Fortschritte, aber keine Entwarnung

Joachim Heinz  und AFP

Von Joachim Heinz (KNA) und AFP

Fr, 12. Oktober 2018

Ausland

Sambia, Madagaskar, Jemen, Tschad und die Zentralafrikanische Republik sind die Schlusslichter beim aktuellen Welthunger-Index.

Oft sind es schlechte Nachrichten, die für Schlagzeilen sorgen – zumal, wenn es um Armut und Menschenrechte geht. Der am Donnerstag vorgestellte Welthunger-Index wartet dagegen zunächst einmal mit einer positiven Botschaft auf. Der Kampf gegen Hunger macht Fortschritte. Der globale Indexwert, der die Verbreitung von Unterernährung erfasst, fiel im Vergleich zum Jahr 2000 um 28 Prozent; im Vorjahr waren es 27 Prozent. Ebenfalls seit dem Jahr 2000 halbierte sich die Kindersterblichkeit. In vielen Teilen der Welt sind die Auswirkungen dieser Trends spürbar; zumindest dort scheint die von der UNO im Rahmen der nachhaltigen Entwicklungsziele definierte Vorgabe, bis 2030 Hunger und extreme Armut in den Griff zu bekommen, näher zu rücken.

Angola, Ruanda, Äthiopien und Myanmar bescheinigt der Bericht eine Verbesserung des Index-Wertes um mehr als 45 Prozent. Auch in Gabun, Ghana, Mauritius, Senegal, Südafrika oder Sri Lanka entspannt sich die Lage. Das "Aber" folgt allerdings auf dem Fuß. Zuletzt stieg die Zahl der Hungernden wieder an – auf 821 Millionen Menschen. Wie im vergangenen Jahr auch blieb die Lage in 51 Ländern "ernst" oder "sehr ernst". In einem weiteren Fall, der Zentralafrikanischen Republik, wurde sie, ebenfalls analog zum Vorjahr, als "gravierend" eingestuft. In 16 Ländern mit einer ernsten Ernährungslage stellt der Index keine Verbesserungen oder sogar Rückschritte fest. Besonders besorgniserregend ist die Lage in Südasien und in Afrika südlich der Sahara. Unter den fünf Schlusslichtern sind wieder mit Ausnahme des vom Krieg gezeichneten Jemen ausschließlich afrikanische Staaten.

Die Experten des International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington stützen ihre Aussagen auf Datenmaterial der UNO. Für den Welthunger-Index, den sie mit der Welthungerhilfe sowie der irischen Organisation Concern Worldwide präsentieren, nehmen sie vier Bereiche ins Visier: Unterernährung, Auszehrung und Wachstumsverzögerungen bei Kindern sowie Kindersterblichkeit jeweils gemessen am Anteil an der Gesamtbevölkerung beziehungsweise der Mädchen und Jungen unter fünf Jahren.

Auf einer 100-Punkte-Skala ist 0 ("kein Hunger") der beste, 100 der schlechteste Wert. Das Ranking umfasst 119 Staaten. Einige einkommensstarke Länder wie Deutschland blieben außen vor, ebenso mehrere Länder, zu denen kein ausreichendes Zahlenmaterial zur Verfügung stand, wie Kongo, Burundi, Südsudan oder Syrien – die aber ebenfalls von teils massiver "Ernährungsunsicherheit" betroffen sind, wie es in der Studie heißt.

Der Bericht zeige, dass Hunger Ursache und Folge von Flucht und Vertreibung sei, so die Präsidentin der Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann. In Ländern mit bewaffneten Konflikten trete der Hunger doppelt so häufig auf wie im Rest der Welt.

Immer mehr Flüchtlinge sind unterernährt

Besondere Sorge macht ihr die Zahl der Flüchtlinge, die mit 68 Millionen Menschen ein neues Rekordhoch erreicht hat. Diese seien überdurchschnittlich oft von Hunger betroffen. Zugleich lebe die große Mehrheit von ihnen im Heimatland selbst oder in Nachbarländern. Diese Staaten bräuchten dringend mehr internationale Unterstützung, mahnte Dieckmann.

Doch genau an dieser hapert es, wie ein Appell des UN-Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen UNHCR zu Wochenbeginn zeigte. Allein von den in diesem Jahr benötigten 8,2 Milliarden US-Dollar für die Flüchtlingshilfe würden bis Jahresende wohl nur 55 Prozent zur Verfügung stehen, hieß es. Immer mehr Flüchtlinge seien unterernährt, medizinische Einrichtungen in Flüchtlingsregionen unzureichend und überfüllt, Unterkünfte verfallen. Dieckmann betonte zudem: "Humanitäre Hilfe allein reicht nicht aus." So müssten Flüchtlinge auch Zugang zu Beschäftigung und Bildung bekommen.

Die Experten von Welthungerhilfe, IFPRI und Concern Worldwide fordern, die Staatengemeinschaft müsse aufs Tempo drücken. Andernfalls werde es 50 Ländern nicht gelingen, den Hunger bis 2030 abzuschaffen. Der Welthunger-Index legt Lösungsansätze vor und bezieht sich auf eine Studie von Laura Hammond von der SOAS University of London. Diese fordert: Statt Hunger fortwährend als Folge "umweltbedingter und natürlicher Ursachen" zu begreifen, müsse er wie Flucht und Vertreibung "in der Regel als Ergebnis politischer Prozesse" verstanden werden. Entsprechend müssten Maßnahmen zur Friedensstiftung unterstützt werden. Statt wie üblich meist nur mit humanitärer Hilfe zu reagieren, müsse die internationale Gemeinschaft auch langfristige Lösungen bieten, da Vertreibung "meist ein lang anhaltender Zustand" sei. Darüber hinaus sollten von Hunger bedrohte Vertriebene in ihren Herkunftsregionen unterstützt werden – unter anderem durch Stärkung lokaler Märkte.