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04. September 2013 08:34 Uhr

Atomruine

Fukushima: Millionenprogramm soll Lecks stopfen

Mehr als zwei Jahre nach der Atomkatastrophe ist die Lage in Fukushima noch immer nicht unter Kontrolle. Eine Flut verseuchten Wassers bedroht das Meer. Jetzt fließen 360 Millionen Euro an Nothilfe.

  1. Japans Industrie-Minister Toshimitsu Motegi (links) bei einem Besuch im Akw Fukushima. Foto: AFP

Der Premier wirkte verzweifelt. Mit dunklen Augenringen wandte sich Shinzo Abe an sein Kabinett. Mit bebender Stimme bat er um Zustimmung für einen umgerechnet 360 Millionen Euro großen Notfonds zur Bekämpfung der drastisch gestiegenen Strahlenbelastung an der Nuklearruine Fukushima. "Die Welt schaut auf uns, um zu sehen, ob wir die Stilllegung des Katastrophenreaktors in den Griff bekommen, einschließlich der Probleme mit dem verseuchten Wasser."

Schnellstmöglich soll die Flut der verseuchten Kühlflüssigkeit eingedämmt werden, die aus undichten Stellen in Massen das Grundwasser kontaminiert und teilweise auch ins Meer abfließt. Gedacht ist an einen unterirdischen Schutzwall aus gefrorenem Erdreich rings um die Reaktoren eins bis vier. Dabei werden Rohre mit Kühlflüssigkeit senkrecht ins Erdreich gerammt. Diese Technologie stammt aus dem Tunnelbau, wurde aber noch niemals zuvor in einem solchen Großprojekt mit einer Länge von 1,4 Kilometern erprobt.

Nach allen Regeln gepfuscht

Bisher wurde nach allen Regeln gepfuscht. Der Betreiber Tepco musste gegenüber der Regierung zuletzt eine Art Offenbarungseid leisten: Man habe weder die technischen Mittel noch das Geld für eine Notsicherung der Atomruine. Der Hersteller der defekten Tanks gestand ein, dass er wegen des enormen Zeitdrucks die Behälter aus Stahlplatten zusammengeschraubt hat, die auf Dauer gar nicht dichthalten können. Die Folge: Kürzlich sind 300 Tonnen radioaktiv belastetes Wasser ausgelaufen. Zudem fließen täglich rund 400 Tonnen Grundwasser auf das Akw-Gelände und vermischen sich mit der Atombrühe.

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Tief unter den havarierten Meilern hat sich verseuchtes Wasser aufgestaut, das sich langsam, aber stetig Richtung Pazifik bewegt – laut Atombehörde mit einer Geschwindigkeit von etwa vier Metern pro Monat. In Kürze wird es den Ozean erreichen, wenn das nicht schon passiert ist. Mindestens fünf Lecks in den Tanks haben die Experten schon aufgespürt. Sie gehen davon aus, dass dieser unterirdische See weit größer ist als die in den Auffangbecken gesammelte Menge. Und vermutlich radioaktiv stärker belastet, jedenfalls bevor das Wasser sich durch Meerwasser verdünnt. Es sei ein Rennen gegen die Zeit, warnt Atsunao Marui, Wissenschaftler vom Nationalen Institut  für Moderne Industriewissenschaft und Technologie. Er befasst sich im Auftrag der Regierung mit der Unterwasserproblematik in Fukushima.

Verseuchtes Wasser muss wohl ins Meer gepumpt werden

Anders als früher behauptet, schließt der Chef der Atomaufsicht NRA, Shunichi Tanaka, angesichts der gewaltigen Wassermassen ein gezieltes Abpumpen ins Meer nicht mehr aus. Das Wasser müsste aber vorher so gereinigt werden, dass die radioaktive Belastung unter die internationalen Grenzwerte sinkt. "Ich fürchte, dass es unvermeidbar wird, das Wasser ins Meer abzuladen", gestand der Behördenchef ein. Nach seiner Einschätzung ist die Lage weiter instabil.

Für die Menschen vor Ort wird die Lage derweil immer verzweifelter. "Niemand weiß, wo das enden wird", sagt Fischer Masakazu Yabuki aus dem südlich von Fukushima gelegenen Hafen Iwaki. Nach zuletzt ermutigenden Tests hatten er und seine Kollegen gehofft, bald wieder mit ersten Probefängen starten zu können. Dieser Optimismus hat sich nun zerschlagen. Von Anfang an hatten die Fischer gefürchtet, dass radioaktiv verseuchtes Wasser in ihre Fanggründe fließt, aber der Atombetreiber Tepco hatte stets abgewiegelt. "Diesem Management kann man längst nicht mehr vertrauen", schimpft Yabuki.

Besonders scharfe Kritik gibt es aus der Provinz Niigata. Dort betreibt Tepco den Kashiwazaki-Komplex mit sieben Reaktoren. Der Plan, zwei davon wieder ans Netz zu schließen, stieß bereits vor den neuen Problemen in Fukushima auf Ablehnung. "Es ist absolut unangebracht, über den Neustart von Reaktoren zu diskutieren, solange die Untersuchungen über den Fall Fukushima nicht abgeschlossen sind", warnte Gouverneur  Hirohiko Izumida. Sein Appell an Regierungschef Abe: "Wenn ihr die Lage in Fukushima nicht unter Kontrolle bekommt, werden wir uns mit massivem Widerstand wehren."
Die Katastrophe in Zahlen

Ein verheerendes Erdbeben und eine gewaltige Flutwelle führten am 11. März 2011 in Japan zum Atomunfall von Fukushima. Die drittgrößte Industriemacht erlebte damit eine Dreifachkatastrophe:
Das Erdbeben mit der Stärke 9,0 war das bisher schwerste gemessene in der Geschichte Japans. Es löste auch den Tsunami aus. Mehr als 260 Küstenstädte wurden zum großen Teil zerstört.
Die Naturkatastrophe forderte rund 15.800 Tote und mehr als 3700 Vermisste.
Die zivilen Schäden der Dreifach-Katastrophe belaufen sich insgesamt auf etwa 160 Milliarden Euro.
Der Reaktor Fukushima hat ein Gebiet verseucht, das auf Jahrzehnte oder noch länger unbewohnbar bleibt. Mehr als 100.000 Menschen mussten zeitweise ihre Heimat verlassen; Tausende leben weiter in Notunterkünften.
Radioaktiv verseuchtes Wasser, über 10.000 Tonnen, flossen in den Ozean. Es geriet 168-mal so viel Cäsium 137 in die Umwelt wie bei der Explosion der Hiroshima-Bombe. Nach Angaben des Fukushima-Betreibers Tepco wird die vollständige Sicherung des Kraftwerks bis zu 40 Jahren dauern.
Tausende Helfer arbeiten immer noch täglich daran, die Reaktoren unter Kontrolle zu halten.
Alle zwei Millionen Bewohner der Katastrophenprovinz Fukushima werden langfristig Gesundheitschecks unterzogen.
Japans Regierung will nun zur Bewältigung der noch immer ungelösten Probleme umgerechnet 360 Millionen Euro bereitstellen.

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Autor: Angela Köhler