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13. August 2010

In Deutschland aufgewachsene Türken zieht es nach Istanbul

Die Stadt am Bosporus wird zunehmend zum Auswanderungsziel in Deutschland aufgewachsener Türken. Die umworbene Einwandererelite flüchtet vor mangelnder Anerkennung und alltäglichem Rassismus.

  1. Wollen Integration statt Integrationsdebatten: deutsche Türken Foto: dpa

  2. Traumziel Istanbul mit Hagia-Sophia-Moschee Foto: Transocean Tours /dpa

Der Mann wirkt wie ein Modelldeutscher. Groß gewachsen, schlank, blond und blauäugig. Er sieht nicht nur so aus, er spricht auch so. Reflektiert, eloquent, präzise in seiner deutschen Wortwahl. Nur der Name irritiert. Er heißt Kaya Gönencer. Deshalb trifft man ihn auch nicht mehr in Berlin, wo er lange gelebt und als Wirtschaftsanwalt gearbeitet hat, sondern seit einigen Monaten in Istanbul. Hier ist Kaya Gönencer zu einem Treffen gekommen, das sich "Rückkehrer-Stammtisch" nennt. Ist Kaya Gönencer also ein Rückkehrer? "Das kann man so nicht sagen", meint er lachend. "Ich habe vorher ja nie in der Türkei gelebt. Ich bin trotz des Namens eher Deutscher. Nur mein Vater kommt aus der Türkei, meine Mutter ist Deutsche."

Kaya Göncener ist nach Istanbul gekommen, weil er die Herausforderung sucht und weil Istanbul für jemanden, der seine sprachlichen, fachlichen und kulturellen Kompetenzen hat, ein idealer Standort ist. "Ich bin Mitarbeiter in einer renommierten Kanzlei hier und betreue hauptsächlich deutsche Firmen, die sich in der Türkei engagieren oder noch engagieren wollen." Der Bedarf für Leute wie Göncener ist groß. Rund 4000 deutsche Firmen sind mittlerweile in der Türkei aktiv, von den ganz Großen bis hin zu mittelständischen Unternehmen.

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Göncener passt damit gut in die Runde, die sich heute Abend im Istanbuler Ausgehbezirk Beyoglu am Rückkehrer-Stammtisch trifft. Wobei Stammtisch falsche Assoziationen weckt. Das Treffen hat nichts mit deutscher Folklore zu tun. Man sitzt nicht in einer verräucherten Kneipe mit einem Humpen Bier um einen großen Tisch herum, sondern in der Roof Bar im 7. Stock eines Neubaus am repräsentativen Mesrutiyet Platz mit Panoramablick auf das Goldene Horn. 50 Leute tummeln sich hier in zwangloser Geselligkeit und pflegen ihre Kontakte.

Ins Leben gerufen haben diese Treffen drei deutsch-türkische Frauen vor knapp vier Jahren. Eine von ihnen ist Cigdem Akkaya, die bis heute die Treffen organisiert. Cigdem ist erst vor einigen Jahren aus Deutschland zurückgekommen – sie hatte nach den vielen anstrengenden Jahren als Leiterin des Essener Zentrums für Türkeistudien mal wieder Lust, in Istanbul zu leben. Dort angekommen gründete sie eine Consulting Agentur, die mit Veranstaltungsorganisation und Betreuung von Reisegruppen ihr Geld verdient.

Auf die Idee mit dem Stammtisch kam sie, als bei der Organisation eines Meetings in einem Istanbuler Hotel zunächst alles schief lief. Das türkische Management war nicht in der Lage, eine Veranstaltung zu organisieren, die den Erwartungen deutscher Geschäftsleute entsprach. Das klappte erst, als mit Bilur Öncü eine weitere Deutschtürkin die Sache übernahm. "Wir haben uns sofort verstanden", erzählt Akkaya. "Unsere Erfahrungen, der ganze kommunikative und soziale Code, es war alles dasselbe."

"Damals kam uns der Gedanke, mehr Deutschtürken zusammenzubringen. Wir sind nun mal eine Gruppe für sich." Beim ersten Treffen waren sie zu zwölft. Seitdem kommt man jeden Monat zusammen. Das Interesse ist groß, inzwischen finden sich meist 50 Personen und mehr ein.

Canan Arslan ist tatsächlich eine Rückkehrerin im klassischen Sinne. Sie kam in den 80er Jahren zusammen mit ihren Eltern in die Türkei zurück. Damals wollte die Regierung Kohl das "Gastarbeiterproblem" durch Prämien für Heimkehrer lösen. Doch obwohl sie nun schon seit 25 Jahren wieder in der Türkei lebt, ist sie für ihre türkische Umgebung immer die "Deutschländerin" geblieben. "Ich bin eben bis heute durch meine Kindheit in Deutschland geprägt", erzählt sie. Auch sie arbeitet in einer deutschen Firma und hat den Kontakt zur alten Heimat nie abreißen lassen. Zum Stammtisch kommt sie regelmäßig, weil sie sich hier mit Menschen austauschen kann, die ähnliche Erfahrungen gemacht und Probleme haben wie sie. "Aber auch, weil es Spaß macht und man neue Leute kennenlernt."

Aslihan Kiratli ist erst vor Kurzem aus Köln nach Istanbul gekommen. Als Kind war die Die junge Frau mit ihren Eltern an den Rhein gezogen, aber sie habe immer Sehnsucht nach Istanbul gehabt, erzählt sie. Als sich die Jobsuche schwieriger gestaltete als gedacht, weil ihr die deutschen Bewerber oft vorgezogen wurden, kam sie nach Istanbul. Zugleich habe sie sich aber mit dem Umzug "einen Traum erfüllt". Einen Traum, auf dessen Umsetzung sie nicht wie die Generation ihrer Eltern bis zur Rente warten wollte, wie sie sagt. Aber haben es nicht gerade junge, emanzipierte Frauen in der Türkei viel schwerer als in Köln? Aslihan Kiratli zuckt mit den Schultern. "Man darf sich nicht einschränken lassen und muss sich seine Rechte genauso nehmen."

Es sind zumeist Leute wie Aslihan und Cigdem, die sich in den vergangenen Jahren aus Deutschland aufgemacht haben, um in Istanbul ihr Glück zu suchen. Gut ausgebildet, in beiden Sprachen und Kulturen zu Hause, potenzielle Musterexemplare des integrierten Deutschtürken also. Dennoch haben sie alle keine Lust mehr auf Deutschland.

Woran liegt das? Eine Antwort lieferte Ende vorigen Jahres eine Studie der INFO GmbH aus Berlin und Lijeberg Research International aus Antalya. Die Meinungsforschungsinstitute hatten darin Deutsche, Deutschtürken und Türken unter anderem zu ihren Heimatgefühlen befragt. Die Antwort: Zwar waren zwei von drei befragten Deutschtürken entweder hierzulande geboren oder lebten schon mehr als 30 Jahre in Deutschland, trotzdem betrachteten nur 21 Prozent von ihnen eher Deutschland als die Türkei als ihre Heimat.

Es sind die nach wie vor mangelnde Anerkennung und der alltägliche Rassismus, der gerade die gut ausgebildeten Deutschtürken frustriert. "Ich hatte die Integrationsdebatten, den ständigen Rechtfertigungsdruck und die Ignoranz der Leute einfach satt", sagt Cigdem Akkaya stellvertretend für viele, die sich dafür entschieden haben, ihren Lebensmittelpunkt lieber nach Istanbul zu verlegen.

Möglich wurde das allerdings erst durch die rasante Entwicklung, die die Metropole am Bosporus im vergangenen Jahrzehnt hinter sich hat. Mit den hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten kam auch die Nachfrage nach hoch qualifizierten Leuten. Durch die vielen deutschen Firmen in der Türkei ist ein Arbeitsmarkt entstanden, der für Deutschtürken mit entsprechender Qualifikation wie geschaffen ist. Gerade als Berater, als Dienstleister, die sich in beiden Welten gut bewegen können, sind sie gefragt.

Natürlich vermisse sie auch Deutschland, sagt Cigdem. "Aber wir haben gelernt, uns aus beiden Kulturen das Beste herauszusuchen." Außerdem haben sich die meisten Rückkehrer in einer Umgebung eingerichtet, die ihre persönliche Freiheit nicht einschränkt. Frauen mit Kopftüchern sind unter den Stammtisch-Gästen nicht zu sehen.

Aslihan Kiratli demonstriert an diesem Abend schon mal, was sie mit der Istanbuler Freiheit verbindet. Während die Deutschen im Raum noch angestrengt diskutieren, schnappt sie sich ein Mikrofon und legt aus dem Stand eine bühnenreife Gesangsnummer hin. Wenige Minuten später stehen die Tische am Rand, und es wird eifrig geschwooft. "Das Leben ist einfach leichter hier", sagt Aslihan in einer Pause zwischen zwei Lieder – und ihre Augen leuchten dabei.

Autor: Jürgen Gottschlich