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21. Juli 2009

Das Kreuz mit den Verdiensten

Die Israel-Kritikerin Felicia Langer ist unter Beschuss

Für das Ordensreferat des Bundespräsidialamtes hat der Fall auch sein Gutes: Schonung des Budgets. Verleiht man bestimmten Persönlichkeiten ein Bundesverdienstkreuz, dann geben andere ihres unter Protest zurück. Mit etwas Geschick und Politur kann die Behörde so stets eine komfortable Ordensmenge vorrätig halten, ohne nachbestellen zu müssen.

Im Ernst: Ausgezeichnet wird mit dem Bundesverdienstkreuz fraglos auch ein gewisses Maß an Würde und Reife. Dazu gehört nach dem common sense, dass ein Ausgezeichneter aus Respekt vor dem Bundespräsidenten und seinen Orden es unterlässt, die Aberkennung des Verdienstkreuzes bei einem Anderen zu fordern. Auch wenn’s schwerfällt.

So viel Contenance ist der Publizist und Verdienstordensträger Ralph Giordano (86) aus Köln offenbar nicht bereit aufzubringen. Er verlangt schäumend vom Stuttgarter Staatsministerium, der Schriftstellerin Felicia Langer (78) aus Tübingen das in der Vorwoche im Namen des Bundespräsidenten verliehene Bundesverdienstkreuz wieder abzuerkennen. Und droht kaum verhohlen mit der Rückgabe des seinigen – woran den mediengewandten Seidenschalträger am Ende die eigene Eitelkeit hindern dürfte.

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Giordano, prominente jüdische Stimme Deutschlands, wirft der Israelin Langer vor, sie spiele mit ihrer Kritik an Menschenrechtsverletzungen Israels den Todfeinden des Judenstaats in die Hände. Er nennt seine Kollegin die "schrillste Anti-Israel-Fanfare in Deutschland". Unterstützung bekommt Giordano durch einige Scharfmacher aus dem Zentralrat und konservativen Teilen der Israel-Lobby.

Der neue Konflikt trägt ritualisierte Züge, er ähnelt dem Streit zwischen der Israel-Kritikerin Evelyn Hecht-Galinski und dem Publizisten Henryk M. Broder. Leisten harte Israel-Kritiker dem Antisemitismus Vorschub, üben sie Verrat am Existenzrecht Israels? Ja, finden die Frontkämpfer Broder und Giordano und halten das im Dauerkriegszustand, in welchem sich Israel befindet, für nicht tolerierbar.

Boris Palmer ist anderer Meinung. Der grüne OB Tübingens, der, ermuntert auch durch Hecht-Galinski, die Wahl-Tübingerin für den Orden vorgeschlagen hat, behauptet, wenn sie Israel kritisiere, dann immer mit dem Ziel, Frieden durch Ausgleich zu schaffen. "Sie ist eine Kritikerin, die für Israels Zukunft einen wichtigen Beitrag geleistet hat." Oettingers Staatsministerium zeigt sich erschrocken vom Furor der Kritiker und betont die "humanitären Verdienste" der Menschenrechtsanwältin. Auf einen neuen Dissens mit dem Zentralrat hat man hier bis auf Weiteres schlicht keine Lust.

Autor: Stefan Hupka