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04. September 2012 00:10 Uhr
Türkei / Syrien
"Warum hetzt Erdogan die Muslime gegeneinander auf?"
In der südtürkischen Provinz Hatay wächst der Widerstand gegen die Syrien-Politik des Premiers Erdogan. Zudem verunsichern Islamisten die Bevölkerung.
"Unser Blut und unsere Seele geben wir Baschar", skandieren die rund fünftausend türkischen Demonstranten. An diesem Samstag, der eigentlich Weltfriedenstag ist, sind sie in Antakya auf die Straße gegangen, um ihren Zorn gegen die Syrien-Politik des türkischen Premierministers Erdogan loszuwerden. "Die vielen syrischen Flüchtlinge in unserer Provinz haben mehr Freiheit als wir", behauptet der Redner auf der Abschlusskundgebung – und fragt mit ausgebreiteten Armen die Menge: "Sollen wir uns das bieten lassen?"
"Nein", schreien die aufgebrachten Demonstranten. Dabei bearbeiten sie wütend die mitgebrachten Trommeln und halten Hochglanzporträts des syrischen Präsidenten Baschar el Assad hoch, der, so der Redner, "das gute Recht hat, die Einheit Syriens zu verteidigen". Das 220 000 Einwohner zählende Antakya war bis zu dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs eine boomende Großstadt. Das Freihandelsabkommen zwischen der Türkei und Syrien brachte der Region einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung. Jetzt, nach der Übernahme der Grenzübergänge durch die "Freie Syrische Armee", ist der Handel völlig zum Erliegen gekommen. Anstelle der Touristen kämen jetzt Flüchtlinge "in unsere weltoffene, multikulturelle Stadt", klagt Mithat Kalaycioglu, Chefredakteur der Lokalzeitung Hatay. Hatay – so heißt auch die an Syrien grenzende türkische Provinz, in der nun, so der Journalist, "Islamisten ihr Unwesen treiben".
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Wütend zeigt Kalaycioglu auf eine Gruppe jüngerer Männer mit langen Bärten in der Fußgängerzone von Antakya. "Diese Leute belästigen unsere Frauen, bedrohen sie wegen ihrer elegant geschnittenen Kleider." Er steht mit seiner Kritik keineswegs allein da. Viele Einwohner scheinen seine Ansichten zu teilen, was sicher auch mit ihrer Religionszugehörigkeit zu tun hat: In der Provinz Hatay stellen eine halbe Million arabisch sprechende Alawiten die Bevölkerungsmehrheit. Das erklärt die Verbundenheit mit der regierenden alawitischen Minderheit in Syrien aber nur teilweise.
werden wohl bald umgesiedelt
Auch im Kule-Restaurant von Harbiye, einem luftigen Vorort von Antakya, dreht sich das Gespräch um die Syrien-Politik des türkischen Premiers, der von den Besuchern als "neuer Kalif" verspottet wird. "Wir wollen weder Streit noch Krieg, sondern weiterhin in Frieden miteinander leben", betont der Student Suleiman. Sein Tischnachbar, ein Rechtsanwalt aus der Grenzstadt Reyhanli, nickt zustimmend, um anschließend ein gefährliches Spiel der Amerikaner anzuprangern. Sollten "die Imperialisten" in Syrien intervenieren, werde es auch in der Südtürkei nicht ruhig bleiben. "Warum", fragt der Jurist mit hochrotem Kopf, "hetzt Erdogan die Muslime gegeneinander auf?"
Man müsse den Ärger der Menschen in Hatay verstehen, versucht der oppositionelle Parlamentsabgeordnete Hasan Akgol die Wut seiner Landsleute ein wenig zu relativieren. "Die Leute hier haben Angst. Sie wissen nicht, wie lange die unzähligen Flüchtlinge hierbleiben und welche Absichten sie verfolgen."
Auch die Regierung von Erdogan scheine inzwischen den Ernst der Lage erkannt zu haben, erklärt der Abgeordnete weiter. Erste Gespräche über einen "Umzug der Flüchtlinge" aus der Provinz Hatay in anderen Regionen des Landes seien bereits geführt worden. Nur so könnten die vorhandenen Spannungen abgebaut werden.
Autor: Michael Wrase



