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09. Juni 2011
Bayern
König Ludwig II. - 125. Todestag des seelenkranken Märchenprinzen
Viele Bayern pflegen ihr ganz eigenes Verhältnis zu dem vor 125 Jahren gestorbenen König Ludwig II. / Sein Tod gibt noch immer Rätsel auf .
"Hoffentlich ist es am Pfingstmontag nicht so heiß", sagt Claus Wilhelmi. An diesem 13. Juni ist er im Einsatz. Die schwere Bayern-Fahne wird er am Vormittag ein langes Stück tragen, beim Gedenkgottesdienst in Berg am Starnberger See. Und das in voller Tracht: Lederhose, Hemd, Jacke, Hut. Es ist kein billiges Folklore-Imitat, mehr als 1000 Euro hat er in die Einzelstücke investiert. Nachmittags geht es weiter in der Münchner Michaelskirche. Der katholische Erzbischof Reinhard Marx hält dort ein Requiem für den vor 125 Jahren Verstorbenen, für den Bayern-König Ludwig II. In Berg kam er im See ums Leben, in der Münchner Kirche ist er in der Gruft bestattet.
Claus Wilhelmi, 49 Jahre alt, wohnhaft in München-Moosach und angestellt bei einer Spedition, steht den "Königlich Bayerischen Patrioten" in der Landeshauptstadt vor. Das Haus Wittelsbach als einstige Königsfamilie hat ihn gebeten, die Fahne zu tragen. So lässt Ludwig II. an seinem Todestag weiterhin Menschen schwitzen, wenn das Wetter schön ist – der Märchenkönig, der "Kini", der Erbauer der bayerischen Traumschlösser.
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Im Biergarten beim "Alten Wirt" in Moosach im Norden der Stadt sitzt Claus Wilhelmi. Der Ort passt für ein Gespräch über Heimatliebe, Königsliebe und warum er sich der alten, monarchistischen Zeit so verbunden fühlt. Hier muss Wilhelmi nicht bestellen, der Kellner bringt ihm ohne Aufforderung ein dunkles Weißbier. "Mit den Königen haben wir Bayern ja keine schlechten Erfahrungen gemacht", sagt er, holt die Dose mit Schnupftabak aus der Tasche und schnieft eine Prise. "Und wenn wir hier mal einen Thronfolger hätten, so wie die Engländer, und es gäbe eine Hochzeit – das wäre doch schön."
Im Ludwig-Jubiläumsjahr boomt der Kult um den König. Mehr als zwei Millionen Besucher werden seine drei Schlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee 2011 verzeichnen. An die 4000 Bücher sollen mittlerweile über Ludwig II. erschienen sein. Es gibt nichts, was nicht schon bis ins Detail ausgeleuchtet wurde: der Bauwahn, der rätselhafte Tod im Alter von nur 40 Jahren, sein Geisteszustand, die Liebe zu Architektur und Musik, die Scheu vor Menschen, das Desinteresse an Politik, die Homosexualität. Trotz dieser grellen Person steht Ludwig II. wie kein anderer für das traditionelle weiß-blaue Bayern.
Sehr sachlich und abgeklärt geht Claus Wilhelmi die verschiedenen Wittelsbacher Herrscher durch. "Der beste König war er sicherlich nicht", urteilt der Kenner, der im Arbeitsalltag Umzüge und Wohnungsräumungen erledigt, "aber der interessanteste." Wesentlich mehr Bedeutung habe sein Großvater Ludwig I. "Der hat aus München das gemacht, was es ist", sagt Wilhelmi. Die Alte Pinakothek ließ er bauen, den Königsplatz, die Universität. "Der hat 16 Stunden am Tag durchgearbeitet", lobt Wilhelmi.
Doch himmeln viele in diesen Monaten nur Ludwig II. an und dieses allzu simple Klischee vom Er-war-der-größte-Popstar-aller-Zeiten. Bayerns CSU-Finanzminister Georg Fahrenschon eröffnete kürzlich auf Herrenchiemsee die große Ludwig-Ausstellung und sagte, dass der Freistaat ohne ihn viel ärmer wäre. Und Siemens lädt alle, die Rang und Namen haben, zu einem Lichtspektakel in die Venusgrotte am Schloss Linderhof ein. Diese wurde schon im Jahr 1878 von 24 Lampen elektrisch beleuchtet – Werner von Siemens und der Elektrotechniker Sigmund Schuckert installierten dafür 24 Dynamos. Erst danach hat Thomas Edison die Glühbirne patentieren lassen. An der Grotte gab es also das "weltweit erste Elektrizitätswerk" – beauftragt von Ludwig II., errichtet von Siemens. Die Höhle allerdings bröckelt an allen Ecken und Enden. Unablässig dringt Feuchtigkeit ein, permanent droht sie überschwemmt zu werden.
Nicht nur Siemens, auch die Guglmänner haben ihr spezielles Verhältnis zu Ludwig II. "Es war Mord", postulieren sie immer wieder bei Aktionen an verschiedenen Orten im Freistaat. Mal mit Plakaten im Starnberger See, mal am Münchner Königsplatz. Die Guglmänner sind ein kurioser "Geheimbund", dessen Mitglieder mit schwarzen Kutten verhüllt auftreten. Der preußische oder der bayerische Geheimdienst habe den Kini am See getötet, postulieren sie.
Laut dem Obduktionsbericht ist Ludwig II. im Starnberger See, der damals noch Würmsee hieß, ertrunken. Entweder war es ein Unfall oder er wollte sich das Leben nehmen. Fünf Tage zuvor ist er von Psychiatern für unheilbar "seelengestört" erklärt und dann entmündigt worden. Von Neuschwanstein wurde er nach Schloss Berg am See gebracht. Am Abend seines Todes unternahm er mit Bernhard von Gudden, dem Psychiater, der ihm Unzurechnungsfähigkeit bescheinigte, einen Spaziergang am See. In der Nacht wurden die Leichen der beiden Männer nahe des Ufers im nur knietiefen Wasser gefunden. An der Stelle steht ein großes Kreuz im See – täglich kommen auch heute noch rund 50 Besucher.
Ludwig und Gudden haben miteinander gerungen. Der entmachtete, lebensmüde König ist dann ertrunken. So lautet die gängige Erklärung. Sie wird gestützt durch die Obduktion, an der mehr als zehn Ärzte und Beamte beteiligt waren. Die Guglmänner und andere sind aber der Ansicht, Ludwig II. habe fliehen, den See durchschwimmen wollen, um sich in München dem Volk zu zeigen und die Macht zurückzuerobern.
Auch Wolfgang Till ist sich sicher, dass an jenem Abend des 13. Juni 1886 ein Mensch getötet wurde. Der pensionierte frühere Leiter des Münchner Stadtmuseums hat es einmal als "Mord" bezeichnet. Nun sagt er im Gespräch ganz schnell: "Ich weiß nicht, was es juristisch ist – Mord oder Totschlag oder etwas anderes." Denn das Wort vom Mord hat ihm, der auch über Ludwig II. geschrieben hat, mächtig Ärger eingebracht. Der Historiker stellt eine Frage, die sonst ausgeblendet wird: Was eigentlich ist mit dem Psychiater Gudden geschehen – einem schmalen Mann, zwei Köpfe kleiner als der 1,93 Meter große Märchenprinz? Zuerst muss Ludwig II. Gudden im Kampf getötet haben. Der Kini hat also ein Menschenleben auf dem Gewissen, bevor er selbst starb.
Dennoch sieht sich Till mit ihm versöhnt. Er schätzt seinen Sinn für Landschaftsarchitektur: "Es ist perfekt, wie er die Schlösser in die Berge und Täler eingepasst hat." Das bayerische Volk wurde durch seine Projekte nicht speziell ausgebeutet, aber das Vermögen der Wittelsbacher verprasst, Ludwig II. verschuldete sich immer höher. Vor allem deshalb wollte man ihn ausschalten. Heute, da ist sich Till sicher, wäre er ein Fall wie Griechenland. Was würde passieren? "Die EU und der IWF müssten Bayern vor dem Bankrott retten."
Märchenprinz, Genie, Geisteskranker? Eine ganz andere Deutung hat der Heidelberger Psychiater Heinz Häfner. Sie macht aus Ludwig II. eine menschliche Gestalt, eine traurige und bemitleidenswerte. Häfner hat die Medizinakten aus dem Entmündigungsverfahren studiert und stellt in einem Buch fest, dass der König nicht an Geistesschwäche oder einer Psychose gelitten habe. Vielmehr sei er angstkrank gewesen und habe eine Sozialphobie gehabt – noch verstärkt durch seine gesellschaftlich geächtete Homosexualität. Wenn er mit anderen Menschen zusammen war und den Erwartungsdruck spürte, überkam ihn Panik. Er wollte ausweichen, nur weg. So zog er sich mehr und mehr zurück und flüchtete in eine Art von Bausucht. In seiner Amtszeit ist er nur ein Mal für vier Wochen nach Franken gereist, sonst hielt er sich immer in königlichen Bauwerken auf. In den letzten zwölf Jahren trat er nicht mehr öffentlich in Erscheinung.
Das Planen und Errichten immer größerer Schlösser verschaffte ihm Erleichterung, war eine Gegenwelt zur angstbesetzten realen Umgebung. Selbst zur Kaiserkrönung des Preußen Wilhelm I. schickte er einen Vertreter nach Versailles. Ein typisches Vermeidungsverhalten aufgrund von Angst.
Im Biergarten sitzt Claus Wilhelmi und lächelt heiter, wenn man diese Themen anspricht – die Homosexualität, die Guglmänner, die psychische Erkrankung. "So ernst nehme ich das alles nicht", sagt er. "Bei mir ist da eben eine gewisse Schwärmerei, eine Melancholie mit dabei."
Autor: Patrick Guyton


