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26. März 2010

Wie Großvater sich einst rasierte

Das Ecomusée im Elsass bietet nun alle Infos auch auf Deutsch.

  1. Die ländliche Idylle des Ecomusée soll erstmals auch bewohnt werden – wie anno dazumal. Foto: Ecomusee

  2. Handwerker zeigen das Leben von einst. Foto: Ecomusee Elsass

Am Eingang werden wir freundlich begrüßt und bei Bedarf er- klären uns die jungen Empfangsleute auch auf Deutsch, was wir heute hier im elsaässischen Ecomusée erleben können. Dann machen wir uns auf den Weg, zu Fuß oder im Pferdewagen. Frankreichs größtes Freilichtmuseum startet an diesem Wochenende in eine neue Saison. Nach schwierigen Jahren, ungewisser Zukunft und dem teilweisen Verlust der Selbstbestimmung verantwortet der Verein nun wieder alles – vom Empfang über den Ticketverkauf bis zu den Aktionen in seinen 70 Fachwerkhäusern.

In mehr als einem Vierteljahrhundert, seit das Ecomusée von geschichtsbegeisterten jungen Leuten gegründet wurde, entstand im Kalibecken bei Ungersheim auf einem zehn Hektar großen unwirtlichen Gelände eine ganz eigene Natur- und Kulturwelt. Hier gibt es Seen, Flüsschen, Wiesen, Kräutergärten und Wege und all die erhaltenen Häuser aus den verschiedenen Ecken des Elsass. Häuser, Bauernhöfe, Werkstätten, eine Kapelle und ein Bahnhof, eine Schule, ein Sägewerk und eine Mühle. Das älteste unter ihnen stammt noch aus der Zeit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus.

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Fachwerkhäuser gelten seit jeher als Immobilie: Sie lassen sich abbauen wie ein Baukasten und andernorts wieder aufstellen. Diese Häuser in ihrer elsässischen Vielfalt für die Nachwelt zu bewahren, das war der Ursprungsgedanke der Ecomuséegründer.

Heute bemüht sich das Museum mit seinem neuen Direktor Pascal Schmitt um eine möglichst authentische Darstellung des Lebens Anfang des 20. Jahrhunderts. In der beginnenden Saison werden erstmals richtige Familien an den Wochenenden zwei der Häuser, darunter ein Arbeiterhaus, bewohnen. "Das Arbeiterhaus hat einen Gemüsegarten, die Leute ziehen ihre Schweine groß, es gibt Eltern und Kinder, ganz so wie es sein soll", sagt Museumsdirektor Pascal Schmitt. Am ersten Wochenende der Saison legt er in der Rolle des Kochs sogar selbst Hand an: Den Besuchern wird ein historisches Menü mit Lamm und Löwenzahnsalat kredenzt.

Neu ist auch der Barbier: Die Frisörvereinigung von Mulhouse stiftete eine komplette historische Ausstattung, die in einem der Fachwerkhäuser untergebracht wurde. Wer möchte, kann sich beim Museumsbesuch eine Rasur wie unsere Großväter gönnen.

Erstmals leiten uns durch das Ecomusée Straßenschilder in drei Sprachen: Französisch, Elsässisch, Deutsch. Ab Herbst sind zudem 30 Sprachsäulen auf dem Gelände geplant, die als Alternative zu den verbreiteten Audioguides mit Kopfhörer den Besucher nicht isolieren, trotzdem aber wertvolle Hinweise in französischer, englischer und deutscher Sprache liefern sollen. Das Ecomusée stellt sich mehr und mehr auf deutschsprachige Besucher ein. Deshalb vermeidet das neue deutsche Motto auch eine wörtliche Übersetzung und lautet knapp: So viel zu erleben.

Abgesehen von den Neuheiten gibt es noch immer, was erfahrene Besucher kennen: Etwa die Schule, ein Klassenzimmer anno 1900, als die Kinder noch mit dem Rohrstock gezüchtigt wurden und Deutsch die offizielle Sprache des Elsass war. "Auch das ist Teil unserer Geschichte", betont Schmitt.

Bäuerliches Leben und die traditionellen Handwerksberufe bestimmen das Grundprogramm. Vor allem aber richtet sich das Ecomusée nach dem Rhythmus der Jahreszeiten, nach dem Rhythmus der Bauernfeste, religiösen Feiern, der Volkskunst und des Brauchtums der Region. So steht zu Ostern der traditionelle Osterputz auf dem Programm. Aus Schokolade werden Hasen, Fische und Eier gegossen und aus Biskuit Osterlämmer gebacken. An den Osterfeiertagen können die Kinder Eier im Museumsgarten suchen und die Tradition des Ostereier-Rennens wird wiederbelebt. Ähnlich werden andere religiöse Feste über das Jahr mit ihren Ritualen zelebriert. Aber auch zu modernen Festen wie der in Frankreich beliebten Fête de la Musique Anfang Juni lädt die Dorfgemeinschaft ein, bis das Ecomusée-Jahr in der Advents- und Weihnachtszeit mit ihren Bräuchen und duftenden Zutaten gipfelt.

Wer die vielen schönen Dinge aus der Vergangenheit, wer das originalgetreue Detail liebt und gerne Menschen über die Schulter schaut, wie sie schmieden, sägen, kochen, weben, backen oder Schnaps brennen, der wird das Ecomusée mögen. "Wir wollen hier nicht nur erklären, wie das Leben damals aussah", sagt Pascal Schmitt. "Wer zu uns kommt, soll erleben, dass es vor hundert Jahren nicht unbedingt nur beschwerlicher war: Es hatte trotzdem eine ganz besondere Qualität."


Autor: Bärbel Nückles