Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

20. Oktober 2014 07:29 Uhr

Gastfreundschaft

Was den Helferkreis für Flüchtlinge in Lörrach antreibt

Flüchtlinge kommen ins Land, obwohl wir sie nicht eingeladen haben – und manche heißen sie doch willkommen. Eine Geschichte über Helferkreise in Südbaden. Wer sind diese Menschen? Was treibt sie an?

  1. Ein Flüchtling in einem Unterkunftszelt in der Nähe von München. In Müllheim belegen sie demnächst die Sporthalle. Foto: dpa

  2. Sven Mahnke, gebürtiger Berliner, lebt seit einem Jahr in Lörrach und engagiert sich im Freundeskreis Asyl. Foto: Nadine Zeller

  3. Herwig Popken (links), Seemann aus Ostfriesland und ehemaliger Flüchtlingsheimleiter, berät einen Flüchtling in Rheinfelden beim Stellen eines Antrags. Foto: Nadine Zeller

Man könnte sagen, dass in diesem Moment nur noch die Flüchtlinge fehlen. Sven Mahnke löst seinen Blick von einem Zettel, schaut in die Runde und sagt: "Das ist jetzt alles sehr abstrakt, wir müssen erst warten, bis sie hier ankommen, dann zeigt sich, ob sie Lust auf einen Malkurs haben." Vor ihm liegt die Freizeitaktivitätenliste für die Flüchtlinge.

Darauf steht: Gemeinsam kochen, einkaufen, Fußballspielen und vieles mehr. Es ist Donnerstagabend und die Mitglieder des neugegründeten Freundeskreises Asyl beratschlagen in einer Lörracher Kneipe, wie man die Flüchtlinge in die Gemeinde einbinden könnte.

Der Helferkreis ist vorbereitet

Die 300 Flüchtlinge, auf deren Ankunft sich der Helferkreis vorbereitet, sind noch gar nicht in der Stadt. Es gibt eine Freizeitaktivitätenlisten, aber keine Flüchtlinge. Sie fehlen, weil die Stadt weiterhin eine geeignete Unterkunft sucht. Fakt ist: Die Flüchtlinge werden kommen. Und der Helferkreis ist darauf vorbereitet. Malkurs hin oder her.

"Irgendwann schließen sie die Tür von innen zu, wenn sie uns sehen und denken: Hilfe, die Freizeitbrigade", sagt Klaus Nack. Er lacht. Zusammen mit Sven Mahnke und den "Mitgliedern des Aktionsbündnisses gegen rechts" hat er den Freundeskreis Asyl gegründet. Als sich Ende Juni in Lörrach die Bürgerinitiative "Brombach brodelt" bildete, hielten Mahnke und Nack es für angebracht, ein Zeichen zu setzen – ein Zeichen der Gastfreundschaft.

Werbung


Auf der rhetorischen Ebene ist das Mitgefühl mit den Flüchtlingen in diesen Tagen groß – viele, die sich an die Debatten Anfang der Neunziger Jahre erinnern, bewerten das Ausbleiben von fremdenfeindlichen Parolen als einen Fortschritt. Allein in diesem Jahr erwartet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rund 200.000 Asylbewerber.

Verunsicherung bei einigen Bürgern

Einigen Menschen macht das Angst. Auch wenn die Parolen ausbleiben – das Betonen der Andersartigkeit, sei sie gefühlt oder tatsächlich vorhanden, sei sie religiös, kulturell oder ethnisch begründet – zeigt, wie groß die Verunsicherung mancherorts ist. Hier setzen die Helferkreise an.

Überall in Südbaden haben sich freiwillige Helfergruppen gebildet. Sie heißen "Netzwerk Gastfreundschaft", "Freundeskreis Asyl", "Arbeitskreis Asyl", "Helferkreis für Flüchtlinge". In nahezu jeder kleineren bis mittleren Gemeinde haben sich Bürger zusammengetan, um Taten sprechen zu lassen und den Flüchtlingen zu zeigen "Ihr seid nicht allein."

In Todtnau, Rheinfelden, Offenburg, Freiburg, Kirchzarten, Ihringen – es gibt sie überall. Als der Landkreis Lörrach 39 Flüchtling in der kleinen Gemeinde Wieden unterbrachte, geschah dies auch mit einer gewissen Besorgnis. Aber auch dort fanden sich zahlreiche Helfer. Sie brachten Spenden und boten Hilfe an. Und zum Bürgergespräch mit der Kreisverwaltung kamen 130 Einwohner.

Eine bunte Truppe kommt zusammen

"Die Menschen freuen sich, wenn man sie kennenlernen will", ermunterte der Sozialbetreuer die Zuhörer, die nächsten Schritte zu tun. Bürgermeister Klingele freute sich über das Engagement, "unseren neuen Mitbürgern einen guten Start in der Gemeinde zu ermöglichen". Wer sind diese Menschen? Was treibt sie an?

Es ist eine bunt gemischte Truppe, die an diesem Abend im soziokulturellen Zentrum Nellie Nashorn in Lörrach sitzt. Da gibt es die 54-jährige Ergotherapeutin aus Lörrach, die helfen will, aber noch nicht so richtig weiß, wie. Da gibt es den 28-jährigen Erzieher aus Steinen, da gibt es den Diplompädagogen Klaus Nack und eben Sven Mahnke.

Vor drei Jahren ist Nack zur Oberbürgermeisterwahl angetreten, weil er fand, dass die amtierende Oberbürgermeisterin Gudrun Heute-Bluhm zu wenig Gegenkandidaten hatte. Heute-Bluhm gewann die Wahl. Nack trug es mit Fassung. Der Demokratie war Genüge getan. Das zählt.

Viel Orgakram steht an

Den Mief des Missionarischen und des demonstrativen Gutmenschentums sucht man bei den Mitgliedern des Freundeskreises Asyl lange. Sven Mahnke berlinert vor sich hin, jemand bestellt ein Bier, dann geht’s um Räume für einen Kochkurs. Es ist alles sehr konkret hier – viel Orgakram.

Sven Mahnke trägt Baggyjeans, eine Tätowierung und eine Basecap auf dem Kopf. Bis vor einem Jahr lebte der 28-jährige Anlagenmechaniker in Berlin. Dort ist er aufgewachsen. Mittags schlenderte er mit seinen Freunden durch Schöneberg. Zu seinen Kumpels gehören Afghanen, Kosovo-Albaner, Türken und Deutsche. Er ist mit verschiedenen Kulturen groß geworden. Er kennt es nicht anders.

Ihm gefällt, was sie in Lörrach bisher auf die Beine gestellt haben. 40 Menschen gehören mittlerweile dem Freundeskreis Asyl an – und es werden immer mehr. Eine Gruppe will den Flüchtlingen beim Deutsch lernen helfen, die anderen bei Behördengängen und Briefen unterstützen, die dritte Spenden sammeln und die vierte Freizeitaktivitäten anbieten.

Heute trifft sich die Freizeitgruppe. Mahnke schlägt vor, einen gemeinsamen Spaziergang mit den Flüchtlingen zur Burgruine Rötteln zu machen. "Als ich hierherkam, wollte ich da auch immer hoch", sagt er. Ein anderes Mitglied grätscht dazwischen: "Nochmal zurück zu den Freizeitaktivitäten, also ich meine: Was interessiert die Flüchtlinge denn?" Klaus Nack grinst und sagt: "Vielleicht wollen sie auch einfach ihre Ruhe."

Idealismus und Naivität hin oder her. Sie wollen sich hier nicht nachsagen lassen, dass sie es nicht versucht hätten. Flüchtlinge sind keine geladenen Gäste. Gastfreundschaft, die in diesem Fall keine Gegenseitigkeit kennt, weil die Flüchtlinge aus Regionen stammen, in der sie selbst nicht mehr leben wollen oder können. Viele Deutsche stammen selbst aus Familien mit Fluchthintergrund, der eine oder andere Familienangehörige weiß noch wie es war, in diesem Land anzukommen. Viele scheinen es vergessen zu haben.

Mahnkes Mutter ist Deutsche, die Familie des Vaters stammt aus Odessa. Die deutschen Behörden wiesen dessen Familie nach Kriegsende einen Platz in einem Auffanglager in Niedersachsen zu. Ostpreußen, Pommern, Schlesien – etwa 12 bis 14 Millionen Deutsche und deutschstämmige Angehörige verschiedener Staaten waren damals auf der Flucht. Umso mehr Verständnis müsste da sein. Häufig herrscht jedoch das Nimby-Prinzip vor – also "Not in my Backyard" sprich: Nicht in meinem Hinterhof.

Als Sven Mahnke den Flyer "Brombach brodelt" in seinem Briefkasten fand und darauf die Begriffe "Ghetto" und "Kleinkriminalität" stehen sah, war er alarmiert. Der gebürtige Berliner ist beruflich oft im Ausland unterwegs. Jetzt ist Lörrach sein Kiez. Und was dort passiert, interessiert ihn. Als einige Bürger des Lörracher Stadtteil Brombachs Wind davon bekommen, dass direkt vor ihrer Nase eine Flüchtlingsgemeinschaftsunterkunft geplant ist, stellen sie eine Bürgerversammlung auf die Beine. Sven Mahnke geht hin.

Viele Menschen haben sich versammelt. Die Halle ist voll. Es ist Ende Juni. Und es ist von Ghettobildung die Rede. Die Stadt müsse endlich die Karten auf den Tisch legen, fordert Ralf Eschweiler, Sprecher der BI Brombach. "Wir haben nichts gegen Flüchtlinge, wollen aber nicht so viele." Eschweiler sagt, eine Unterkunft für 80 bis 100 Leute wäre kein Problem. Aber 300 seien zu viele für Brombach. Mahnke meldete sich. Er fragt: "Wovor habt ihr Angst?"

Gezischel und Murren. Später schaltet sich Mahnke erneut ein. Er fragt: "Wisst ihr, was ein Ghetto ist?" Das ist zu viel. Brombacher fordern ihn auf, zu gehen. Es kommt zu Geschiebe. Sie machen sich lustig über seine Sprache. Auch Herwig Popken ist auf der Veranstaltung. Früher war er Seemann, lebte in Bremerhaven. Dann zog er in den Süden und leitete jahrelang das Flüchtlingsheim in Rheinfelden. Er kennt die rechtliche Lage der Flüchtlinge wie kaum ein anderer. Im Laufe der Recherche landet man immer wieder bei ihm.

Popken ist an diesem Sommertag auch auf der Bürgerversammlung. Auch Klaus Nack. Die drei Männer tauschen sich aus. Popken rät den Lörrachern, einen Freundeskreis zu bilden. Als Gegenpol zur Bürgerinitiative. Ein paar Tage später steht die Facebook-Seite. Am 2. Juli gründet sich der Freundeskreis Asyl Lörrach offiziell und einigt sich auf erste Eckpunkte. Zu der ersten öffentlichen Versammlung Mitte Juli lädt der Freundeskreis auch die Bürgerinitiative "Brombach brodelt" ein. Sie kommen zahlreich.

Sammelaktion von Sachspenden

Ein paar Tage später: Der Grundstückskauf in Brombach platzt. Jemand hat dem Landkreis das Grundstück vor der Nase weggekauft. Wer es ist, steht bis heute nicht fest. Zufall? Der Landkreis Lörrach steht erneut mit leeren Händen da. Die Suche geht von vorne los. Die Mitglieder von "Brombach brodelt" kommen seltener zu den Sitzungen des Freundeskreises Asyl. Bei der dritten Sitzung ist niemand mehr da.

In der Zwischenzeit hat der Freundeskreis seine zweite Sammelaktion von Sachspenden hinter sich. Es kommen Kleidungsstücke, Spielsachen und Hausgeräte zusammen. "Der Rücklauf ist überwältigend", sagt Klaus Nack.

Es gibt aber auch Geschichten, die die andere Seite zeigen. Ein Helferkreismitglied aus einem anderen Ort sagt in einem Telefonat in einem Nebensatz, dass es Vorteile habe, mit den Kommunen zusammenzuarbeiten. Weil Behörden eine ganz andere Macht hätten, Dinge durchzusetzen. Beim Nachhaken stellt sich heraus, dass Mitglieder des Helferkreises eine Telefonliste von Ärzten durchgegangen waren und sich bestätigen ließen, dass in den Praxen auch Flüchtlinge behandelt werden. Einer der Ärzte gab an, er werde keine Flüchtlinge aufnehmen. Als ein Vertreter des Bürgermeisteramtes die gleiche Frage stellte, kam die Zusage: "Selbstverständlich werde man Flüchtlinge behandeln."

Man möge bitte nichts über die Episode schreiben, heißt es dann von den Helfern. Sie sind auf die gute Zusammenarbeit mit bestimmten Menschen und Institutionen angewiesen. Also keine Öffentlichkeit. Zu groß ist die Gefahr, dass bestimmte Türen endgültig zufallen. Eine gute Zusammenarbeit, darum geht es. Nicht um die moralische Deutungshoheit.

Sven Mahnke tippt mit dem Kuli gegen seine Fingerkuppen. Punkt für Punkt liest er vor, was mittlerweile auf der Freizeitaktivitätenliste steht. Neben Kochen, Einkaufen und Fußballspielen steht da mittlerweile: auch Trommeln und Fahrräder reparieren. Die Flüchtlinge müssen von A nach B kommen. Ziel ist es gebrauchte Fahrräder zu organisieren, die die Flüchtlinge selbst reparieren. "Das ist ne leichte handwerkliche Tätigkeit, wenn wir sie unterstützen, läuft das", sagt Mahnke. Später könnten sie auch andere Fahrräder reparieren, wenn sie wollten. Daneben könnte man einen Spendentopf stellen. "Verdienen dürfen sie ja nichts."

Mahnke winkt die Bedienung heran. Er muss los. Er will sich noch mit einer befreundeten Sängerin treffen, die sich vorstellen könnte, ein Projekt mit den Jugendlichen zu machen. Auch Smurf, ein Rapper aus Lörrach, wäre vielleicht mit am Start. Sie trommeln alle zusammen. Fragt man Sven Mahnke, was ihn antreibt, sagt er: "Ich habe das Bild vor Augen, dass irgendwann der 17-jährige syrische Flüchtling zusammen mit der alten Oma einkaufen geht." Die Visionen sind da. Jetzt fehlen nur noch die Flüchtlinge.

Mehr zum Thema: .

Autor: Nadine Zeller