Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

10. September 2010 10:21 Uhr

Randsport ohne Kaugummi

Hoch das Tuch: WM der Fahnenhochwerfer in Müllheim

Hoch die Fahnen! Für Freunde eigentümlicher Randsportarten wird es ein spannendes Wochenende: Am Samstag finden in Müllheim die Weltmeisterschaften im Fahnenhochwurf statt, bei der die Teilnehmer, nun ja, Fahnen hochwerfen.

  1. Beim Rettichfest des Fanfarenzugs Weisweil wurde 2005 schon mal ein Fahnenhochwurf-Weltrekord im Badischen aufgestellt. Foto: Ilona Hüge

Das klingt nach Merkwürdigem und ist Grund genug, ins Müllheimer Eichwaldstadion zu pilgern, um sich das Spektakel anzuschauen. Dort wird auch Peter Thom von den Rastatter Fahnenschwingern sein. Er trainiert gemeinsam mit 20 anderen zwischen neun und 46 Jahren den richtigen Umgang mit der Fahne, will man es damit zu Höchstleistungen bringen. Da wäre zum einen das Fahnenschwingen, eine aus dem Mittelalter stammende Tradition. Zu den motiviertesten Schwingern gehören neben den Franzosen, Belgiern und Niederländern vor allem die Italiener, die bis heute das Know-how in eigenen Fahnenschwingerschulen unterrichten.

Die Fahne kann in zehn verschiedenen Disziplinen geschwungen werden, allein, im Duo oder in der Gruppe, auf Zeit, synchron, mit bestimmten Pflichtfiguren oder in einer freien Choreographie und so weiter. Unter den deutschen Fahnenschwingern ist der baden-württembergische der stärkste Landesverband.

"Im Prinzip ist alles eine Frage der Technik"

Wie genau der Fahnenhochwurf entstanden ist, weiß keiner. Vielleicht waren die mittelalterlichen Fahnenschwinger des Schwingens irgendwann überdrüssig und fanden Zerstreuung, indem sie die Fahnen in die Luft warfen. Sieger war, wessen Fahne am höchsten flog. Das machte so irre Spaß, dass sie einen richtigen Sport draus entwickelten, der bis heute überdauert hat. "Im Prinzip ist alles eine Frage der Technik", sagt der Fahnenschwinger und -werfer Peter Thom. Heißt: Fahne mit Schwung so hochwerfen, dass sie über eine drei Meter breite Stange fliegt, und auf der anderen Seite wieder in Empfang nehmen. Die Wurftechnik ist freigestellt. "Das klingt einfach, hat aber ein paar Haken", räumt der 49-Jährige ein.

Werbung


Zunächst einmal darf die Fahne die Stange weder mit Stock noch mit Stoff berühren. Dann muss sie so geworfen werden, dass sich das mindestens einen Quadratmeter große Stoffstück in der Luft über der Stange entfaltet, es müssen alle vier Ecken zu sehen sein. Dann gilt die Fahne als offen. Und dann der casus knaxus: Die Fahne muss gefangen werden. Egal wie. Sie darf auf keinen Fall im Boden stecken bleiben oder mit voller Stocklänge auf dem Boden zu liegen kommen – dann wäre der Wurf ungültig. "Wenn Sie gerade noch einen Zipfel vom Tuch erwischen, die Fahne damit aber fangen, gilt das", sagt Thom. Abgesehen von diesen fahnenhochwurfspezifischen Definitionen gilt ein ähnliches Reglement wie beim Hochsprung. Die Stange, die bei den Herren anfangs in einer Höhe von acht und bei den Damen auf sieben Metern liegt, rückt in 50-Zentimeter-Abständen nach oben. Jeder Teilnehmer hat pro Höhe drei Versuche, scheitert auch der dritte Wurf, fliegt er raus. Sieger ist, wer übrig bleibt und seine Fahne korrekt über die höchste Höhe fliegen lässt.

Italiener haben ihren Sonderstock

So, wie jeder Fußballer am liebsten mit bestimmten Schuhen kickt, schwört auch ein Fahnenschwinger und -hochwerfer auf dieses oder jenes Material. Die Fahnenstöcke zum Schwingen gibt es in drei verschiedenen Kategorien. Die sogenannten Dürer-Stöcke sind vor allem in der Schweiz und im süddeutschen Raum verbreitet. Es handelt sich dabei um konisch gedrechselte Holzstöcke ohne zusätzliches Gewicht. Die normal gewichteten Stöcke bestehen aus einem geraden Holzstock und haben unten am Griff ein Stück Eisen, das so schwer ist wie der Rest der Fahne. "Damit ist das Verhalten der Fahne ein ganz anderes", sagt Peter Thom. Die dritte Variante bilden die italienischen Stöcke. Sie sind aus Fiberglas und haben am Griff ein Gegengewicht, das schwerer ist als die restliche Fahne.

Beim Fahnenhochwurf dürfen die Teilnehmer das Material ihres Fahnenstocks frei wählen. "Bambus, Aluminium, Holz – da gibt es die tollsten Dinger", sagt Peter Thom. Einzige Regel: Der Stock muss zwischen 140 und 150 Zentimeter lang sein. Außerdem darf er nur so schwer sein, dass er gemeinsam mit dem Fahnenstoff maximal 1000 Gramm auf die Waage bringt. Auch beim Stoff kann jeder für sich entscheiden, was er an den Stock hängt. Der erfahrene Fahnenhochwerfer sucht nach Materialien, die reißfest und leicht sind sowie möglichst wenig Luftwiderstand bieten.

Kaugummi als größter Feind des Fahnenwerfers

Sind alle Voraussetzungen erfüllt, kann das fröhliche Fahnenhochwerfen beginnen. Aber vorher unbedingt den Kaugummi rausnehmen. Wer kaut, wird nämlich disqualifiziert. Aus gutem Grund: "Der Kaugummi ist der größte Feind des Fahnenwerfers", sagt Gerhard Schlaich, Vorsitzender des Landesverbandes der Fahnenschwinger. "Wenn Sie die Fahne hochwerfen, schnellt der Kopf in den Nacken und Sie wollen sehen, wohin sie fliegt. Dabei landet der Kaugummi schnell mal in der Luftröhre und Sie können sich böse verschlucken", erklärt er die Gesundheitsvorsorge in der eigentümlichen Randsportart.

Info: Umzug der Fahnenschwinger und Weltmeisterschaft im Fahnenhochwurf, Samstag, 11. September, ab 10 Uhr in der Müllheimer Innenstadt und im Eichwaldstadion

Autor: Claudia Füßler