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06. Juni 2012 00:05 Uhr

Unterstützung

Kitaplätze und die Familienpolitik in Europa

Seit Monaten gibt es in Deutschland Streit um das Betreuungsgeld, das jetzt im Kabinett verabschiedet wird. Zudem fehlen viele Kitaplätze. Wie sieht die Situation in anderen Ländern aus?

  1. Von Menua bis Angelo – ein Kitaplatz kann die Integration fördern. Foto: dpa

Der Unterstützung von Familien wird in den europäischen Ländern ganz unterschiedliche Bedeutung beigemessen. Während Frankreich und Schweden viel Geld für den Nachwuchs und deren Familien ausgeben, werden in Italien immer mehr Betreuungsangebote eingedampft.

Frankreich

Laut einer Ende Mai erschienenen Studie des Kinderhilfswerks Unicef unterstützt kein Land der Erde Eltern so großzügig wie Frankreich. Der Großteil der Fördermittel kommt der Kinderbetreuung zugute. Anderweit mag als Rabenmutter in Verruf geraten, wer seine Zöglinge in zartem Alter Fremden anvertraut. In Frankreich gilt dies als normal. Ob in der Krippe oder der École maternelle, der französischen Variante des Kindergartens: Ganztagsbetreuung ist die Regel.

Die Vielfalt der Angebote ist beeindruckend. Eine halbe Million vom Staat mitfinanzierte Tagesmütter bieten ihre Dienste an. Es gibt stundenweise buchbare Krippen. Landesweit stehen für 30 Prozent der Kleinkinder Krippenplätze zur Verfügung. So gut Frankreich im EU-Vergleich damit abschneidet, es sind zu wenig. Aktuell fehlen mehr als 300 000 Krippenplätze. Kindergartenplätze gibt es hingegen genug.

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Die Preise der Betreuungseinrichtungen richten sich in der Regel nach dem Einkommen der Eltern. Wer eine Tagesmutter beschäftigt, erhält einen Zuschuss von monatlich bis zu 452 Euro. Auch übernimmt der Staat die Hälfte der Sozialabgaben. Betriebskrippen sind dagegen rar. Nur rund zwei Prozent der französischen Unternehmen bieten diese an.

Mutter oder Vater können bis zu drei Jahre Erziehungsurlaub nehmen und monatlich bis zu 566 Euro Erziehungsgeld erhalten. Die Eltern können sich so bei der Erziehung ablösen. Kindergeld gibt es ebenfalls, wenn auch nicht so viel wie in Deutschland: Für zwei Kinder gibt es zusammen monatlich 127 Euro, für drei Kinder 290 Euro. Großzügiger zeigt sich der Fiskus. Wer drei Kinder hat, zahlt bei durchschnittlichem Einkommen kaum noch Steuern. Betreuungsgeld gibt es keines. Es auszuschütten, wäre widersinnig, zielt Frankreichs Familienpolitik doch darauf ab, Eltern den Verbleib im Beruf zu ermöglichen.

Polen

Es war eine Revolution im Miniformat. Zu Beginn dieses Jahres verdoppelte die polnische Regierung auf einen Schlag den Anspruch auf Vaterschaftsurlaub – von einer auf zwei Wochen! In dem katholisch geprägten Land gelten noch immer fast ausschließlich die Mütter als natürliche Bezugspersonen für unter Dreijährige. Männer mit Kinderwagen sind im Straßenbild eine absolute Ausnahme.

Die finanzielle Absicherung junger Familien ist nicht schlecht, bedenkt man den Kollaps der kommunistischen Rundumversorgung nach der politischen Wende von 1989. Während eines 20-monatigen Mutterschaftsurlaubs zahlt die Sozialversicherung 100 Prozent des letzten Lohns. Anschließend besteht ein Rechtsanspruch auf unentgeltliche, maximal dreijährige Elternzeit. Für Kleinkinder gibt es Krippen (Zlobki), die staatlichen sind kostenlos. Außerdem gibt es eine Art Tagesmuttersystem. Die Betreuung im Kindergarten, der in Polen Przedszkole (Vorschule) heißt und den Kinder ab zweieinhalb Jahren besuchen können, ist fünf Stunden pro Tag kostenfrei. Da allerdings viele berufstätige Eltern ihren Nachwuchs ganztags unterbringen müssen, fallen dennoch Gebühren an.

Ein Betreuungsgeld gibt es in Polen nicht. Die Diskussionen über die Lebensentwürfe von Eltern werden trotz mancher Rückbesinnung auf den Kommunismus und ungeachtet der Macht der Kirche durch den Kapitalismus dominiert. Wer im boomenden Wirtschaftswunderland Polen Geld verdienen kann, der tut es und fragt nur selten nach idealtypischen Familienmodellen – allerdings mit der Folge, dass sich die Geburtenrate seit den späten 80er Jahren auf 1,3 Kinder halbiert hat.

Schweden

Hohe Berufsfrequenz der Frauen und dennoch relativ viele Kinder: Nur dank dem skandinavischen Modell der Kinderbetreuung ist diese Kombination möglich. Es sichert eine flächendeckende Versorgung mit Kitaplätzen, lange Elternzeit und hohes Elterngeld und gleichzeitig die gesellschaftliche Akzeptanz für berufstätige Mütter, babysittende Väter und den Versuch, Jobstress und Familienleben unter einen Hut zu bringen.

Nach der Geburt haben schwedische Eltern Anspruch auf 480 Tage Elternzeit, 60 pro Partner, der Rest zur Verteilung, bis das Kind schulpflichtig wird. Das Elterngeld beträgt 80 Prozent des Krankengeldes, im Schnitt 55 Euro täglich, in vielen Berufsgruppen sichern die Tarifverträge den Eltern ein volles Einkommen. Die meisten Babys bleiben das erste Lebensjahr zuhause, dann kommen sie in Dagis (Kita) und Förskola (Kindergarten). Es besteht Platzgarantie: Spätestens nach drei Monaten Wartezeit muss die Kommune die Betreuung gesichert haben.

Neben den öffentlichen Institutionen gibt es zahlreiche private Alternativen. Wer keine von diesen in Anspruch nehmen will, kann das Kind selbst hüten und dafür ein Betreuungsgeld kassieren. Es gilt für Ein- bis Dreijährige und beträgt steuerfreie 330 Euro pro Monat.

Das christdemokratische Prestigeprojekt ist heftig umstritten, die rot-grüne Opposition, aber auch liberale Autoren schelten das Betreuungsgeld als Frauenfalle. Studien belegen bereits, dass es vor allem von jenen genutzt wird, die auch sonst dem Arbeitsmarkt fernblieben. Schlecht ausgebildete Frauen in Migrantenfamilien werden fürs Daheimbleiben prämiert – und ihre Kinder können das Integrationspotenzial nicht nützen, das ihnen ein Kita-Alltag gäbe.

Schweiz

Lediglich 14 Wochen haben junge Mütter in der Schweiz Anspruch auf Erziehungsurlaub – Väter nur einen Tag. In dieser Zeit erhalten Frauen 80 Prozent ihres Einkommens vom Staat. Vereinzelt gewähren Arbeitgeber auf freiwilliger Basis einen verlängerten Mutterschaftsurlaub von maximal zwei Wochen. Dieses Mutterschaftsgeld wurde erst im Jahr 2005 eingeführt, eine Elternzeit mit Wahlfreiheit der Geschlechter gibt es nicht.

Diese Pause im Erwerbsleben setzt sich in der Erwerbsbiografie der Frauen fort. Die Schweiz hat zwar mit 60,6 Prozent die höchste Frauenerwerbsquote in Europa (Schweden 60,1 Prozent). Allerdings sind auch 58,6 Prozent dieser Frauen nur in Teilzeit beschäftigt, die Schweiz hat damit die höchste Teilzeitquote (Deutschland: 46 Prozent). Vor allem Mütter von kleinen Kindern sind vielfach mit weniger als einer halben Stelle berufstätig.

Die hohe Erwerbsquote liegt auch an den Betreuungsmöglichkeiten und deren Kosten. Für Kinder ab vier Jahren gilt eine Kindergartenpflicht, der Kindergarten gilt als Vorschule. Für kleinere Kinder gibt es ein Netz an Kindertagesstätten, die Versorgung sei nicht schlecht, sagt Simone Hebeisen von der eigenössischen Koordinationskommission für Familienfragen (EKFF). Mit einem Förderprogramm sollen neue Plätze geschaffen werden. Solche Kitaplätze kosten – einkommensabhängig, je nach Kanton und je nachdem, ob er subventioniert ist oder nicht – nach Angaben der EKFF zwischen 60 und 110 Franken pro Tag. Viele Familien greifen eher auf Tagesmütter zurück. Mit 1,3 Prozent des Bruttosozialproduktes, die das Land für Familienförderung aufwendet, nimmt die Schweiz in Europa einen hinteren Platz ein.

Italien

Betreuungsgeld für Kleinkinder? Italienische Eltern würden davon noch nicht einmal träumen. Denn in ihrer Nation, tief in der Wirtschaftskrise steckend, werden immer mehr Sozialleistungen gestrichen statt erhöht. Es gibt kaum Vergünstigungen für Familien und erst ab der dritten Geburt Kindergeld. Der Mutterschaftsurlaub dauert fünf Monate, es werden 80 Prozent des Gehalts gezahlt. Vätern steht theoretisch Elternzeit zu, doch sie wird wenig genutzt, weil Großeltern meist für die Betreuung der Enkel einspringen.

Dennoch ist Fremdbetreuung nicht schlecht angesehen. Gerade Doppelverdiener der Bildungsschicht schicken ihre Kleinen manchmal schon im Alter von sechs Monaten in das "Asilo nido", die Kinderkrippe. Diese kräftig zu fördern, war vor einigen Jahren sehr in Mode. Krippen und Kindergärten in Betrieben wurden eingerichtet. Auch Tagesmüttermodelle wurden gefördert. Doch jetzt fällt das in der Regel dem Rotstrich zum Opfer. Eine positive Ausnahme ist die Toskana.

Gemessen an dem erwünschten Europa-Standard – eine Krippe für mindestens 33 Prozent der Anwärter – gibt es immer noch viel zu wenige Angebote. Höchstens 23 Prozent der Kleinkinder erhalten in Italien einen Platz in öffentlich geförderten Kitas. Städte wie Rom, Mailand und Florenz sind besser bedient. Ein neues Phänomen: Die Wartelisten werden kürzer. Denn Mütter oder Väter, die krisenbedingt arbeitslos geworden sind, betreuen ihre Kinder wieder allein. 400 bis 500 Euro im Monat kostet die Kita-Betreuung im Schnitt – eine Menge Geld für Italiener, deren Gehälter weitaus niedriger sind als in anderen europäischen Ländern. Sozial Schwache zahlen zwar wesentlich weniger, doch ein Problem bleibt: Die Öffnungszeiten in den Kitas decken sich nur selten mit den Arbeitszeiten der Eltern.

Autor: Axel Veiel, Ulrich Krökel, Hannes Gamillscheg, Franz Schmider, Christa Langen-Peduto