Putins Schattenmann

Stefan Scholl

Von Stefan Scholl

Fr, 20. Januar 2017

Ausland

IM PROFIL: Igor Setschin, Chef des russischen Staatskonzerns Rosneft, wickelt seine Geschäfte gerne im Verborgenen ab.

Die Öffentlichkeit liebt er nicht, erst recht nicht, wenn es ums Geschäft geht. Dieser Tage meldete der liberale Moskauer Fernsehsender TV Doschd, Igor Setschin sei der letzte Staatsmanager Russland, dessen Dienstlimousine noch mit Blaulicht durch Moskau kurve. Die Hauptstadt-Presse bezweifelte prompt, dass der Chef des Ölkonzerns Rosneft dazu berechtigt ist. Die Hauptstadtpresse mag Setschin nicht. Der seinerseits verklagt die Medien gern.

So zwang Setschin die russische Ausgabe des Magazins Forbes zu einer Gegendarstellung: Sie hatte berichtet, der Staatsmanager kassiere 50 Millionen Dollar Jahresgehalt. Ähnlich erging es den Zeitungen Wedomosti und Nowaja Gaseta, die Setschin einen Villenneubau auf einem 60-Millionen-Dollar-Grundstück und eine 100-Millionen-Dollar-Yacht zugeschrieben hatten. Was das Blaulicht auf seinem Daimler anbelangt, so beschied Setschins Sprecher TV Doschd mit vier Worten, gegen die das Götz-von-Berlichingen-Zitat von Goethe ("Er kann mich im Arsche lecken") noch harmlos klingt.

Setschin, 55, zum zweiten Mal verheiratet, zwei Kinder, ist keiner, der der Öffentlichkeit gefallen will. In seinen seltenen Interviews bemüht sich der Manager, der Portugiesisch studiert hat und in Sowjet-Zeiten Militärübersetzer in Afrika war, mit leiser Stimme um möglichst nichtssagende Antworten. "Ich bin kein Politiker, nur Manager." Tatsächlich ist Setschin in Russland viel mehr als ein Politiker. Er gilt als Putins engster Intimus. Seit ihren gemeinsamen Dienstjahren im Rathaus von St. Petersburg in den 90er Jahren folgt Setschin Präsident Wladimir Putin treu wie ein Schatten: als subalterner Kremlbeamter, als Chef der Präsidialverwaltung, als Vizepremierminister. Die Gasindustrie gilt als Putins Chefsache, die Ölbranche und namentlich Rosneft vertraute er Setschin an. 

Rosneft hatte im Jahr 2004 über eine Briefkastenfirma die wichtigsten Aktiva des Ölkonzerns Yukos ergattert, der mittels Steuerforderungen zerschlagen worden war. Yukos-Chef Michail Chodorkowski, der im Gefängnis landete, klagte, Setschin habe das Verfahren gegen ihn aus Geldgier organisiert. Später schluckte Rosneft für Dutzende Milliarden Dollar die Konkurrenten TNK-BP sowie Baschneft. Das Flaggschiff der russischen Ölindustrie besitzt inzwischen ein Drittel aller russischen Ölquellen und kontrolliert die weltweit größten Ölreserven.

Aber welche Gier Setschin wirklich antreibt, ist unklar. Nicht nur Journalisten beklagen, er führe Rosneft so geheimniskrämerisch wie eine Abteilung des früheren sowjetischen Geheimdiensts KGB. Das gilt auch für seine jüngste Großtat, den von den Staatsmedien als Triumph gefeierten Verkauf von 19,5 Prozent der Rosneft-Aktien an ein Konsortium des Schweizer Öltraders Glencore und des Katarer Investmentfonds QIA. Laut Wedomosti hat erst die russische Staatsbank WTB, dann die staatliche Holding Rosneftegaz das nötige Geld von mehr als zehn Milliarden Dollar an die Investoren verliehen. Manch ein Beobachter in Moskau spekuliert, der Verkauf sei ein Fake und das Aktienpaket tatsächlich bei russischen Einrichtungen gelandet, die Igor Setschin kontrolliert.

Der zweitmächtigste Mann in Russland

Dieser verzichtet diesmal auf eine Klage – vorerst. Von der Wirtschaftszeitung RBK aber verlangte er schon vor dem Deal 50 Millionen Euro Schadensersatz. RBK hatte vermeldet, Setschin befürchte, der BP-Konzern könne im Rahmen der Teilprivatisierung ein Sperrpaket von Rosneft-Aktien erwerben und habe deshalb von der russischen Regierung Schutzmaßnahmen verlangt.  BP blieb bei dem Geschäft wirklich außen vor, aber schon vorher gab ein Moskauer Gericht Setschin Recht. Nur drückten die Richter seine 50-Millionen-Forderung, die RBK in den Bankrott getrieben hätte, auf 6200 Euro herunter. Noch darf Setschin persönlich keine Oppositionsmedien schließen, er ist schließlich nur der zweitmächtigste Mann im Land.