Welthungerindex

Menschen sind wieder von Hunger bedroht

Frauke Wolter

Von Frauke Wolter

Fr, 13. Oktober 2017 um 00:00 Uhr

Ausland

In den ersten 15 Jahres dieses Jahrhunderts ist die Zahl der weltweit Hungernden gesunken. Inzwischen aber deutet sich an, dass der Kampf gegen den Hunger verstärkt werden muss.

Wie viele Menschen hungern?
815 Millionen Menschen oder 13 Prozent der Weltbevölkerung hatten 2016 nicht genug zu essen. Das hat die Welternährungsorganisation FAO bereits im September mitgeteilt. Diese Zahlen haben jetzt die Welthungerhilfe, das International Food Policy Research Institute (IFPRI) und Concern Worldwide mit der Veröffentlichung des Welthungerindex’ von 119 Ländern (WHI; siehe Infobox) untermauert. Das Fazit: Erstmals seit zehn Jahren ist die Zahl der Hungernden wieder gestiegen. Zwischen dem Jahr 2000 und heute war der Index dagegen um 27 Prozent gesunken; die Zahl der Hungernden fiel allein zwischen den Jahren 2003 und 2014 von 947 auf 775 Millionen Menschen.

Was ist Hunger?
Die Hilfsorganisationen sprechen von akutem Hunger, wenn Menschen darben, weil eine Dürre herrscht oder es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung in ihrem Land kommt. Diese Ereignisse betreffen etwa zehn Prozent der Hungernden und sind zeitlich begrenzt. Weitaus mehr Opfer fordert der chronische Hunger. Die Menschen, die darunter leiden, haben neben dem fehlenden Essen auch nur eingeschränkten Zugang zu sauberem Trinkwasser und Gesundheitsvorsorge, so die Welthungerhilfe. Und es gibt noch den sogenannten verborgenen Hunger. Hier erhalten insbesondere die Kinder keine oder zu wenige Vitamine und Mineralstoffe. Das beeinträchtigt ihre Entwicklung und führt später dazu, dass sie im Armutskreislauf gefangen bleiben. Fünf bis zehn Prozent weniger Einkommen erwirtschaften Erwachsene, die als Kinder unter extremer Unterernährung litten, so die FAO. Unter dem verborgenen Hunger leiden weltweit mindestens zwei Milliarden Menschen.

Wer hungert?
98 Prozent der vom Hunger betroffenen Menschen leben in Entwicklungsländern, die meisten davon in Afrika südlich der Sahara und in Südasien. Die Hälfte von ihnen sind Kleinbauern, 20 Prozent besitzen kein Land und zehn Prozent sind Nomaden. Weitere 20 Prozent der Hungernden leben verarmt in Städten.

"Extrem alarmierend" ist die Lage laut IFPRI in der Zentralafrikanischen Republik. In sieben weiteren Ländern sei sie alarmierend, in 44 ernst und in 24 moderat. Zu den Brennpunkten zählen der Tschad, Sambia, Haiti, Madagaskar, Sierra Leone, der Jemen, Afghanistan, Osttimor und der Niger. Aus mindestens zwölf Ländern und Regionen, wo viele Unterernährte leben, liegen allerdings keine aktuellen Daten vor. Das sind unter anderem der Südsudan, Libyen, Eritrea und Syrien. Die Zahlen, die den Experten zur Verfügung standen, stammen aus den Jahren 2012 bis 2016 und wurden von UN-Organisationen erhoben.

Gibt es auch Fortschritte?
In 14 Ländern sank der Index-Wert um 50 und mehr Prozent, dazu gehören zum Beispiel Brasilien, Peru, Türkei, die Ukraine, China – und als einziges afrikanisches Land der Senegal. 72 Länder verbesserten sich zwischen 25 und 49,9 Prozent, darunter sind die Staaten Mexiko, Thailand oder der Iran.

Was sind die Ursachen
für den Hunger?

Von den 815 Millionen Hungernden leben 489 Millionen in Konfliktgebieten. Wer sich also die Liste der besonders gefährdeten Länder ansieht, wird schnell feststellen, dass in vielen Kriege oder Kämpfe toben: In der Zentralafrikanischen Republik beispielsweise kommt es seit 2013 immer wieder zu Gewaltausbrüchen zwischen Rebellengruppen; fast 60 Prozent der Zivilbevölkerung sind inzwischen unterernährt. Ob hier oder in Syrien, im Jemen oder in Teilen Nigerias, wo die islamistische Terrorgruppe Boko Haram die Menschen drangsaliert – in Bürgerkriegsländern können die Bauern keinen Boden bestellen, oft wird die landwirtschaftliche Infrastruktur zerstört, Teile der Bevölkerung müssen fliehen und verarmen weiter.

Die Armut ist der Grund, warum auch in Friedenszeiten gehungert wird. Arme Menschen haben wenig Saatgut, oft keinen Dünger oder keine Werkzeuge, sie sind weniger gebildet und besitzen kein oder zu wenig Land. Der Hunger hält sie in der Armutsfalle, so die FAO. Die ungerechte Verteilung von Land und die Macht großer Agrarkonzerne sei kontraproduktiv beim Kampf gegen Hunger, mahnt außerdem das Hilfswerk Misereor. So würden beispielsweise in Südamerika auf 57 Millionen Hektar Soja für den Export nach China und die EU angebaut – während Länder wie Paraguay wieder Lebensmittel importieren müssten.

Die wachsende Zahl von extremen Wetterereignissen durch den Klimawandel führt ebenfalls zu Hunger. Ein Beispiel ist die diesjährige Dürre in Ostafrika. Sie hat zur Folge, dass ein Land wie Kenia wieder ernsthafte Probleme hat – trotz positivem Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre und Investitionen in die Ernährungssicherheit. Erosion und Versteppung, so mahnt die FAO, werden dazu führen, dass bis zum Jahr 2050 mindestens 20 Prozent mehr Kinder unter Mangelernährung leiden als heute.

Zu Mangelernährung kommt es auch, weil die Preise für Nahrungsmittel in den betroffenen Ländern zunehmend instabil sind, beziehungsweise steigen und sich die Menschen die Nahrung immer weniger leisten können. Fehlende Investitionen der jeweiligen Staaten in die Landwirtschaft, unfaire Handelsabkommen und die Subventionspolitik reicher Länder zählen ebenfalls zu den Ursachen für Hunger. Verschärft wird die Situation in den gefährdeten Ländern auch durch deren vergleichsweise hohes Bevölkerungswachstum.

Welche Rolle spielt
unser Lebensstil?

Auf der Welt werden genügend Lebensmittel produziert, um zumindest rechnerisch alle Menschen satt zu machen. Doch ein Drittel – 3,3 Milliarden Tonnen – wird jedes Jahr verschwendet. Allein die Deutschen werfen jährlich 18,4 Millionen Tonnen an Nahrung in den Müll, hat der WWF schon 2015 vorgerechnet. Wertvolle Ressourcen wie Wasser und Böden werden verbraucht, die Luft wird verschmutzt – was wiederum den Klimawandel befeure. Ähnliche Folgen hat auch der hohe Fleischkonsum der ersten Welt.

Was ist zu tun?
Geht es nach den globalen Nachhaltigkeitszielen der UNO, soll der Hunger bis 2030 beendet sein. Weil dies vermutlich nicht erreicht wird, hat UN-Generalsekretär Ban Ki-moon jetzt die Initiative "zero hunger" ausgerufen und drei Wege dahin genannt: Ernährungshilfen, Schulspeisungen und Hilfe für Kleinbauern.