Stoff aus der Realität in einem Thriller

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Di, 21. November 2017

Müllheim

Rüstungsexporte nach Algerien: Für seinen Roman hat Oliver Bottini, der zu Gast in Müllheim war, ein brisantes Thema gewählt.

MÜLLHEIM. Ralf Eley, ein Beamter des BKA, der in Algerien stationiert ist, versucht die Entführung eines Deutschen aufzuklären. Dieser wollte als Manager für eine schwäbische Rüstungsfirma die Baustelle eines neuen Produktionswerks für Panzer inspizieren. Sind die Entführer islamistische Terroristen, wie der algerische Geheimdienst behauptet? Da passt vieles nicht zusammen... Stoff aus der Realität, aber auch Stoff für einen Thriller. Autor Oliver Bottini stellte das unter dem Titel "Ein paar Tage Licht" 2014 bei Dumont erschienene Buch bei einer Lesung in der Müllheimer Buchhandlung Beidek vor.

Die Lesung mit anschließender Diskussion und Fragerunde war Teil der 41. Markgräfler Friedenswochen, Mitveranstalter waren deswegen neben der Buchhandlung Beidek der Arbeitskreis Frieden des evangelischen Kirchenbezirks Breisgau-Hochschwarzwald und der DGB. Oliver Bottini, den Inhaberin Antonia Schulze Hackenesch als "Hochkaräter der Krimi-Literatur" vorstellte, wurde für seine Romane mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet. Unter den neun inzwischen erschienenen Titeln sei "Ein paar Tage Licht" sein momentaner Favorit, erzählte Bottini dem zahlreich erschienenen Publikum. Derzeit arbeiten mehrere Produzenten, darunter der Fernsehsender Arte, an einer Verfilmung.

Bottinis Ton beim Vorlesen ist leise und sachlich. Er entspricht seinem detailgetreuen, die Handlung diskret vorantreibenden Erzählstil, in den sich unmerklich das Grauen einschleicht, als es auf die Entführung zugeht. Diese findet in einem edel ausgestatteten Gästehaus der algerischen Regierung statt, wohin der Manager Peter Richter in einem bewachten Konvoi gebracht wurde. In die Idylle von 1001 Nacht mischt sich erst Unbehagen, dann blanke Angst, als man merkt, dass es offenbar der Kaffee war, den man dem Besucher gereicht hat, der bald für an Lähmung grenzendes Unwohlsein sorgt.

Keine Frage, Bottini ist ein begnadeter Erzähler. Dass er diese Geschichte atmosphärisch so dicht und alle Sinne ansprechend schreiben kann – ein Traum mit Fernweh-Potenzial ist seine Schilderung von Constantine, der Stadt der Schluchten und Hängebrücken – beruht aber auch auf langen, umfangreichen Recherchen: viel lesen, die Landesgeschichte studieren, Leute fragen, Filme anschauen, nach Algerien reisen.

Und die richtigen Ansprechpartner finden, etwa im Goethe-Institut von Algier, bei der Friedrich-Ebert-Stiftung und in den Kreisen von Exil-Algeriern in Berlin. Noch zu Zeiten der DDR arbeiteten dort 7000 bis 8000 Vertragsarbeiter aus dem nordafrikanischen Land, auch das gibt einen Erzählstrang im Roman. "So kreist man um das Thema, dann kommen vage Figuren und schließlich entwickelt sich eine Handlung", berichtete er.

Interessant ist, dass bei den Danksagungen das deutsche Außenministerium nicht genannt sein wollte, wo Bottini ebenfalls recherchiert hat. Seine Anfragen an den Rüstungskonzern Heckler und Koch blieben unbeantwortet. Die Firma, für die der Entführte arbeitete, habe er frei erfunden, sie erinnere nur entfernt an Rheinmetall, bemerkte Bottini gallig.

Eigentlich ein sperriges Thema

Doch dass man seine Geschichte fast eins zu eins auf die Realität übertragen kann, macht sie so brisant. Er habe schon immer über Rüstungsexporte schreiben wollen, erzählt Bottini weiter. Doch das Thema sei sperrig und nicht gerade sexy. Ein Bericht über deutsche Rüstungsexporte nach Algerien habe ihn dann gereizt, ebenso das Thema Algerien selbst. Die Liebesgeschichte zwischen Eley und der algerischen Untersuchungsrichterin Amel ist tragender Teil der Handlung, legt die großen kulturellen Unterschiede offen und bedient gleichzeitig die Gefühle der Leser.

In der anschließenden Diskussion über das Thema Rüstungsexporte in der Realität, erklärte Bottini, dass für ihn das Argument der Arbeitsplätze scheinheilig sei: In der Kernbranche der deutschen Rüstungsindustrie arbeiten etwa 80 000 bis 90 000 Menschen. Deswegen verstehe er nicht, warum Deutschland immer noch Rüstungsgüter produziere. Wenn allerdings Heckler und Koch schließen würde, wäre ganz Oberndorf pleite, stellte er fest. Dass das nicht passiert, dafür halte Volker Kauder, der Vorsitzende der CDU-Bundestagsfraktion, seine schützende Hand über die Firma. Ein Beitrag der Diskussion brachte die Möglichkeit der Konversion von Rüstungsfirmen zu Produktionsstätten für zivile Güter zur Sprache, wie es in einem kleinen Bereich die in Freiburg ansässige Firma Litef vorgemacht hat.

Oliver Bottini: "Ein paar Tage Licht", Roman, 512 Seiten, Dumont Verlag Köln 2014. Infos zum Autor: http://www.bottini.de