Atomenergie in Frankreich

Kernenergie-Experte Mycle Schneider: "Der Widerstand ist enorm"

Michael Neubauer

Von Michael Neubauer

Sa, 24. November 2012

Ausland

BZ-INTERVIEW mit dem Kernenergie-Experten Mycle Schneider über das Aus für Fessenheim, den Aufstand der Atomlobby und Frankreichs Energiepolitik.

r ist nicht erst seit dem Super-GAU von Fukushima ein gefragter Mann: Mycle Schneider ist Politikberater bei Energiefragen. Der Deutsche lebt seit 30 Jahren in Frankreich. Michael Neubauer sprach mit ihm über die Abschaltung von Fessenheim, die Liebe der Franzosen zum Atom und die Bedeutung der Kernenergie.

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BZ: Herr Schneider, wie würden Sie das Verhältnis der Franzosen zur Atomenergie beschreiben – vor und nach Fukushima?
Mycle Schneider: Die französische Bevölkerung ist nie atomfanatisch gewesen. Viele Deutsche glauben das, aber das gehört zu den Mythen der Atomkraft in Frankreich. Die öffentliche Meinung war schon vor Fukushima gespalten: In Umfragen sprachen sich etwa 44 Prozent der Franzosen für die Atomkraft aus, 40 Prozent dagegen. Nach Fukushima waren bis zu 77 Prozent der Befragten für einen Ausstieg. Was es aber lange Zeit gegeben hat, war ein Konsens, also ein Ja zur Atomkraft innerhalb der großen politischen Parteien. Genau das hat sich nach Fukushima verändert.

BZ: Sie meinen vor allem die Sozialisten, die Partei von Präsident François Hollande?
Schneider: Richtig. Die Parti Socialiste ist heute beim Thema Atom tief gespalten. Die ehemalige Chefin Martine Aubry und der neue Vorsitzende, Harlem Désir, haben sich eindeutig für einen Ausstieg aus der Atomkraft ausgesprochen. Sie gehen also viel weiter als Staatschef Hollande, der eine Verringerung des Anteils der Atomenergie an der Stromerzeugung von derzeit etwa drei Viertel auf die Hälfte anstrebt. Dass sich so einflussreiche politische Führungsfiguren für den Ausstieg aussprechen, ist neu.

BZ: Es gibt 58 Reaktoren und Dutzende andere Atomanlagen im Land. Man schätzt die Kraftwerksbetreiber als Arbeitgeber.
Schneider: Die Atomindustrie spielt in Frankreich einfach eine andere Rolle, auch wenn die wirtschaftliche Bedeutung – weniger als ein Prozent des Bruttosozialprodukts – oft überschätzt wird. Man darf nicht vergessen, dass Frankreich auch ein militärisches Atomprogramm betreibt und das zivile aus dem militärischen entstanden ist. Das ist ein großer Unterschied zu Deutschland. Aber es gibt auf deutscher Seite viele falsche Vorstellungen.

BZ: Wo irren wir uns denn?
Schneider: Man schätzt zum Beispiel die Anti-AKW-Bewegung in Frankreich oft falsch ein. Sie hat eine längere Geschichte, als viele Deutsche denken. Sie ist älter als die in Deutschland, denn sie schwappte von Fessenheim nach Südbaden herüber. Entscheidend für die Anti-Atomkraftbewegung war der Sommer 1977, als 50 000 Menschen auf der Baustelle des schnellen Brüters Superphénix in Creys-Malville protestierten. Die Polizei ist damals mit Granaten gegen die Demonstranten vorgegangen, es gab einen Toten, ein Demonstrant verlor seine Hand, ein anderer einen Fuß. Das war damals ein traumatisches Erlebnis für die Umweltbewegung. Offensichtlich war der Staat bereit, über Leichen zu gehen, um sein Atomprogramm durchzusetzen.

BZ: Hollande kündigte nun an, dass das älteste französische Kernkraftwerk Fessenheim 2016 abgeschaltet wird. War das nur ein Zugeständnis an die Grünen, die mit in der Regierung sind? Oder ist es eine wirkliche Kursänderung?
Schneider: Das ist eine sehr bedeutsame Entscheidung. Das erste Mal seit 15 Jahren, also seit der rot-grünen Regierung von Lionel Jospin, die den umstrittenen schnellen Brüter Superphénix abstellte, kommt es wieder zu einer politischen Entscheidung, ein AKW abzuschalten. Mit dem Datum 2016 macht Hollande klar, dass es in dieser, seiner Legislaturperiode sein soll und nicht erst in der nächsten. Diese Entscheidung bedeutet noch etwas anderes: Sie macht die Ankündigung von Hollande glaubwürdig, dass er die Weichen stellen will, den Anteil der Atomkraft an der Stromerzeugung bis 2025 auf die Hälfte zu senken.

BZ: Hollande kann nicht bis 2025 Präsident bleiben.
Schneider: Es ist ein erster Schritt in Richtung weg von der Atomkraft. Die Fessenheim-Entscheidung ist auch deshalb wegweisend, weil nun eine gesellschaftliche Debatte in Gang kommt und Szenarien konkret durchgespielt werden. Ich war erstaunt, als vor kurzem die staatliche Energieagentur Ademe erste Szenarien vorgelegt hat. Sie zeigen, die Atomkraftwerksleistung bis 2030 bis auf die Hälfte verringert werden kann. Das würde bedeuten, dass in Frankreich bis dahin 34 Reaktoren abgeschaltet werden.

BZ: Aber nicht alle glauben, dass das Aus von Fessenheim besiegelt ist. Der ehemalige Chef der Atomsicherheitsbehörde Autorité de Sûreté Nucléaire sagte dieser Tage, die Schließung sei nicht unumkehrbar. Die Bürokratie für die Schließung erfordere lange gesetzliche Fristen bis 2017. Und wenn in fünf Jahren ein neuer, bürgerlicher Präsident an die Macht kommt, könnte Fessenheim vielleicht doch am Netz bleiben.
Schneider: In der Tat sind die Widerstände enorm. Man wird versuchen, auf Zeit zu spielen. Es gibt eine von allen großen Gewerkschaften unterschriebene Erklärung, die das Aus von Fessenheim explizit verurteilt und ankündigt, dass man sich dagegen zur Wehr setzen will. Es gibt auch eine Initiative der Chefs aller anderen französischen AKW, die ihre Solidarität mit den Beschäftigten von Fessenheim aussprechen. Dennoch: Ich halte die Entscheidung politisch nicht für umkehrbar. Die Regierung Hollande würde ihre Glaubwürdigkeit verlieren.

BZ: Hollande versucht zu beruhigen mit dem Hinweis, dass der Rückbau des AKW wieder viele Arbeitsplätze schafft. Er will aus Fessenheim eine Art Vorzeige-Rückbau-Stelle machen und das Know-how anderen Ländern anbieten.
Schneider: Einen kompletten Rückbau eines so großen AKW gab es bisher in Europa nicht. Er wird Jahrzehnte dauern. Zwar gibt es in Frankreich zahlreiche AKW-Rückbauten. Aber keiner ist vergleichbar mit den beiden 900-Megawatt-Druckwasserreaktoren in Fessenheim. Es wird weniger und andere Arbeitsplätze geben als derzeit.

BZ: Welche Gefahren gehen aus von einem AKW-Abbau für eine Region?
Schneider: Jede Manipulation von radioaktiven Stoffen birgt natürlich Risiken. Aber diese sind in ihrer Größenordnung nicht zu vergleichen mit den Risiken, die durch den Betrieb eines AKW entstehen.

BZ: Die Franzosen sorgen sich ja derzeit um ganz andere Themen als um die Energiepolitik – nämlich um die hohe Arbeitslosigkeit und Verschuldung. Wohin steuert das Land in Sachen Energie?
Schneider: Frankreich befindet sich in einer Art Schwebesituation. Es war bereits eine unglaubliche Dynamik entstanden, was die erneuerbaren Energien betrifft – vor allem im Solarbereich. Wenn die SarkozyRegierung diese nicht mit der Axt behandelt hätte, hätte man bereits 2012 das Ausbauziel für Solarenergie erreicht, was erst für das Jahr 2020 vorgesehen war.

BZ: Was hat die Vorgängerregierung gemacht?
Schneider: Die Regierung Sarkozy hat die Entscheidung über zukünftige Einspeisetarife und andere Formen von Subventionen eingefroren. Das traf Hunderte von Unternehmen, die etwa Solaranlagen montieren wollten. Diese junge Erneuerbare-Energie-Industrie wurde gestoppt. Das hat Blessuren hinterlassen.

BZ: Kommt das nun wieder in Gang?
Schneider: Das wird von der Energiedebatte abhängen, die in den kommenden Monaten stattfinden soll. Doch im Moment sieht das leider gar nicht gut aus. Die Art und Weise, wie die sozialistische Regierung die Auswahl des Koordinierungskomitees für die Energiedebatte angeht, ist ein Desaster.

BZ: Sie meinen das Gremium von fünf Weisen, das diese Debatte anstoßen sollte?
Schneider: Für Aufregung sorgte, dass weder ein Fachmann für erneuerbare Energien noch jemand für das Thema Energieeffizienz vertreten ist – stattdessen zwei fanatische Atomkraftanhänger: der frühere Chef des Atomenergie-Kommissariats und die frühere Chefin des Atomkonzerns Areva. Diese Zusammenstellung des Komitees ist eine Provokation für alle Umwelt- und Klimaschutzverbände. Greenpeace stieg aus, weil man kein Vertrauen in den wirklichen Willen der Regierung zur Energiewende habe, hieß es. Das ist ein schlechtes Zeichen.

BZ: Wie steht es um die Entwicklung der erneuerbaren Energien in Frankreich?
Schneider: Es gibt in der Bevölkerung zwar eine hohe Akzeptanz. Aber es gibt bei den Großunternehmen eine ganz klare Präferenz für zentralisierte erneuerbare Energien. Das war gesetzlich so angelegt. Beispiel Windkraft: Einzelne Windturbinen wurden zunächst gar nicht genehmigt, sondern es mussten mindestens fünf aufgestellt werden. Später hat man 3000-Megawatt-Offshore-Windparks ausgeschrieben. All das sind Zugeständnisse an die zentralistische Energiepolitik und an die Großkonzerne. Das gibt es zwar auch in Deutschland. Aber in Frankreich ist dieser Zentralismus viel heftiger, weil parallel dazu die Dynamik für den Aufbau dezentraler Versorgung vor allem bei Solaranlagen ausgebremst wurde. Immerhin: Die sozialistische Hollande-Regierung hat die Fünf-Turbinen-Regelung bereits abgeschafft.

BZ: In Ihrem World Nuclear Industry Status Report schreiben Sie, dass die Atomenergie weltweit an Bedeutung verliert. In dem jüngsten Energiebericht der Weltenergieagentur steht aber, dass der Weltenergiebedarf bis 2035 um gut ein Drittel ansteigen wird. Ist Ihr Urteil nicht etwas zu früh?
Schneider: Nein. Die Atomindustrie befindet sich im Niedergang. Eine Renaissance hat es nie gegeben. Fukushima hat keine blühende Industrie getroffen, wie manche behaupten. Die Atomindustrie steckte bereits in einer tiefen Krise. Der höchste Anteil der Atomenergie an der weltweiten Stromerzeugung war 1993 erreicht, seitdem geht es bergab: Damals waren es 17 Prozent, 2011 noch elf Prozent – Tendenz fallend. Die Zahl der Reaktorblöcke ist genauso rückläufig.

BZ: Was bedeutet das für Frankreich, das Kernenergieland Nummer eins ist?
Schneider: Die internationale Situation hat für die Atomunternehmen einschneidende Auswirkungen. Die Ratingagenturen geben Areva heute sehr schlechte Noten. Der größte Atomkonzern der Welt hat zwischen dem Höchststand 2007 und dem niedrigsten Stand 2012 ganze 88 Prozent seines Aktienwerts verloren. EdF hat fast 40 Milliarden Euro Schulden und bis zu 82 Prozent seines Aktienwerts eingebüßt.

BZ: In Deutschland sorgen sich die Menschen um die Strompreise, die Franzosen beobachten das. Wie sehr ist Deutschland Vorbild bei der Energiewende?
Schneider: Viele Länder schauen auf Deutschland, nicht nur die Franzosen. Sie fragen sich: Wird die Wende funktionieren? Die Auswirkungen eines Gelingens oder Scheiterns werden international erheblich sein. In Frankreich ist der Strompreis ein altes Argument. Wir haben hier in der Tat einen der billigsten Stromtarife in Europa. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass die Leute niedrige Stromrechnungen haben. Fast ein Drittel der französischen Haushalte heizt mit Strom – das führt zu hohen Kosten für die Menschen. In dem reichen Land Frankreich können heute vier Millionen Haushalte ihre Energierechnungen nicht mehr bezahlen.