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04. Juli 2012

"Ein keimfreies Ufer gibt es nicht"

BZ-INTERVIEW mit Gerd Schröder vom Institut für Seenforschung über das Baden im Bodensee.

  1. Gerd Schröder Foto: privat

FREIBURG/LANGENARGEN. Ein ADAC-Gewässer-Gutachten hat für Wirbel gesorgt: Demnach ist die Belastung einiger Badestellen am Bodensee mit gefährlichen Krankheitserregern im Uferbereich bedenklich hoch. Das baden-württembergische Gesundheitsministerium sieht das jedoch anders und gibt Entwarnung. Über diese Diskrepanz sprach Charlotte Janz mit Gerd Schröder vom Institut für Seenforschung der Landesanstalt für Umwelt (LUBW).

BZ: Der ADAC bescheinigt Bodensee-Badestellen teils eine schlechte Wasserqualität. Das Gesundheitsamt sagt das Gegenteil. Wie kann das sein?

Gerd Schröder: Das liegt an den unterschiedlichen Messmethoden. Die Vorschrift der Gesundheitsämter verpflichtet sie, Proben in einer Wassertiefe von etwas mehr als einem Meter zu entnehmen. Der ADAC hat bewusst Proben im flachen, etwa 30 Zentimeter tiefen Wasser entnommen und erhöhte Enterokokken-Werte gefunden. Das verwundert uns gar nicht.

BZ: Warum?

Schröder: Weil Enterokokken etwa in Vogelkot vorkommen und im Schlamm eine lange Überlebenszeit haben. Da ist die Chance, Erreger zu finden, relativ hoch.

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BZ: Für Eltern, deren Kinder im Flachen planschen, ist es doch wichtig zu wissen, dass es diese Erreger am Ufer gibt.

Schröder: Diese Bakterien sind nur für besondere Personengruppen unter Umständen nicht ganz ungefährlich. Wenn jemand tatsächlich ein schwaches Immunsystem hat, sollte er vielleicht nicht an den See gehen.

BZ: Also Kinder und alte Menschen?

Schröder: Was glauben Sie, was alles in einem Sandkasten drin ist? Ein keimfreies Ufer gibt es nicht bei einem Gewässer, in dem auch Tiere leben. Dann müsste man die Natur ausklammern. Das ist ja kein steriler Bereich wie einem Krankenhaus.

BZ: Misst das Gesundheitsamt einfach nicht an kritischen Stellen und erlangt dadurch seine guten Werte?

Schröder: Man hat sich auf die Wassertiefe von etwas über einem Meter geeinigt, weil man da die Gewissheit hat, die Wasser- und nicht die Schlammqualität zu bestimmen. Mit diesem einheitlichen Maßstab kann man zum Beispiel feststellen, wenn sich Kolibakterien aus Abwässern im See verteilen. Wenn einer am Ufer mit den Füßen durch Schlamm watet, in dem Bakterien allgegenwärtig sind, ist das weniger schlimm, als wenn er in verseuchtem tiefem Wasser schwimmt und davon eventuell etwas schluckt. Im Uferbereich ist die Wahrscheinlichkeit, Schlamm mitzumessen, enorm hoch. Die Grenzwerte, die die Ergebnisse der ADAC-Studie überschreiten, sind nicht fürs flache Wasser gemacht, sondern für das tiefe. Wenn das tiefe Wasser solche Werte aufweisen würde, wie sie am Ufer gefunden wurden, hätte man eine viel größere Belastung.

BZ: Das Gesundheitsministerium spielt die ADAC-Studie auch deshalb etwas runter, weil statt geforderten 16 Mal nur dreimal gemessen wurde. Das interessiert mich als Bürger doch nicht. Einmal in Bakterien planschen, reicht im Zweifelsfall ja schon.

Schröder: Ich drehe den Spieß mal um: Sie machen nur eine Messung und erhalten ein unbedenkliches Ergebnis. Trotzdem kann der Bereich einen Meter weiter belastet sein. Bei der Messung hat man nur zufällig den Abschnitt des Ufers erwischt, der unbedenklich ist. Das hängt auch davon ab, ob gerade ein Vogel vorbeispaziert ist und Enterokokken ausgeschieden hat oder nicht. Wer belastbare Aussagen treffen will, sollte über einen längeren Zeitraum messen und über mehr statistische Daten verfügen.

BZ: Das Baden im Bodensee ist also...?

Schröder: ...ein für gesunde Menschen tolles Freizeitvergnügen.

Autor: cjz