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13. September 2017

Gute Akustik, ruhiges Ambiente

Müllheimer Martinskirche wird zum Tonstudio für eine CD-Einspielung mit Werken einer außergewöhnlichen Sammlung Alter Musik.

  1. Der Kirchenraum ist gespickt mit Mikrofonen – die Musiker feilen mit viel Liebe zum Detail an den Aufnahmen der Werke aus einer Sammlung geistlicher Musik aus dem 17. Jahrhundert. Foto: A. Huber

MÜLLHEIM. Die Müllheimer Martinskirche wird aufgrund ihres würdig-schlichten Ambientes, vor allem aber wegen ihrer ausgezeichneten Akustik von Musikliebhabern wie Musikern gleichermaßen geschätzt. Das ehemalige Gotteshaus im Stadtzentrum ist nicht nur Stätte viel beachteter Konzerte, sondern wird auch gerne für Tonaufnahmen gebucht. Dieser Tage ist dort ein rund 20-köpfiges Ensemble um den Basler Musiker Jörg-Andreas Bötticher für eine CD-Einspielung zu Gast. Hinter dem Projekt steht eine in mehrfacher Hinsicht interessante Geschichte.

Dass sich die Instrumentalisten und Sänger – allesamt Hochkaräter in der Szene der Alten Musik – in Müllheim zusammengefunden haben, hat mit Basel zu tun. Basel ist, wenn man so will, einer der weltweit wichtigsten Kristallisationspunkte für Alte Musik – worunter vor allem die Musik der Renaissance und des Barock, aber auch noch älterer Epochen verstanden wird. Das liegt vor allem an der Schola Cantorum Basiliensis, eine der angesehensten Hochschulen für Alte Musik, aber auch an einem überaus interessierten und kundigen Publikum in der Stadt am Rheinknie und ihrer Umgebung.

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Und so hat sich dort seit 2004 eine Konzertreihe etabliert, die sich bis heute großer Beliebtheit erfreut, wie Jörg-Andreas Bötticher berichtet, der Professor für Cembalo, Orgel und Generalbass an der Schola Cantorum ist. An jedem zweiten Sonntag im Monat findet in der Basler Predigerkirche, wo Bötticher auch als Organist tätig ist, ein Konzert mit geistlicher Musik statt. Bis 2012 wurden im Rahmen dieser Reihe sämtliche Bach-Kantaten – es sind rund 200 – aufgeführt; seit 2013 widmen sich die Konzerte unter dem Titel "Abendmusiken in der Predigerkirche" auch anderen Komponisten und Aspekten sakraler Musik.

Zwei CD-Einspielungen live von den Abendmusiken hat es bereits gegeben, für das aktuelle Projekt aber sind die Musiker nach Müllheim gezogen. Warum? "Wir hätten die Aufnahmen gerne in der Predigerkirche gemacht", sagt Bötticher, aber direkt neben der Kirche ist eine viel befahrene Straße mit Tram- und Busverkehr. "Und die Aufnahmen erst um 12 Uhr in der Nacht beginnen zu lassen – das kann man den Musikern dann doch nicht zumuten", schmunzelt Bötticher.

Das aktuelle CD-Projekt, das unter dem Label Coviello Classics erscheinen wird, widmet sich Werken aus der sogenannten Düben-Sammlung. Dahinter verbirgt sich eine wahre Schatztruhe für Freunde der Alten Musik. Gustaf Düben, der von 1628 bis 1690 gelebt hat, war Kapellmeister am schwedischen Königshof. Düben war selbst auch als Komponist tätig – was in der damaligen Stellung als Hofkapellmeister üblich war – seine besondere Bedeutung für die Nachwelt liegt aber in seiner fleißigen Sammlertätigkeit.

Düben war offenbar gut vernetzt in der europäischen Musikszene und kam so an eine stattliche Anzahl verschiedener Kompositionen, die bei heutigen Liebhabern Alter Musik Begeisterung auslöst. Die fast 2000 Werke umfassende Sammlung, die heute in der Universitätsbibliothek von Uppsala aufbewahrt wird, umfasst Stücke bekannter Meister wie Dietrich Buxtehude, aber auch viele Werke heute kaum noch bekannter oder gar anonym gebliebener Komponisten.

Wie so häufig in der Szene der Alten Musik – die, ganz im Gegensatz zu ihrem Namen, eine überaus frische, neugierige und innovative Bewegung ist – gibt es auch in der Düben-Sammlung noch eine Menge Neues zu entdecken und zu erforschen. Viele der Stücke von oft beachtlicher musikalischer Qualität wurden noch nie eingespielt – was ein besonderer Ansporn für die Aufnahmen war, die in der Müllheimer Martinskirche entstehen.

Mit der Wahl dieses Ortes sind Bötticher und seine Musiker ganz offensichtlich zufrieden. "Es gibt hier eine schöne, warme Akustik. Und es ist ruhig um die Kirche herum", sagt der künstlerische Leiter. "Man kann sich sehr gut hören", meint der Countertenor Alex Potter – eine wichtige Voraussetzung für die Musiker, damit ein CD-Projekt dieser Art, das mit besonderer Akribie und Liebe zum Detail umgesetzt wird, gelingen kann. Und auch sonst stimmen die Rahmenbedingungen. Das hübsche Ambiente der Müllheimer Innenstadt gefällt den Musikern, die aus ganz unterschiedlichen Ländern Europas zusammengekommen sind. Nach der intensiven Arbeit an den Aufnahmen, die sich über drei Tage erstreckt, wird die hiesige Gastronomie erkundet und das eine oder andere Glas Markgräfler Wein verkostet. Für Bötticher war es der erste Abstecher von Basel nach Müllheim, aber vermutlich nicht der letzte – weitere Projekte sind in Vorbereitung.

Die Abendmusiken in der Basler Predigerkirche finden jeden zweiten Sonntag im Monat ab 17 Uhr statt. Das nächste Konzert am 8. Oktober widmet sich dem Komponisten Franz Tunder. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen. Infos im Internet unter http://www.abendmusiken-basel.ch Die Müllheimer CD-Einspielung zur Düben-Sammlung soll unter dem Titel "In Convertendo" Anfang des kommenden Jahres erscheinen.

Autor: Alexander Huber