Tanztheater

Charlie Chaplin auf der Ballettbühne in Straßburg und Mulhouse

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Fr, 12. Januar 2018 um 19:48 Uhr

Theater

Er war der große Filmstar der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Jetzt ist Charlie Chaplin auf der Bühne zu erleben, in Mario Schröders Ballett. Was die Aufführung besonders macht.

Und plötzlich die Bedrohung. Wie eine riesige, unheimliche Kreatur ragt das fellumspannte, menschengroße Monstrum vom rechten Bühnenportal in den Raum. Und Charlie, der Tramp, weiß, dass es sein Feind ist, auch wenn er mit ihm arbeiten wird, muss. "Als ich das Theater verließ", schreibt er später in seiner Autobiographie "Geschichte meines Lebens", "war ich davon überzeugt, dass die Tage des Tonfilms gezählt sind." Der Tramp ist entschlossen, den Kampf mit dem Riesen-Mikrophon auf- und anzunehmen, wie in seinem Film "Modern Times" (1936). Seiner ureigensten "Sprache" freilich bleibt es immer fremd: Chaplins Medium sind die Gesten, ist die Pantomime, die Botschaft der Mimik und Bewegung.

Da ist es nicht weit bis zum Tanz. Mario Schröder (Jahrgang 1965), Gret-Palucca-Schüler und einer der wichtigen deutschen Choreographen seiner Generation, hat das sicher gespürt, als er 2010 als Tanzchef in Leipzig sein "Chaplin"-Ballett herausbrachte. Man könnte es als getanzte Biographie des wohl größten Filmstars der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Aber, und das zeigt die Einstudierung (Isis Calil de Albuquerque und Roman Slomski) seiner Inszenierung nun mit dem Ballett der Opéra national du Rhin in Straßburg ganz klar, das griffe zu kurz: "Chaplin", in Form und Struktur von Solo, Pas de deux bis zu großen Ensembles ganz klar ein Handlungsballett in klassischer Tradition, ist eine sehr poetische Traumreise hinein ins Ich eines Ausnahmekünstlers, und damit auch in seine Nöte und Ängste.

Am Ende werden sie durch eine Glaswand getrennt

Schröder gelingt dies durch den Kunstgriff der Doppelung der Figur, die sich schon in der ersten Szene anbahnt. Charlot, der klassische Tramp mit viel zu großen Schuhen, Melone und Spazierstock, bewegt sich in einem Meer von Tänzerinnen und Tänzern auf die Hinterbühne zu. Hinter der erlebt man als Schattenfiguren die streitenden Eltern und den jungen Charlie, dem bald das Waisenkinddasein bevorsteht. Dieses jugendliche Alter Ego wird ihn auf seinem ganzen Lebensweg begleiten, wird für ihn lieben, wird ihn hineintreiben in die Rolle der Kunstfigur. Und ganz am Ende werden beide durch eine Glaswand getrennt und müssen zu den in die Ausweglosigkeit hineinweisenden Klängen von Samuel Barbers Adagio for Strings von einander lassen: welch berührendes, gefühlvolles Bild vom Schwinden der Jugend in uns und der letzten Konsequenz: dem Alleinsein.

Bis es dazu kommt, durchleben – und durchtanzen – der Tramp alias Charlot und der echte, ewig junge Charles Spencer Chaplin freilich ein Leben wie im Kino, mit großen Höhen und den auch nicht ausbleibenden Tiefen. Schröder hat ein untrügliches Gespür für die Nähe von Tragik und Komik, etwa wenn der Junge im Ballett eine Art künstlerisches Erweckungserlebnis hat, als hinter halb geöffnetem Vorhang in der Luft trippelnde Tänzer- und Tänzerinnenbeine zu sehen sind. Paul Zoller hat für all das eine bemerkenswert dichte, sich gleichwohl oft nur auf Erkennungsmotive beschränkende Ausstattung geschaffen.

Ein hinreißendes Maschinenballett

Wenn sich der Raum erstmals zum Filmstudio öffnet, wenn die Scheinwerferbatterien von der Decke fahren und von den Seiten hereinstrahlen, bekommt man eine Ahnung davon, welche Magie diese neue Zauberwelt Film auf all ihre Beteiligten ausgestrahlt haben muss. Zentrale Szene ist das große Ensemble der tanzenden Charlots zum auf zahlreiche weiße Flächen projizierten Räderwerk aus "Modern Times". Schröder hat sich hier für einen Schlager der Minimal Music, John Adams’ " Chairman Dances" entschieden. Das Ergebnis ist ein hinreißendes Maschinenballett, das den zivilisationskritischen Duktus des Films ins Tanztheater hinein überträgt.

Das funktioniert auch deshalb so trefflich, weil die 30-köpfige Ballettcompagnie der Rheinoper über bemerkenswerte Ensemblequalitäten verfügt: Die Synchronisation der Schrittfolgen und Bewegungsabläufe überzeugt ebenso wie ihre akrobatisch-sportliche Komponente, sprich: die Kondition. Schröder kombiniert in diesen Ensembles Elemente des klassischen Balletts, moderne Tanzformen bis hin zum Breakdance und typische Chaplin-Gesten: den klassischen Watschelschritt mit zusammengezogenen Beinen und weit auseinanderstehenden Füßen, die nach hinten geneigte Körperhaltung – und den Spazierstock als Rückenkratzer. Famos sind auch die Zitate aus den Filmen wie dem "Großen Diktator": Da lässt Schröder Anton Hynkel (Thomas Hinterberger) in einem großen Ballon seine grotesken Diktatorposen einnehmen, akustisch begleitet von den typischen Hynkel-Sprachkonstrukten.

Überhaupt, die Solisten: Marin Delavaud als groß gewachsener junger Chaplin und Céline Nunigé als tragikomische Charlot-Figur – sie begeistern ein aufs andere Mal. Ebenso wie die anmutigen Frauenfiguren (Ana-Karina Enriquez Gonzalez, Monica Barbotte, Dongting Xing). Schade, dass die Produktion sich mit Musik vom Band begnügen muss. Denn Schröders Komposition der Kompositionen (von Chaplin bis Wagner) hätte auch eine musikalische Liveinterpretation verdient gehabt.
  • Was: "Chaplin"
  • Wann und wo: 13. bis 15. Januar (Straßburg, Oper); 2. bis 4. Februar (Mulhouse, Filature)