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12. August 2011

Korea

Die letzte Mauer trennt Nord- und Südkorea

Schärfer, als es die innerdeutsche Grenze je tat, trennt am 38. Breitengrad eine Sperrlinie den Norden vom Süden der koreanischen Halbinsel.

  1. Die Grenze zwischen Süd (vorne) und Nord (hinten) verläuft mitten durch die Holzhäuser. Foto: FOTOS: DPA/AFP

Wer glaubt, die Berliner Mauer sei einmalig in der Welt gewesen und an Irrwitz nicht zu überbieten, war noch nie in Panmunjom. Der Grenzwall am 38. Breitengrad, der den Norden und den Süden Koreas trennt, ist nicht nur die älteste und kälteste Grenze des Kalten Krieges. Als dessen letztes Relikt verläuft sie noch immer vor allem durch die Köpfe der geteilten Nation.

Atmosphärisch erinnert viel an die Szenerie aus dem berühmte Westernklassiker "Zwölf Uhr mittags" – die Landschaft, die Feindschaft und vor allem die düstere Erwartung drohenden Unheils. Nur liegt Panmunjom eben nicht im Wilden Westen, sondern im Fernen Osten. Der 38. Breitengrad ist seit mehr als 60 Jahren die wohl merkwürdigste Grenze der Welt. Selbst der hartgesottene Bill Clinton hat als US-Präsident vor Ort gestöhnt, die militärische Frontstation Panmunjom sei "der furchterregendste Ort auf Erden".

Der Süden führt gern als Beweis seiner Überlegenheit ins Feld, wenigstens von seiner Seite aus könne in Panmunjom jedermann für sich selbst diesen anachronistischen Wahnsinn in Augenschein nehmen. Das stimmt jedoch nur bedingt. In Wahrheit stoppen die regulären Touristenbusse mehr als sechs Kilometer vor der Linie. Der zu besichtigende Stacheldraht hält höchstens die Besucher ab, den Feind bekommt auf diese Distanz keiner zu Gesicht.

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Hier begann und endete der koreanische Bruderkrieg, wurde das "Waffenstillstandsabkommen des Hasses" geschlossen. Um jedoch an diesen historischen Ort tatsächlich vorzudringen, sollte man besser ausländischer Tourist oder Ehrengast sein. Einheimische müssen sich lange dafür anmelden, jeden Tag sind nur 500 Mauergäste zugelassen.

Wer das kalte Gruseln einer waffenstarrenden Grenze mit mehr als einer Million Soldaten auf nördlicher Seite hautnah erleben darf, darüber befindet offiziell die internationale UN-Friedenstruppe von Panmunjom, die den Koreanern für den Ernstfall als Schutz zur Seite steht. Im Süden dienen Eliteeinheiten der USA sowie eine Handvoll Schweizer und Schweden. Im Norden waren einst auch polnische und tschechische Offiziere stationiert – bis bei ihnen zu Hause der Eiserne Vorhang fiel und sie die koreanische Mauer nicht länger als "antiimperialistischen Schutzwall" verteidigen wollten.

Längst ist dieser Grenztourismus auch ein Geschäft. Für 40 Euro bieten Reisebüros im 50 Kilometer entfernten Seoul Tagesausflüge an. Doch das Ritual des Kalten Krieges fühlt sich trotz allen Kommerzes an wie in schlimmsten Propagandazeiten. Wer kurze Hose, Minirock oder Riemensandalen trägt, wird aussortiert. Angeblich filmen die Nordkoreaner solche Ausländer, um den eigenen Leuten vorzuführen, wie ärmlich doch die Westler leben müssen. Solche Bilder will der Süden nicht liefern.

"Der furchterregendste
Ort auf Erden"

Bill Clinton, ehemaliger US-Präsident
Bevor sich der gepanzerte Bus in Bewegung setzt, belehrt US-Leutnant James Welch noch einmal schnell die Touristentruppe. "Es hat noch nie an der demilitarisierten Zone einen Zwischenfall mit Zivilisten gegeben und das soll so bleiben. Alles klar?" Dann folgt der Einsatzplan. Um die Volksarmisten von Führer Kim Jong Il nicht zu provozieren, darf an bestimmten, besonders sensiblen Punkten nicht fotografiert werden. Schließlich befinden sich beide Koreas auch im sechsten Jahrzehnt nach dem Waffenstillstand weiterhin im Kriegszustand. Laut internationaler Regulation darf im Sperrgebiet auch nicht angehalten werden. Das würde als Angriff gewertet.

So durchquert der gepanzerte Bus im Schleichtempo ein Gebiet, das Potemkin nicht besser hätte vorspiegeln können. Passiert wird das "Freiheitsdorf" Taesong-dong, wo die Seouler Regierung Reisbauern ansiedelte. Als Gegenleistung für die permanente Gefahr, der sie sich aussetzen, sind sie von Steuern befreit. Ob sie überhaupt eine Ernte einfahren, ist zweifelhaft. Vermutlich sollen sie den Fremden und vielleicht sich selbst ein Stück Normalität vorspielen.

Abends um elf muss jeder im Haus sein, werden Türen und Fenster verrammelt, aus Angst vor einer nordkoreanischen Aggression. Immerhin können die Soldaten in Ruhe schlafen, seit beide "Bruderfeinde" den ohrenbetäubenden Lärm abgeschaltet haben, mit dem sie sich jahrzehntelang nachts mit Parolen übertönten.

Hinter dem Niemandsland ist das nordkoreanische Pendant zu erkennen, von den Amerikanern allgemein Propaganda-Dorf genannt, was sich auf ihren Verdacht gründet, dass dort nun überhaupt nichts echt ist. Auch mit einem guten Feldstecher lässt sich nur eine Ansammlung von gelben, blauen und rötlichen Apartmenthäusern ausmachen – nahezu ein Bilderbuchbeispiel für den "sozialen Wohnungsbau", den der Norden unentwegt allen Koreanern im Falle eines kommunistischen Triumphes verspricht. Nachts brennt hier Licht, auf der Leine hängt Wäsche, die sogar ab und an mal gewechselt wird. Selbst Straßenreiniger wurden schon gesichtet, aber insgesamt niemals mehr als ein Dutzend Menschen in einem Moment. Vielleicht ist das Dorf bewohnt, dann aber von Geistern.

Realer, weil besser zu sehen, ist der größte "Flaggenkrieg" der Welt. Südkorea zog 1980 sein Banner auf einem 100 Meter hohen Mast auf. Das wollte der Norden nicht hinnehmen. Nach einem Jahr weht das kommunistische Nationalbanner in 160 Meter Höhe, es ist so groß wie ein Zirkuszelt. Das Militärmagazin Soldiers of Fortune hatte einst eine Million Dollar Belohnung ausgesetzt für jenen Wagemutigen, der das 40 Meter lange Fahnentuch stiehlt und in die westliche Freiheit rettet. Beim vorerst letzten Besuch an der Grenze flatterte es jedoch weiterhin hoch am Mast.

Ein leichter Schauer begleitet den Blick auf die "Brücke ohne Rückkehr". Wer möchte schon darüber, fragt der uniformierte Fremdenführer? Von den Anwesenden keiner. Nach dem Korea-Krieg wurden hier Gefangene ausgetauscht. 82 000 entließen die Amerikaner, 18 000 die mit Nordkorea verbündeten Chinesen. Ortsangaben wie "Brücke der Wiedervereinigung" oder "Freiheitsbrücke" klingen weniger furchterregend, sind dafür aber blanker Hohn. Von diesen hehren Zielen ist Panmunjom fast genauso weit entfernt wie am Ende des Bürgerkrieges 1953.

Damals wurde der blutigste Waffengang, den sich Bürger einer Nation je untereinander geliefert haben, offiziell in sieben Holzbaracken beendet, die so aufgebaut wurden, dass sie jeweils zur Hälfte in den Norden und Süden reichen. In einer steht der berühmte, mit grünem Filz bedeckte Tisch, auf dem der Waffenstillstandsvertrag abgezeichnet wurde, auch er direkt auf der Grenze, halb hüben, halb drüben.

In diesem bizarren Zentrum der Demarkationslinie – beide Koreas sprechen nicht gern von Grenze und schon gar nicht von Mauer – finden regelmäßig "Feindberührungen" statt. Jeden Tag, exakt zwölf Uhr – außer Samstag und Sonntag – ist hier Poststunde. Man tauscht Beschwerdebriefe oder Vorschläge aus, so man hat. Einfach auf den Tisch legen und wieder gehen – gesprochen wird dabei in der Regel nicht. Wird sporadisch verhandelt, dann meist im Monolog. Das Mikrofon auf dem Konferenztisch ist immer offen. Hier kann jede Seite zu jeder Tages- und Nachtzeit ihre Tiraden loswerden, die natürlich auf der anderen Seite mitgehört werden.

Die meisten Besucher wissen dies nicht und geben in dem kleinen Raum ungehemmt Kommentare ab. Zwei bärbeißige amerikanische UNO-Soldaten versperren in der Zwischenzeit die Tür zum Norden. Man kann ja nie wissen. Sie sind Freiwillige für jeweils ein Jahr. An ihre Baracke haben sie trotzig gepinselt: "We stand in the Front of them all." Normale Kommunikation zwischen den Menschen im geteilten Korea gibt es nicht – und das ist das eigentliche Problem dieser Grenze. Weder Rundfunk noch Fernsehen reichen  offiziell hin- oder herüber, kein privater Reiseverkehr, nicht einmal Briefe sind erlaubt – von beiden Seiten. Manchmal veranstaltet das Rote Kreuz sogenannte Familientreffen. Da werden handverlesene Menschen zusammengeführt, die sich zwar kaum erkennen können, vor Kameras aber herzzerreißend weinen dürfen. Nach zwei Stunden trennt man sich – es herrscht wieder "Normalzustand". 

Koreas Mauer verläuft eben immer noch nicht nur durch eine apokalyptische Landschaft, sondern mindestens ebenso betoniert durch die Köpfe. Den ideologischen Wert dieser "kältesten Grenze der Welt" hatte der Norden übrigens eher begriffen als der Süden. Staatsgründer Kim Il Sung brachte geschickt den zeitgemäßen Begriff "Mauer" ins Spiel und verglich dies mit der Lage im damals noch geteilten Deutschland. Gewissermaßen im Sturmangriff ging der "größte und weiseste aller Führer" das politische Hindernis an und forderte "freies Reisen und die vollständige Öffnung zwischen dem Süden und dem Norden, beginnend zu allererst mit dem Abbau des Betonwalls, der südlich der militärischen Demarkationslinie errichtet wurde".

Von der Welt ernst genommen wird die "Koreanische Mauer" wohl erst richtig, seit Edward Schewardnadse, damals noch sowjetischer Außenminister, dieses Monstrum ins politische Vokabular einführte. "Jahrelang wurde ständig über die Berliner Mauer gesprochen, nun möchte ich Sie dazu aufrufen, Ihre Stimme gegen die Koreanische Mauer zu erheben." Es wäre "eine enorme Entwicklung, wenn wir diesen Wall auch bald niederreißen könnten". Das war vor mehr als 20 Jahren, und der Appell gilt eigentlich noch immer.

Erklär's mir: Warum mauern Staaten sich ein?

Bis vor 22 Jahren war Deutschland durch eine Mauer geteilt. Weil immer mehr Menschen aus dem Osten in den Westen flohen und ihr Land immer leerer wurde, hatte die ostdeutsche Regierung einen riesigen Zaun gebaut und steckte jeden ins Gefängnis, der versuchte drüberzuklettern. Auch die Nordkoreaner wollen ihrer Bevölkerung den Weg nach Südkorea verbauen. In Amerika ist es genau anders herum: Dort fliehen immer mehr Menschen aus Mexiko vor der Armut in die USA, mehr, als die Amerikaner haben wollen, deshalb steht nun auch dort ein Zaun an der Grenze. Eines aber haben alle Mauern um Länder gemeinsam: Sie sollen verhindern, dass Leute dahin gehen, wohin sie gehen wollen.  

Autor: mich

Autor: Angela Köhler