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10. Januar 2017 15:23 Uhr

Vandalismus

Nach Brandanschlag auf Gerichtseiche: Künstler und Bürgermeister wollen ein Zeichen setzen

Das Schicksal der Castellberg-Eiche in Ballrechten-Dottingen, in der Silvesternacht durch Brandstiftung zerstört, bewegt die Gemüter. Jetzt wurden die Reste des Kunstwerks abtransportiert – mit Hoffnung auf einen Neuanfang.

  1. Trauriger Abtransport: Fast zehn Jahre nach ihrer Einweihung macht die geschnitzte Eiche am Castellberg wieder Schlagzeilen, die die Menschen bewegen. Foto: Sabine Model

  2. Von Anfang an ein viel beachtetes Kunstwerk: Im Bild die Einweihung am 1. Mai 2007. Foto: Sabine Model

Schneebedeckt sind die verkohlten Überreste der geschnitzten Castellberg-Eiche. Der Freiburger Künstler Thomas Rees steht erneut fassungslos vor dem Ergebnis blinder Zerstörungswut. "Nichts ist für die Ewigkeit gedacht. Aber das hätte nicht sein müssen", murmelt er. Ballrechten-Dottingens Bürgermeister Bernhard Fehrenbach will ein Zeichen setzen: "Ob vorsätzlich oder fahrlässig abgebrannt – wir werden die Eiche nicht sterben lassen", lässt er das SWR-Kamerateam vor Ort wissen. Doch dafür muss das schwere Fragment erst aufwändig abtransportiert werden.

Aus Krankheit wird Kunst
Die rund 400 Jahre alte, solitäre Eiche auf dem Castellberg-Wanderparkplatz kränkelte schon lange. Da schlug Werner Bußmann vom Arbeitskreis Natur und Umwelt dem damaligen Bürgermeister Bernd Gassenschmidt die Umwandlung in ein Kunstwerk vor. Vom Stamm blieben 6,50 Meter stehen und Thomas Rees bekam für 3500 Euro den Auftrag, das Objekt mit mittelalterlichen Geschichten, Mythen und Fantasien zu gestalten. Einen Gehängten, einen Henker, ein Kreuz, trauernde Frauen, einen Rabenvogel und einen Drachen am langen Ast arbeitete er heraus. Teufel und Schlange symbolisierten den dämonischen Ort der Verführung, von dessen Magie sich die Pärchen gern verzaubern ließen. Teufel und Weinbauer, Trauben und mittelalterliche Befestigungsanlagen – alles war vertreten. Da der Baum im unteren Bereich hohl war, wurde innen die Figur des Galileo eingebaut. Das besondere Wahrzeichen der Gemeinde entwickelte sich in fast zehn Jahren zum Symbol. Egal, ob es sich tatsächlich einst um eine Gerichtseiche gehandelt hat oder nicht. Das Buch, das Thomas Rees dazu auflegte, hieß: "Geköpft um Weiterzuleben". Wenn es nach ihm geht, gibt es eine Neuauflage mit dem denkbaren Credo "Verbrannt zum Überleben".

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Brand durch Böller
Eine Batterie gezündeter Feuerwerkskörper im Hohlraum des Wurzelbereichs genügten, um den Baum zum Kamin werden zu lassen. In der Silvesternacht schwelte die Glut. Dann fing das starke Eichenholz Feuer. Der Nebel verschleierte die Untat, bis am Neujahrsmorgen der Bürger Thomas Burgert mit seinem Hund vorbeilief. Die Feuerwehr wurde um 7.46 Uhr alarmiert. Längst hatte da die Eiche ihre Stabilität verloren. Die unteren dünnwandigen zwei Meter verbrannten komplett. Der Rest war umgefallen und glühte weiter. "Zwei Drittel ist vernichtet", stellt Thomas Rees fest, während er den Schnee mit einem Besen von der Skulptur entfernt. "Das Herz der Liebenden ist aber unversehrt geblieben", bemerkt Bernhard Fehrenbach. "Dafür ist der Teufel dem Feuer zum Opfer gefallen", ergänzt Rees und fügt an: "Er hatte die Hand vor den Mund gehalten, als würde er ahnen, was passiert." Der Ast mit dem Drachen liegt nebendran am Boden. Ein weiterer ist angerissen. Zwei Gesichter und ein Bart sind geschwärzt. Viele Monate hat Thomas Rees Emotionen und Herzblut in dieses Projekt fließen lassen. Der Anblick jetzt ist trostlos. Das Wetter zeigt sich entsprechend grau, trüb und unangenehm. Dabei war bei der Einweihung am 1. Mai 2007 der Himmel strahlend blau.

Zeichen setzen
Mit schwerem Gerät ist der örtliche Forstbetrieb Karrer angerückt, um die Fragmente zu bergen. Bauhofleiter Axel Steck und Feuerwehrkommandant Marc Eberlin stehen zur Unterstützung von Franz Karrer bereit. Mit einem Frontlader sind die vier Tonnen Gewicht des Restkunstwerks kaum zu stemmen. Ein gesplitterter Ast bricht beim Anheben mit lautem Knarren ganz ab. Das schmerzt. Doch die Unterseite scheint zumindest außen zu einem Großteil erhalten. Inwendig sieht alles relativ verkohlt aus. "Es ist noch Masse da", murmelt Rees, wenn auch nicht euphorisch. Allerdings lässt das hoffen. "Momentan sieht alles ziemlich chaotisch aus", räumt er ein. "Viele würden jetzt vielleicht sagen: Zersägen, verbrennen und fertig", vermutet er. "Aber irgendetwas machen wir daraus. Denn das Bizarre des Zerstörten hat ja auch eine gewisse Ästhetik." Ein Zeichen gegen den Vandalismus möchte der Künstler setzen und nicht resignieren. Erhaltenes retten, abgespaltene Teile wieder integrieren und Neues einbauen – so seine Idee. Wie Phönix aus der Asche könne dann aus dem negativen Bild wieder ein positives entstehen.

Abtransport zum Neuanfang
In Zentimeterarbeit schleppt der Frontlader das Objekt Richtung Kranwagen. Mit beiden Hebevorrichtungen wird es auf die Ladefläche gehievt. Der Kopf des "Gehängten" hat überlebt und bäumt sich beim "Umbetten" nochmals auf. Ein makaberer Moment. Aber symbolträchtig. "Wenn uns ein Kulturgut genommen wird, stellen wir uns dem entgegen", ist Bernhard Fehrenbach entschlossen. "Wir wurden attackiert und wehren uns nach Kräften." Vielleicht müsse man sich von dem bisherigen Erscheinungsbild lösen und etwas gänzlich Neues, Kleineres schaffen, überlegt er. Als Mahnmal sozusagen. "Das hier mag vergleichsweise als Bagatelle erscheinen gegenüber dem, was sonst so in der Welt geschieht", relativiert Rees. Doch man sollte standhaft bleiben, wenn es um den Anschlag auf ein Natur-Kulturdenkmal gehe, meint er. Dazu haben ihn viele betroffene Reaktionen aus der Bevölkerung ermutigt.

Sponsoring und Belohnung
Entscheiden muss das nun der Gemeinderat. Was mag er investieren in die Wiederbelebung der Überreste, deren erforderliche Stahlsicherung und Betonfundamente? Thomas Rees hofft auf möglichst viele großzügige Sponsoren und "grünes Licht". Getrübt ist die Stimmung indes, weil der oder die Übeltäter noch nicht gefunden wurden. Die polizeilichen Ermittlungen nähren den Verdacht der vorsätzlichen Brandstiftung. Deshalb stellte die Gemeinde einen förmlichen "Strafantrag wegen Sachbeschädigung". Für sachdienliche Hinweise, die beim Polizeiposten Heitersheim (07634/50710) eingehen und zur Aufklärung führen, stellt sie eine Belohnung von 500 Euro in Aussicht. Davon unbeeindruckt setzt sich der Kranwagen mit dem Feuerrelikt in Bewegung zum Lagerplatz. Einer möglicherweise neuen Zukunft entgegen.

Info: Am Donnerstag, 12. Januar, wird in der SWR-Landesschau ab 18.45 Uhr die Geschichte der Castellberg-Eiche erzählt.

Autor: Sabine Model