Sieger überzeugen durch Flexibilität

Volker Münch

Von Volker Münch

Mo, 20. Juli 2015

Müllheim

Architektenduo Alessandro delli Ponti und Ferdinand Schmelzer gewinnt städtebaulichen Wettbewerb "Am langen Rain".

MÜLLHEIM. Der Wettbewerb um den städtebaulichen Entwurf für das sensible Baugebiet "Am langen Rain" am östlichen Stadtrand Müllheims ist entschieden: Das modulare System der Arbeitsgemeinschaft des Pariser Architekten Alessandro delli Ponti und seines ehemaligen Berliner Studienkollegs Ferdinand Schmelzer überzeugte die Fach- und Preisrichter in ihrer Sitzung am Freitag. Nach einer achtstündigen Mammutsitzung einigte sich die große Mehrheit auf dieses Konzept.

ERSTE ZIELVORGABEN
Das künftige Baugebiet "Am langen Rain", das aus der viel diskutierten Fläche "MÜ1" hervorgegangen ist, zählt wegen seiner Lage hin zu einer bemerkenswerten Landschaft mit Blick auf die Silhouette des Schwarzwaldes und dem zentral gelegenen Hochblauen als Hausberg als "sehr sensibel". Das betonte Bürgermeisterin Astrid Siemes-Knoblich eingangs des Pressegesprächs am Samstagvormittag noch unter dem Eindruck der ganz unterschiedlichen Ergebnisse, die in den 14 eingereichten Wettbewerbsarbeiten erarbeitet wurden.

Mit dem künftigen Baugebiet, das nun im Laufe der nächsten eineinhalb bis zwei Jahre zur Realisierung weiterentwickelt werden soll, wolle die Stadt, die nicht nur Zuzugs-, sondern auch Wachstumskommune ist, auf den Siedlungsdruck reagieren, schickte Siemes-Knoblich voraus. "Uns geht es um ein angemessenes Verhältnis zwischen Verdichtung und Landschaft, mit flexiblen Strukturen", erklärte die Bürgermeisterin. "Dieser international ausgeschriebene Wettbewerb ist ein positives Beispiel für die frühzeitige Beteiligung der Bürger", sagte danach Matthias Weber, Geschäftsführer der Kommunalkonzept Sanierungsgesellschaft. So seien viele Aspekte, die den Müllheimer Bürgern wichtig waren, in den Auslobungstext eingegangen. Gemeinsam mit weiteren Fachleuten habe er die Wettbewerbsarbeiten auf die Einhaltung dieser formulierten Vorgaben geprüft und über die Zulassung zum Preisgericht entschieden. Auch die Ergebnisse der Fachgutachten wie Klima, Entwässerung und anderen Themenbereichen seien eingeflossen. Der Vorsitzende des Preisgerichtes, Fred Gresens, unterstrich die Anonymität – die Arbeiten wurden bereits im Zuge der Vorprüfung mit Ordnungsziffern verschlüsselt – die Transparenz und den Charakter des urdemokratischen Verfahrens, das heute international anerkannt sei. In mehreren Durchgängen seien die Entwürfe gesichtet, erklärt, diskutiert und abgestimmt worden, erklärte Gresens, Architekt aus Hohberg. In die engere Wahl seien am Ende fünf Arbeiten gekommen, aus denen nun der Sieger des Wettbewerbs und die beiden Folgeplätze hervorgegangen sind.

DER SIEGERENTWURF
Für den Architekten und Vorsitzenden des Preisgerichts, Fred Gresens, ist das Konzept der Architektengemeinschaft von Alessandro delli Ponti und Ferdinand Schmelzer die schlüssigste Lösung: Der Stadtabschluss beziehungsweise das Eingangstor der Stadt sei sehr sensibel in Richtung der offenen Landschaft entwickelt worden. Erschlossen wird das neue Baugebiet etwa auf der Höhe der Abzweigung zur Helios-Klinik und dem Wohngebiet Erlenbuck mit einer zentralen Straße, die das Gebiet in eine Nord- und eine Südhälfte teilt. Von dieser Erschließungsstraße aus gehen Ringerschließungen ins Gebiet hinein, die eine gute Orientierung ermöglichen und die Funktion des Quartiers erkennen lassen. Entlang dieser dominierenden Straße gibt es Sonderformen wie eine Kindertagesstätte und betreutes Wohnen. Die beiden Architekten hätten mit einem "stabilen Gerüst" eine Struktur vorgegeben, die ausreichend individuellen Spielraum für die Weiterentwicklung des Konzeptes zulasse, so der oberste Preisrichter. Erhalten bleiben die alten Nussbäume im Osten des Gebietes und der größte Teil der Streuobstbäume, die in die Außengestaltung einbezogen werden sollen. Zur Landesstraße in Richtung Oberweiler hin werden mehrstöckige Gebäude – auch als Lärmschutz – angeordnet. Manche Entwürfe hätten nur 130, andere wiederum 260 Wohneinheiten in ihren Plänen dargestellt. "Die Wahrheit wird bei 160 bis 200 Wohneinheiten liegen", erklärt Gresens. Und genau diese Zielvorgabe lasse sich mit dem Siegerentwurf problemlos verwirklichen, betonte der Architekt. Nicht nur der sensible Umgang mit der Landschaft, sondern auch einige andere Vorzüge ergänzte Bürgermeisterin Siemes-Knoblich. Die Nord-Süd-Ausrichtung lasse uneingeschränkte Solarnutzungen zu, die beiden Planer hätten sich auch schlüssige Gedanken zu einer zentralen Energieversorgung, zur Vermeidung von ungewollten Verschattungen, zur Entwässerung und über die Einbindung der benachbarten Landschaft gemacht. "Uns ist die tolle Landschaft ins Auge gestochen", erklärte Ferdinand Schmelzer. Deshalb sei für ihn und delli Ponti von Anfang an klar gewesen, die Hügellandschaft, die Bäume und die Bergsilhouette in ihr Konzept einfließen zu lassen. "Diese alten, gewachsenen Bäume bieten Atmosphäre. Und die wollen wir nutzen", so Schmelzer. Um eine modulare Realisierung zu ermöglichen, haben sie die Quartiere in Quadrate eingeteilt. Ein weiterer großer Baum an der Straße signalisiere die Erschließung des Quartiers und bildet gleichzeitig eine Sichtachse zu den beiden Nussbäumen. "Dort ist das Gelände etwas erhöht und dient als Treffpunkt im Wohngebiet", so der Berliner Architekt. Der Mix an Gebäudeformen und Größen trage der Idee der Bürgervorgaben Rechnung. "Für uns ist es die Konsequenz aus der Landschaftsstruktur", ergänzte Alessando delli Ponti.

WIE GEHT ES WEITER?

Nachdem das Preisgericht mit überwiegender Mehrheit entschieden hat, werden die Beiträge der ersten drei Platzierten im Gemeinderat vorgestellt. Am Ende entscheidet das Gremium, welche der Entwürfe weiterverfolgt werden soll. Die Bürgermeisterin und der Preisgerichtsvorsitzende gehen aber davon aus, dass schon wegen der überzeugenden Konzeption mit großer Flexibilität die Sieger zu Zuge kommen werden. In weiteren Gesprächen sollen mit der Wettbewerbsgemeinschaft Details geklärt werden, um einen städtebaulichen Entwurf für das Bebauungsplanverfahren vorlegen zu können. "Es wird ein zweistufiges Verfahren werden, das etwa eineinhalb bis zwei Jahre dauern wird", merkte die Bürgermeisterin an und unterstrich: "Wir werden Gas geben, um dem Siedlungsdruck abbauen zu können." "Wir sind gut unterwegs, weil wir schon die erforderlichen Gutachten eingeholt haben und bereits in den Siegerentwurf eingegangen sind", ergänzte Stadtplanerin Julia Brocke.