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21. Juni 2012 00:02 Uhr

Menschenrechte

Gekidnappt, verkrüppelt, vermietet: Thailand und die Kinder vom Bettlerstrich

Organisierte Banden haben ein furchtbares Geschäftsmodell erfunden. Sie entführen Kleinkinder aus Kambodscha und schicken sie in Thailand zum Betteln. Die Armut zwingt die Eltern zum Mitmachen.

  1. Haben oft am Leben schwer zu tragen: Kind aus Kambodscha Foto: dpa

Selbst der hartgesottene Polizeigeneralmajor Chawalit Sawangpuech stockt hin und wieder, als er die Geschichte von Rom San und seiner Lebensgefährtin Pad Sarn erzählt: Die beiden Kambodschaner waren Ende Mai von Chawalits Spezialeinheit zur Bekämpfung des Menschenhandels im thailändischen Bangkok verhaftet worden; sie hatten den Sohn von Rom Sangs Ex-Frau entführt und gezielt zum Bettler abgerichtet.

Zwei Jahre lang hatte die Mutter mit Hilfe von Polizei und Menschenrechtsorganisationen verzweifelt nach dem kleinen Nung gesucht. Schließlich entdeckte Chawalits Einheit den inzwischen Fünfjährigen vor der Ramkamhang Universität in Bangkok. Er saß dort, abgerissen, ärmlich gekleidet, die Haare lang gewachsen und blond gefärbt – und bettelte. Das Paar gab nach seiner Verhaftung zu, dass es das Kind entführt habe. Jeden Abend habe er bis spät in die Nacht mit seinen dürren Ärmchen den Passanten auf den Straßen von Bangkok bittend seine Plastikschale entgegenhalten müssen. Mehrmals seien sie verhaftet und nach Kambodscha ausgewiesen worden. Doch auf Schleichwegen seien sie immer wieder nach Bangkok zurückgekehrt. Von den Einkünften des Jungen hätten sie gut leben können.

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Seit Wochen berichten Polizei und Thailands Zeitungen fast regelmäßig von Bettlerbanden, die aus Kambodscha eingeschleust werden. Ob Pattaya, Phuket, Bangkok, immer sind es größere Gruppen von Bettlern, die die Polizei in Touristenhochburgen aufgreift und nach Kambodscha zurückschickt. Und immer sind Kinder dabei.

Polizeimajor Itthiphol Kunplome berichtete im April nach der Festnahme von 56 Kambodschanern in Pattaya, 25 von ihnen seien noch Kinder gewesen. "Die Kinder wurden von den Frauen in der Gruppe gezielt eingesetzt, um das Mitleid potenzieller Spender zu wecken. Die Kleinen waren zwischen einem Monat und einem Jahr alt", sagt der Major. Die Polizei ist fest überzeugt, dass hinter dem Bettlergeschäft ein Ring von Menschenhändlern steckt, dem sie allerdings noch nicht auf die Spur gekommen ist.

Auch Ven war eins dieser Kinder. Der heute 15-Jährige, der von der Organisation "Women on the Road" gerettet worden ist, erzählt: "Ich bin bei uns im Dorf im Fluss geschwommen. Da kam ein Mann, zerrte mich in ein Taxi und brachte mich nach Bangkok." Dort begann der Leidensweg des damals Zehnjährigen: "Als wir ankamen, schlug er mich und sagte, wenn ich essen wolle, müsse ich betteln. Er zeigte mir, wie ich am besten das Mitleid der Leute erregen konnte. Wenn ich weglief, fing er mich wieder ein und schlug mich umso härter. Ich hatte immer Hunger."

Kambodscha ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die Mehrheit der Menschen muss dort mit weniger als einem Euro am Tag ihr Leben fristen. Deshalb verkaufen oder "vermieten" immer mehr Eltern ihre Kinder an so genannte "Broker", die das Bettlergeschäft beherrschen.

Die kambodschanische Tageszeitung Phnom Penh Post hat Ende Mai einen aufrüttelnden Artikel über den Kinderhandel an der Grenze zu Thailand veröffentlicht. Brennpunkt ist nach den Recherchen der Zeitung der Grenzübergang Poipet. "Viele Eltern bringen ihre Kinder zu den Brokern. Die geben ihnen eine Injektion und brechen ihnen dann die Beine. Krüppelkinder bringen mehr Geld ein," berichtete der Dorfbewohner Mean Veasna der Zeitung.

Dominica Garcia vom Hilfswerk "International Organization for Migration" (IOM) bestätigt, dass die Menschenhändler den Kindern zur "Gewinnmaximierung" gezielt Arme und Beine verstümmeln. Die Broker bringen die Kinder dann illegal nach Thailand. In einem IOM-Bericht heißt es: "Die Grenze zwischen Kambodscha und Thailand ist sehr durchlässig und die Kinder kommen auf verschiedenen Wegen nach Thailand: Einige freiwillig, andere werden von ihren verzweifelten oder gierigen Eltern geschickt. Wieder andere haben keine Wahl: Sie werden gekidnappt, verkauft oder vermietet."

Die "Mirror Act Group", die sich um diese Kinder kümmert, hat in einer Untersuchung 2005 ermittelt, dass ein Kind mit Betteln am Tag zwischen 500 und 3000 Baht (12,50 bis 75 Euro) einnimmt, mehr als der Mindestlohn in Thailand und das Zehnfache dessen, mit dem die Ärmsten der Armen in Kambodscha auskommen müssen. Die Broker zahlen den Eltern "Monatsrenten" zwischen 3000 und 7000 Baht. Wenn die Kinder älter als fünf Jahre werden, verlieren sie für die Broker allerdings ihre Attraktivität.

Für ältere Kinder beginnt dann oft der Weg in die Prostitution, sagt Dominica Garcia. Die kambodschanische Prinzessin Soma Norodom klagt, Kindesmissbrauch sei "ein Schandfleck für unsere Gesellschaft". Aber noch blüht das Geschäft mit denjenigen, die sich am wenigsten wehren können.

Autor: Karl-Ludwig Günsche