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13. Januar 2012

Afghanistan-Krieg

US-Soldaten urinieren auf tote Taliban: „Unmenschlich und brutal“

Ein Internet-Video zeigt US-Marines, die lachend auf tote Taliban urinieren / Afghanische Regierung zeigt sich verstört.

KABUL/WASHINGTON. Ein im Internet veröffentlichtes Video mit Bildern von US-Soldaten, die auf Leichen von mutmaßlichen Taliban-Kämpfern in Afghanistan urinieren, hat massive Empörung hervorgerufen.

Es kommt selten vor, dass die Nato und westliche Regierungen die Meinung der Taliban-Propagandaabteilung zumindest im Grundsatz teilen. Am Donnerstag war einer dieser raren Momente: Niemand dürfte der Einschätzung von Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid widersprechen, der die auf einem Internet-Video gezeigte Schändung der Leichen von mutmaßlichen Aufständischen durch US-Soldaten "unmenschlich, unmoralisch und brutal" nannte. In seltener Einmütigkeit verurteilten nicht nur die Taliban, sondern auch Präsident Hamid Karsai, die Nato und das Pentagon die Tat. Offiziell wurde die Echtheit des Videos zunächst nicht bestätigt.

Die Afghanen sind Kummer mit den internationalen Truppen gewohnt. Zwar behandelt die überwältigende Mehrheit der ausländischen Soldaten die einheimische Bevölkerung respektvoll. Doch Einzelne sorgen immer wieder für negative Schlagzeilen. Ein Beispiel aus den vergangenen Jahren war der Skandal um die Totenschädel-Fotos, auf denen Deutsche mit Menschenknochen posierten. Oder – weitaus schwerwiegender – das selbst ernannte "Kill-Team": Fünf Amerikaner, die 2010 aus Mordlust Zivilisten getötet und die Leichen verstümmelt haben sollen.

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Hinzu kamen Foltervorwürfe gegen US-Truppen im Gefängnis auf dem Stützpunkt Bagram. Zivile Opfer bei Militäroperationen fachen den Unmut weiter an. Das Image der Truppen ist ramponiert. Laut einer Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung von Ende 2011 hält die Mehrheit der Afghanen die ausländischen Soldaten inzwischen für Besatzer.

Der jüngste mutmaßliche Skandal wird den wachsenden Hass vor allem auf die Amerikaner nun aller Voraussicht nach weiter befeuern. Kaum etwas dürfte die Bemühungen der Nato-geführten Schutztruppe Isaf um die "Herzen und Köpfe" der Bevölkerung effektiver unterminieren als US-Soldaten, die lachend auf die Leichen von Afghanen urinieren. Dass es sich bei den Toten um mutmaßliche Aufständische handelt, ist auch für Militärs irrelevant. "Diese respektlose Tat ist unerklärlich und nicht in Übereinstimmung mit den hohen moralischen Maßstäben, die wir von Koalitionstruppen erwarten", teilte die entsetzte Isaf mit. Deutlich wurde auch Präsident Karsai. Er fordert von der Isaf und den USA immer vehementer, Afghanistan als souveränes Land zu respektieren, in dem die Truppen nicht selbstherrlich agieren können. In einer Mitteilung des Präsidentenpalastes äußert sich die Regierung zutiefst verstört.

Auch Karsais Image nimmt Schaden

Das US-Militär reagierte schnell. Noch bevor überhaupt Klarheit über die Echtheit des Videos bestand, begann der Versuch der Schadensbegrenzung. Ein Team der hochkarätigen NCIS, der aus der gleichnamigen Fernsehserie bekannten Strafverfolgungsbehörde der Navy, leitete Ermittlungen ein. Schon das allein deutet nach Angaben von Militärexperten darauf hin, dass Karsai seine prompte Forderung sehr wohl erfüllt bekommen könnte. Im Fall der Echtheit des Videos sollen die Übeltäter so schwer bestraft werden, wie es nur möglich ist.

Dennoch dürften die ohnehin belasteten bilateralen Beziehungen weiteren Schaden erlitten haben. Die Verhandlungen über ein strategisches Abkommen zwischen Washington und Kabul, die sich seit Monaten verzögern, werden durch das abstoßende Video ebenfalls nicht erleichtert werden.

Und auch Karsais Image dürfte durch den Vorfall weiter angekratzt werden: Ihm gelingt es trotz all seiner Appelle, Drohungen und Wutausbrüche nicht, die ausländischen Truppen in den Griff zu bekommen. Der jüngste Vorfall ist eine Steilvorlage für die Aufständischen. Sie machten am Donnerstag im Zusammenhang mit der geplanten Eröffnung eines Taliban-Büros im Golf-Emirat Katar erneut deutlich, dass sie Karsais "Handlanger-Regierung" nicht anerkennen werden. Immerhin: Die Taliban nutzten den jüngsten Skandal nicht dafür, zaghafte Fortschritte in Richtung einer politischen Lösung am Hindukusch zurückzudrehen. Taliban-Sprecher Mudschahid sagte, das Video werde keine Auswirkungen auf das geplante Büro in Katar haben. Der "Heilige Krieg" werde allerdings weitergeführt.

Autor: Can Merey (dpa)