"Der Papst geht dorthin, wo es wehtut"

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Sa, 13. Januar 2018

Ausland

BZ-INTERVIEW mit dem Biologen César Ascorra Guanira zum Einsatz von Quecksilber bei der Goldsuche und zu seinen Erwartungen an den hohen Besuch.

angobäume, Palmen, Vogelgezwitscher – das Büro des Centro de Innovación Amazónica in Puerto Maldonado liegt idyllisch. Hier forschen Direktor César Ascorra Guanira und seine Mitarbeiter – unterstützt von US-amerikanischen Universitäten – über Wiederaufforstung, Quecksilberbelastung und nachhaltige Entwicklung. Unser Redakteur Dominik Bloedner sprach mit Ascorra.

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BZ: Herr Ascorra, wann und warum haben Sie mit Ihren Studien begonnen?
Ascorra: 2006, mit Beginn des Goldrausches in Madre de Dios. Die katholische Kirche hat es initiiert. Es ging darum, zu zeigen, welche Folgen die Rodung des Tropenwaldes und der Einsatz von Quecksilber bei der Goldsuche für Natur und Menschen haben. Und um Alternativen zu diesem Wirtschaftsmodell. Wir machen das, was die Regierung nicht leistet: Forschen, Sensibilisieren, Aufklären.
BZ: Und der Staat?
Ascorra: Er ist hier nicht präsent, allenfalls in den Städten. Und es herrscht Korruption: Polizisten sind für ein Gramm Gold käuflich. Im Tropenwald gibt es keine Polizeiposten, nur alle 20 Kilometer einen Lehrer, das war es dann an staatlichen Strukturen. Der Urwald ist ein rechtsfreier Raum, die Ureinwohner werden von den Goldsuchern verdrängt, ohne dass es Konsequenzen hat. Früher regulierte der Staat noch den Goldabbau. Heute herrscht das Recht des Stärkeren.
BZ: Werden Sie überhaupt ernstgenommen? Die ganze Region lebt doch vom Gold.
Ascorra: Sicher, keiner legt sich gerne mit den Mineros an. Und das Thema Quecksilber war lange tabu. Nun wird darüber geredet, immerhin.
BZ: Quecksilber braucht man, um das Gold vom Gestein zu trennen. Was sind die Folgen?
Ascorra: Es ist ein unsichtbarer Feind. Die Mineros sind nicht sehr betroffen, denn das Gift baut sich im Körper schnell wieder ab. Gefährlicher ist das Quecksilber, das bei der Goldwäsche in den Fluss gelangt. Es setzt sich ab und gelangt über die Nahrungskette zurück zu uns Menschen. Zwei Drittel der Kinder haben erhöhte Quecksilberwerte. Die indigene Bevölkerung, die sich hauptsächlich von Flussfisch ernährt, ist besonders betroffen. Viele Neugeborene kommen behindert zur Welt. Aber wie soll man Leuten, die tausend Kilometer weiter im Naturschutzgebiet leben, erklären, dass sie keinen Fisch essen sollten.
BZ: Gibt es Alternativen? Der Goldabbau gibt ja Zehntausenden Menschen hier Arbeit.
Ascorra: Eine Goldsuche ohne den Einsatz von Quecksilber ist möglich, wenn auch aufwändig. Zum Beispiel mit magnetischen Teppichen, an denen Gold hängen bleibt. Schön wäre es, wenn auf dem Weltmarkt für "sauberes Gold" ein höherer Preis erzielt werden könnte.
BZ: Welche anderen Sektoren gibt es?
Ascorra: Der Tourismus boomt hier ebenfalls. Allerdings wollen die Reisenden auch eine intakte Natur. Auch Landwirtschaft und Wiederaufforstung sind mögliche Alternativen. Denn Quecksilber, das haben wir herausgefunden, ist trotz der Goldsuche vielerorts nicht in die Böden gelangt.
BZ: Papst Franziskus kommt. Was erwarten Sie sich?
Ascorra: Der Papst geht dorthin, wo es wehtut, er hat keine Angst. Die Welt wird zumindest einen Tag auf uns in Madre de Dios blicken. Franziskus wird das Thema sehr diplomatisch und geschickt ansprechen, versuchen zu versöhnen und Alternativen aufzuzeigen. Die Mineros wird er nicht verteufeln, schließlich stehen hinter dem ganzen Elend hier vor allem die Interessen von internationalen Konzernen. Also denen, die am Verkauf von Baggern, Lastwagen, Motorsägen und Quecksilber verdienen.

Der Biologe César Ascorra Guanira, 59, stammt aus Lima und lebt seit 22 Jahren im peruanischen Regenwald. Er ist im Vorstand der Caritas von Puerto Maldonado.