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25. Mai 2011

"Das wird noch Monate, vielleicht Jahre dauern"

BZ-INTERVIEW mit dem Sicherheitsexperten Stephan Kurth vom Öko-Institut / Weiterhin gelangt Radioaktivität in die Umwelt.

  1. Stephan Kurth, Oeko-Institut Foto: oeko-institut

Über die Einschätzung der Lage in den Atomkraftwerken von Fukushima hat BZ-Redakteur Franz Schmider mit Stephan Kurth, Leiter der Gruppe Anlagensicherheit des Öko-Instituts in Darmstadt, gesprochen.

BZ: Seit geraumer Zeit wissen wir, dass in Reaktorblock 1 eine Kernschmelze stattgefunden hat. Nun gilt dies auch für die Blöcke 2 und 3. Überrascht Sie das?
Stephan Kurth: Man hatte schon aufgrund der Freisetzungen eine solche Vermutung, hatte aber keine Gewissheit. Wir hatten während des Unfalls keine Messgeräte direkt am Reaktor, wir können nicht reinschauen. Das ist ein Problem. Inzwischen ist eine genauere Bewertung dessen möglich, was da abgelaufen ist.
BZ: Was ist denn abgelaufen?
Kurth: Durch den Ausfall der Kühlung kam es zumindest lokal zu Überhitzungen und damit wohl zu einzelnen Kernschäden. Welches Ausmaß diese haben und wie weit sie fortgeschritten sind, kann man bis heute nicht genau sagen. Man weiß nur, dass Brennstäbe durch die Hitze sehr stark geschädigt wurden.
BZ: Es gab auch die Meldung, dass in Reaktor 1 die Schmelze durch den Betonboden durchgebrannt ist.

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Kurth: Dazu haben wir keine Informationen. Es wäre eine mögliche Folge, wenn man die Kernschmelze nicht in den Griff bekommen hat. Wenn man nicht kühlen kann, entstehen derartig riesige Temperaturen, dass die Strukturmaterialien versagen. Bisher habe ich die Informationen so interpretiert, dass der Druckbehälter aus Stahl beschädigt ist. Ob die Schmelze auch den Beton angegriffen hat, wird man erst sehen, wenn man näher ran kommt.
BZ: Wie glaubwürdig sind die Betreiber, wenn wir erst mit solchen Verspätungen informiert werden?
Kurth: Da gab es sicher Informationsdefizite. Aber man darf nicht vergessen, dass es während des Unfallablaufs große Unsicherheiten gibt, weil es für den Fall der Kernschmelze keine verlässliche Instrumentierung gibt. Man kann nicht reinschauen und weiß in der Situation nicht genau, was da abgelaufen ist. Man muss aus den sekundären Messungen rückschließen, den Ablauf herleiten und interpretieren. Das wäre übrigens in deutschen Kraftwerken nicht anders.
BZ: Was droht nun noch?
Kurth: Wenn eine Kernschmelze erst einmal in Gang gekommen ist, besteht die Gefahr, dass man nicht mehr richtig und gezielt kühlen kann. Es kann lokal zu einem Wärmestau führen. Dann können weitere Brennstäbe schmelzen, die Strukturmaterialien versagen und der Reaktordruckbehälter durchschmelzen. Wenn dann größere Mengen an Schmelzmasse austreten, würde auch die Betonhülle angegriffen. Und natürlich kann es Wechselwirkungen geben, zum Beispiel Wasserstoffexplosionen oder Wasserdampfexplosionen. Das ist prinzipiell vorstellbar, aber es ist derzeit nicht davon auszugehen, dass in Fukushima die Kernschmelze derzeit noch weiter voranschreitet.
BZ: Spielt die Zeit eher dafür, dass man es unter Kontrolle bekommt? Oder besteht eher die Gefahr, dass das Material mit der Dauerbelastung ermüdet?
Kurth: Es gibt in der Tat zwei Seiten. Zum einen ist unterdessen die Wärmeentwicklung etwas geringer. Die Kettenreaktion ist unterbrochen und die Nachwärmeentwicklung nimmt langsam ab. Auf der anderen Seite ist diese Nachwärmeentwicklung noch immer so groß, dass man großen Aufwand treiben muss, um das Ganze zu kühlen. Das heißt, die Situation ist noch nicht ungefährlich geworden. In der Tat kommen die Belastungen durch den Unfallablauf dazu: das Erdbeben, die Explosionen, die Behälter wurden geflutet, was nicht vorgesehen ist. All diese Faktoren können dazu führen, dass die Materialien weitere Belastungen nicht mehr aushalten. Und man darf nicht vergessen, dass weiterhin Radioaktivität in die Umwelt gelangt. Die Anlage ist ja nicht dicht.
BZ: Wie lange wird diese Unsicherheit anhalten?
Kurth: Das wird noch Monate, vielleicht Jahre dauern.

Autor: fs