt. Am Ende ihres Besuches empfahl sie dem Bürgerbündnis und der Kommunalpolitik, den neuen Bahnchef zum Ortstermin einzuladen.

Der Besuch in Hügelheim war für die Bundestagsabgeordnete, die über die Landesliste in den Bundestag gewählt wurde, eine "Begleitveranstaltung", nachdem sie sich ursprünglich mit den Landfrauen der Region treffen wollte. Heike Nußbaumer ist eine der Landfrauen. Und sie ist aktive Unterstützerin des Bürgerbündnisses in Sachen Ausbau der Rheintalbahn. So ergab es sich, dass sie Kordula Kovac als weinbaupolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion und Mitglied des Landwirtschaftsausschusses für einen Ortstermin gewinnen konnte. Auch für Müllheims Bürgermeisterin Astrid Siemes-Knoblich Grund genug, eigene Termine zu schieben, um durch ihre Präsenz dem Thema Gewicht zu verleihen.

Werbung


Hängen Landwirtschaft und Bahn zusammen? Das ist entlang der Rheintalbahn tatsächlich ein Thema, das nach den Ausführungen von Bahn-Spezialist Gerhard Kaiser nicht zu unterschätzen sei. Vor allen Dingen, wenn es um den Flächenverbrauch geht, und – davor haben die Landwirte besonders viel Angst – wenn das Kleinklima durch kilometerlange Wände und Bauwerke beeinflusst wird. Das wurde längst in einem Gutachten, das vor sechs Jahren im Auftrag der DB Projektbau von Andreas Mager angefertigt wurde, im nördlichen Nachbarabschnitt der Bahntrasse nachgewiesen. Für den hiesigen Abschnitt war das bisher kein Thema für die Bahn.

Es geht dabei um sogenannte Kaltluftseen, die vom Schwarzwald über die Hügellandschaft in die Ebene fließen – und von den Lärmschutzwänden aufgehalten werden. "Das hat dann die gleiche Wirkung wir der extreme Frost vor wenigen Wochen", betonte der Hügelheimer Landwirt Reiner Nußbaumer. Nur: Mit dem künstlichen Hindernis rechnen die Landwirte dann praktisch jedes Jahr mit massiven Beeinträchtigungen bis hin zu enormen Schäden. Das Risiko der Kaltluftfröste erhöht sich um das Sechsfache im April und um das Fünffache im Mai, zitierte Gerhard Kaiser aus dem Gutachten der Bahn. Errechnet wurde ein Ertragsverlust von rund 1700 Euro pro Hektar und Jahr, der Ertrag werde um 30 Prozent geschmälert, hieß es weiter.

Schäden durch Verschattung und schlechte Durchlüftung

Folglich fordern das Bürgerbündnis Bahn Markgräflerland (BBM) und die IG Bohr ein entsprechendes Gutachten für den Planabschnitt zwischen Buggingen und Schliengen. Für Gerhard Kaiser wird es die Bestätigung sein, für das was der Gutachter bereits an anderer Stelle festgestellt hat, und was eine Tieflage und deutlich niedrigere Schutzwände impliziert. Das bestätigte auch Horst Ritter von der Demeter-Gärtnerei Piluweri, die bereits vor längerer Zeit ein eigenes Gutachten zum Kleinklima ausarbeiten ließen. Ritter wörtlich: "Wir befürchten eine Riegelsperre, die eine für uns ganz wichtige Durchlüftung unserer Anlagen verhindern wird."

Ein weiteres Problem, das die Landwirtschaft nachhaltig schädigen kann: die Verschattung anliegender Ackerflächen bis zu einer Tiefe von mindestens 80 Metern über mehrere Stunden. Davon seien etwa 13,2 Hektar Ackerfläche betroffen – ein Schaden von etwa 47 000 Euro im Jahr.

Zahlen und Fakten beeindruckten die Bundestagsabgeordnete sichtlich. Ein weiterer Aspekt, der die Fachfrau aufhorchen ließ, ist der von der Bahn beabsichtigte Flächenverbrauch für zusätzliche Überholgleise und Überwerfungsbauwerke. Bis zu 100 Meter in der Breite werde Ackerfläche vernichtet, erklärt Kaiser. "Dieser Flächenverbrauch bedeutet den Niedergang eines der drei noch existierenden Landwirtschaftsbetriebe in Hügelheim", verdeutlichte Reiner Nußbaumer die Folgen. Als unsinnig bezeichnete Kaiser die Forderung der Bahn, mit den ICEs in diesem Abschnitt mit einer Höchstgeschwindigkeit von 250 Stundenkilometer zu fahren. "Das bringt im Vergleich zu einer realistischen Geschwindigkeit von 200 gerade einmal 22 Sekunden Vorteil", rechnet Gerhard Kaiser vor. Die Auswirkungen dafür stünden in keiner Relation zum Stromverbrauch: Das Einsparungspotenzial – senkt man die Geschwindigkeit von 250 auf 200 Stundenkilometer – entspräche dem jährlichen Verbrauch von Hügelheim und Auggen zusammen.

Kordula Kovac hörte gut zu. Besonders die Zusammenhänge und Auswirkungen auf die Landwirtschaft will die Bundestagsabgeordnete aufgreifen. Gerade das Thema Frostschäden erscheine in einem völlig neuen Licht, sagte die Abgeordnete, die sich mit dem zuständigen Abgeordneten zum Thema kurzschließen möchte. Verständnis zeigte sie für den Vorwurf Nußbaumers an die Bahn und die Politik, die seiner Überzeugung nach die Wertigkeit der Landwirtschaft nicht berücksichtige. Nußbaumer wörtlich: "Die Bahn ignoriert unsere Interessen." Kaiser ergänzt: "Obwohl unsere Abgeordneten unseren Argumenten folgen und uns unterstützen wollen, lässt sich die Politik von der Bahn und von der Landesregierung blockieren. Das verstehen wir einfach nicht."

Kordula Kovac hatte allerdings auch keine Lösung im Gepäck. Dafür aber eine Empfehlung, die sich die Mitglieder der BBM nun zu Eigen machen wollen: "Laden Sie doch den neuen Bahnchef zum Ortstermin ein und zeigen Sie ihm das, was Sie mir gezeigt haben."

Autor: Volker Münch