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03. Februar 2017

Russland

Die Ideologen des Kreml sehen Europas liberale Gesellschaften im Niedergang

Die Ideologen des Kreml sehen Europas liberale Gesellschaften im Niedergang, doch mit den eigenen Werten ist es oft auch nicht weit her.

  1. Straßenhändlerin in Moskau Foto: AFP

  2. Auf Waffen ist man stolz, Tapferkeit und Pflichtgefühl gelten als Tugend. Foto: Sergei Ilnitsky

  3. Russlands Präsident Wladimir Putin und Patriarch Kyrill: Weltliche und geistige Macht suchen gern und oft die Nähe. Foto: DPA

"Ich bin Ljoscha", verkündet ein junger Computerdesigner, als sein WG-Mitbewohner Sergei ihm seine neue Freundin vorstellt. "Und wenn ich will, kann ich Sergei jedes Mädchen ausspannen." Frechheit, so scheint es, siegt hier. In Moskaus kreativen Kreisen gilt es durchaus als cool, das Weib des Nächsten zu begehren.

Dabei ist Russland eigentlich geistig-moralisch in die Offensive gegangen und rühmt sich seiner guten Sitten. In Parlamentsdebatten und politischen Talkshows prophezeit man im Kremlreich dem Westen Niedergang und sittlichen Zerfall. "Europa steht am Rande zur Katastrophe", erklärte jüngst der Filmregisseur Andrei Kontschalowski der Internetzeitung meduza.io. "Der Grund dieser Katastrophe ist, dass die Menschenrechte nicht als Grundstein taugen." Und dass die Europäer sich von den traditionellen europäischen, christlichen Werten losgesagt hätten. Auch russische Politiker empören sich gern über das überhebliche, in Bosheit verrannte abendländische Establishment: Dieses versuche weiterhin mit missionarischem Eifer, liberale Werte in alle Welt zu exportieren, obwohl diese doch längst überall als vollkommen verkommen entlarvt seien.

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"Postchristliche Werte des Allerlaubten" nennt Außenminister Sergei Lawrow die westliche Ethik neuerdings abschätzig. Moskaus führende Ideologen stellen dem vermeintlichen westlichen Chaos dann mit patriotischem Pathos Russlands traditionelle Werte gegenüber, die man von Generation zu Generation weitergebe: Verruchter Westen, heiles, orthodoxes Russland.

Nur selten aber macht man sich die Mühe, die eigenen Werte konkret zu benennen. Wladimir Putin hat es einmal getan und die "wahren Werte" aufgezählt, "die immer bleiben werden: Ehrlichkeit, Patriotismus, Gewissen, Liebe, Güte, Tapferkeit, Würde, Hilfsbereitschaft, Verantwortungs- und Pflichtgefühl".

Im Alltag Russlands aber sind solche Tugenden immer wieder Mangelware. "Business bedeutet nach russischen Vorstellungen Stehlen", erklärt Regisseur Kontschalowski. Oder, wie eine junge Moskauer Mutter freudestrahlend verkündet: "Gestern hat mein Mann den ersten Briefumschlag mit Schmiergeld nach Hause gebracht." Auf dem Korruptionsindex von Transparency International nimmt die Russische Föderation den 131. von 180 Plätzen ein, gemeinsam mit Nepal, Kasachstan und der Ukraine.

Die Mordrate ist sehr viel

höher als in Deutschland

Auch, was das Einhalten der Zehn Gebote angeht, ist Russland nicht wirklich Vorbild: Die Scheidungsrate liegt bei 4,7 auf 1000 Einwohner im Jahr, die deutsche bei 4,8. In Deutschland beträgt die jährliche Mordrate 0,8 Fälle auf 100 000 Einwohner, in der Russischen Föderation sind es 9,2 Morde. Im Weltfriedensindex der ungefährlichsten Staaten nimmt Deutschland – laut russischer Propaganda seit mehr als einem Jahr von barbarischen Migrantenhorden heimgesucht – den 16. Platz unter 163 Staaten ein. Russland liegt an 151. Stelle.

Was man dort nicht ohne Genugtuung zur Kenntnis nimmt. Nach einer Umfrage der Stiftung für Öffentliche Meinung glauben 85 Prozent der Russen, die Welt fürchte sich vor ihrem Land. 75 Prozent halten das für gut.

Das neue russische Kino schwelgt in blutigen Schlachten, wo vaterländische Recken sterbend siegen, wie zu Sowjetzeiten wird Opferbereitschaft für die Heimat als russische Kerntugend gefeiert. Kriegertum ist groß in Mode, Feuerkraft wird mit moralischer Überlegenheit gleichgesetzt. Wer in Moskau das Schankbiergeschäft im Nachbarwohnblock betritt, dem ruft es dort auch mal entgegen: "Bei uns in Tula haben sie ein neues Scharfschützengewehr erfunden. Damit triffst du auf 4500 Meter Entfernung."

Russische Staatsmedien und soziale Netze verspotten Angela Merkel für ihre eigentlich erzchristliche Hilfsbereitschaft gegenüber fremden Flüchtlingen. In den Moskauer Debatten hat sich Gnadenlosigkeit breitgemacht, auch unter Liberalen. "Ich habe kein Mitleid", bloggt der oppositionelle Schriftsteller Arkadi Babtschenko nach dem Absturz einer Tupolew der russischen Armee bei Sotschi zu Weihnachten. Dabei starben auf dem Weg nach Syrien 92 Menschen, darunter 64 Musiker und Tänzer des Alexandrow-Militärensembles sowie neun Kriegsberichterstatter staatlicher Fernsehsender. "Die singen und tanzen auch nach dem Tod für die Staatsmacht oder gießen Scheiße aus den Fernsehbildschirmen. Ich habe nur ein Gefühl – drauf spucken."

Der Publizist Andrei Archangelski beklagt in einem Artikel für das Moskauer Carnegie-Zentrum eine russische Anti-Ethik, deren Devise lautet: "Die ganze Welt ist schlecht, ich bin auch schlecht, und ich bin stolz darauf." Im November verwettete ein Moskauer PR-Manager einen Eimer Flusskrebse auf Donald Trumps Niederlage gegen Hillary Clinton. "Weil im Westen nicht die Wähler, sondern die politische Elite entscheidet, wer gewinnt." Faire Wahlen, ehrliche Politiker oder sauberer Journalismus – die Russen glauben nicht daran.

"Dass Sie verschiedene Ansichtspunkte äußern, dass Sie objektiv sind, ist einfach ein Mythos", verhöhnt Dmitri Kiseljow, TV-Moderator und Chef der staatlichen Nachrichtenagentur "Russland heute", einen BBC-Reporter. "Wenn ich Propaganda mache, dann machen Sie auch Propaganda!" Diesen Sonntag eröffnete Kiseljow dem russischen Fernsehvolk, Angela Merkel wolle Hitlers Traum vom "Drang nach Osten" verwirklichen.

Doch es gibt nicht nur das zynische Russland, es gibt auch das andere, das hilfsbereite. Der Schnee in Moskaus Vorstädten türmt sich meterhoch, ein Großteil der Parkplätze hat sich in zerwühlte Schneehaufen verwandelt. Wer parkt, riskiert, sich festzufahren. Aber nicht für lange. Autos halten, wildfremde Männer eilen herbei, jemand trägt ein Abschleppseil. Auch an Moskauer Supermarktkassen erlebt man Verkäuferinnen, die einem aufgeregt hinterherrufen: "Halt, Sie haben ihr Wechselgeld vergessen."

Die Werte vieler Russen sind erstaunlich liberal

In der U-Bahn stehen auch alte Frauen hastig auf, um ihre Sitzplätze Müttern mit Kindern anzubieten. Verkehrspolizisten, deren Schmiergeldgier in Russland eigentlich sprichwörtlich ist, werfen manchmal nur noch einen kurzen Blick ins Auto: "Danke, ich wollte nur schauen, ob ihre Mädchen wirklich in Kindersitzen sitzen."

In Grundschulklassen, Vertriebsbüros oder Datschensiedlungen gehen Russen nicht schlechter miteinander um als andere Europäer. Anwohner legen im Hinterhof auf eigene Kosten Tartanteppiche für Basketballfelder aus, die sie beim ersten starken Frost mit Wasserschläuchen in Eisbahnen verwandeln.

Im Fernsehen laufen noch immer die alten sowjetischen Kindertrickfilme, deren Helden fleißig, bescheiden, ehrlich und hilfsbereit sind. Omas lesen Aschenputtel, Rotkäppchen, die Märchen von Alexander Puschkin oder Kornei Tschukowski, in denen das Gute das Böse besiegt oder auch Zivilcourage die Feigheit.

"Sehr viele Russen halten sich wirklich an die Traditionen der späten Sowjetunion", sagt die Petersburger Soziologin Ella Panejach. "Aber die sind erstaunlich liberal. Die Familie steht im Mittelpunkt, gleichzeitig erlaubt man sich sexuelle Freizügigkeit. Im Gegensatz zur offiziellen Propaganda fürchtet man Gewalt und Krieg."

Die Werte-Expertin verweist in ihren Vorlesungen auf mehrere Studien, nach denen ein Großteil der Russen überraschend viele säkulare und individualistische Werte westlicher Nationen teilen. "Das Wertesystem Russlands unterscheidet sich keineswegs scharf oder gar katastrophal von dem entwickelter Länder", erklärt Panejach. Möglichst gute Bildung, eine erfolgreiche Karriere, Wohlstand und Familienharmonie gehörten dazu, aber auch der Freundeskreis auf Facebook, Erwachsenenbildung, die Gleichstellung der Frau und Wohltätigkeit sind von wachsender Bedeutung.

Aber die Russen schätzen die eigenen Werte nur gering, so Panejach. Sehr oft verwirklichten sie diese nicht, weil sie selbst im Alltag zu vielen Risiken ausgesetzt seien. "Jederzeit kann etwas passieren, ein Unfall, eine Gaunerei kann dich ins Unglück stürzen, aber auch das Finanzamt oder die Polizei. Es fehlt an Vertrauen, es herrscht Stress, man geht lieber auf Sicherheit." Dazu drücke eine Masse staatlicher Normen und Gesetze, die sich ständig änderten und widersprächen, auf das Bedürfnis, edel, hilfreich und gut zu sein.

Ljoscha, der Computerdesigner, hat übrigens seinem WG-Nachbarn Sergej nie die Freundin ausgespannt. Aber vielleicht wollen Russen ja lieber selbst Angst machen, als Angst zu haben.

Ljoscha hat in seinem Skoda Octavia immer ein Abschleppseil dabei, aber unter dem Fahrersitz liegt auch ein Baseballschläger. "Du weißt ja nie, mit wem du bei uns im Verkehr aneinandergerätst", sagt er.

Autor: Stefan Scholl