Zwischen Kosmos und Gesellschaftskritik

Beatrice Ehrlich

Von Beatrice Ehrlich

Do, 26. April 2018

Müllheim

21 Mädchen des Markgräfler Gymnasiums Müllheim führen Jura Soyfers "Der Weltuntergang" auf .

MÜLLHEIM. Und wenn ein von kosmischen Kräften abgesandter Komet in rasender Geschwindigkeit auf die Erde zusteuert: Komme, was wolle, es wird Theater gespielt am Markgräfler Gymnasium. Mitreißend und energiegeladen brachten dieser Tage 21 Mädchen der Klassen sechs bis acht Jura Soyfers gesellschaftskritische Zukunftsvision "Der Weltuntergang" (uraufgeführt 1936) auf die Bühne im Markgräfler Gymnasiums. Die Inszenierung von Katrin Allgaier mit der Theater AG katapultiert das Stück des 1939 im Konzentrationslager Buchenwald zu Tode gekommen Wiener Autors und überzeugten Sozialisten auf verblüffende Weise ins Jetzt und Hier. Die Ähnlichkeiten sind frappant. Angesichts von Überbevölkerung und Krieg, dem verantwortungslosen Handeln der sie bewohnenden Menschen, ist die Erde ins Taumeln gekommen und stört die Sphärenharmonie, in der die Himmelskörper, begleitet von Klängen aus Tschaikowskys Klavierkonzert, um die Sonne kreisen.

Ein Komet, auf der Durchreise zu seiner "Sternschnuppe" bekommt den Auftrag, die Erde anzuschubsen und den Menschen den Garaus zu machen. Und siehe da: Der bevorstehende Weltuntergang, durch modernste Kommunikationstechnik in aller Munde, scheint manche ihrer Bewohner erst richtig in Fahrt zu bringen, sie brechen in aufgeregte Geschäftigkeit aus, Revolten drohen. Das bevorstehende Ereignis ruft Akteure aller Couleur auf den Plan, die versuchen, Profit aus ihm zu schlagen. Unbeachtet bleibt der fabelhafte Professor Guck, der längst schon einen Plan in der Tasche hat, wie sich alles abwenden ließe, wenn die anderen ihn denn ließen. Auf seine verzweifelte Warnung "Der Weltuntergang kommt" antwortet ein gewissenhafter Beamter nur: "Soll er warten, er ist nicht der Einzige."

Der Spaß am Spiel ist das ganze Stück über deutlich spürbar. Auf faszinierende Weise bezieht die Regisseurin Lebenswelten der Jugendlichen in ihre Umsetzung mit ein und hebt sie auf eine szenische Ebene – eine Gelegenheit, die die Mädchen nur zu gern aufgreifen.

Begeistert und überaus authentisch, mit einem feinen Schuss Selbstironie entern sie immer wieder top-gestyled und bewaffnet mit Smartphones und riesigen Einkaufstaschen die Bühne, rastlos auf der Suche nach dem neuesten Trend. Alle Darstellerinnen gehen mit großer Selbstverständlichkeit in ihren verschiedenen Rollen auf: Professor, Politiker, Umweltschützer, Diplomatin, ein Ehepaar, das sich erst vergöttert, dann zofft – die schrullige alte Jungfer mit ihrem Papagei würde man heute wohl anders nennen. Auffallend ist bei allen das geschulte und dem Publikum zugewandte Sprechen. Es ermöglicht den Schülerinnen, weitere Facetten ihrer Figuren herauszuarbeiten. Veranstaltungs- und Videotechnik spielen eine wichtige Rolle bei der Darstellung des Weltraums und der Einblendung fiktiver Fernsehsender, in denen einzelne Mädchen als eloquente Ansagerinnen eine tolle Nummer abziehen. Alles wirkt täuschend echt, selbst an winzige Details im Bildhintergrund ist gedacht. Dass alles reibungslos läuft, liegt am Einsatz versierter Schüler-Technik-Teams, denen Lehrerin Katharina Lefèvre fast nur noch beobachtend assistiert.

An Bühnenbild und Requisiten wird ansonsten nur das allernötigste eingesetzt, und zwar so, dass eine zerstörerische Dynamik sichtbar wird. Nach und nach füllt sich die Bühne mit bedruckten Einkaufstüten, so dass am Ende alles ganz chaotisch ist. Selbst die Reichen und Privilegierten, die sich in letzter Sekunde mit einem Raumschiff von der Erde absetzen wollen, stehen gegen Ende knietief im Müll. Erschöpft versinken die Shopperinnen in den hässlichen Hinterlassenschaften ihrer unstillbaren Gier nach Neuem und ziehen die braven Beamten, Politiker und Journalisten unaufhaltsam mit. Was für eine Ernüchterung, als die Kollision am Ende ausfällt, aus dem schönstmöglichen Grund: Komet Konrad hat sich verliebt in die Erde, mit allem, was zu ihr dazugehört.